Morgenpost Online: Frau Uphoff, bei der Dressur wirken viele Bewegungen künstlich. Wie wird ein Pferd dazu gebracht, Pirouetten oder Piaffen zu zeigen?
Nicole Uphoff: Da kann ich jeden Zweifler beruhigen. Wenn es nicht die natürlichen Bewegungen des Pferdes wären, hätten wir gar keine Chance. Dressur bedeutet nicht dressieren. Auf der Weide zeigen die Pferde all diese Bewegungen, viele entstehen aus reinem Imponiergehabe. Wenn sich ein Hengst von einem anderen wegdreht, dann ist das eine Galopppirouette. Im Endeffekt bringen wir den Pferden bei, dass sie die Bewegungen auf eine bestimmte Hilfe hin tun.
Morgenpost Online:
Wie begegnen Sie dem Vorwurf der Tierquälerei?
Uphoff:
Wenn dem so wäre, würden sich die Pferde auf keinen Fall so präsentieren, wie sie es bei der Dressur tun, und ließen sich gar nicht reiten. Man muss dazu wissen, dass wir Menschen in puncto Kraft den Tieren nicht gewachsen sind. Ich kann Dressurreiten mit einem absolut reinen Gewissen vertreten. Aber ich verstehe auch, dass Laien zweifeln, weil sie Dressur teilweise nicht verstehen, und schwarze Schafe gibt es überall.
Morgenpost Online: Worin liegt der Reiz einer Dressur?
Uphoff: Wenn man es als Reiter so hinbekommt, dass das Pferd Spaß daran hat, sich zu präsentieren und dass man Hilfen gibt, die von außen so gut wie unsichtbar sind. Dass heißt, ich rupfe nicht an den Zügeln oder gebe dem Pferd die Sporen. Mit Rembrandt war es bisweilen Telepathie, was zwischen uns lief. Bei meinem Olympiasieg 1992 in Barcelona ist er die Einzelprüfung allein zu Ende gegangen. Ich konnte aufgrund der großen Hitze nicht mehr und habe nur gedacht ‚Remy mach’ weiter!’ Das hat er getan.
Morgenpost Online: Kann ein Pferd die vielen Lektionen so auswendig lernen, wie wir Menschen es verstehen?
Uphoff: Mit Pferden ist es wie mit Menschen. Es gibt super intelligente, aber auch ziemlich dumme Exemplare. Ein kluges Pferd weiß genau, wann welche Aufgabe kommt. Gute Kürpferde wissen exakt, bei welcher Musik was gefordert ist. Je intelligenter das Pferd, desto besser, aber auch desto schwieriger, weil sie einem oft zuvorkommen.
Morgenpost Online: Warum schwieriger?
Uphoff: Weil ein Pferd dann auch dem Wahnsinn sehr nah ist. Rembrandt war hyperintelligent, aber er neigte auch immer zu Spinnereien. So hat er immer irgendwelche Geister gesehen und teilweise einen Riesenaffentanz gemacht. Will heißen, er hat sich unheimlich erschrocken während einer Prüfung.
Morgenpost Online: Wie haben Sie Ihrem Pferd diesen Spleen ausgetrieben und dann viermal Gold bei Olympia errungen?
Uphoff: Ich habe zunächst einmal gelernt, wie ich dieses Pferd auf der Spur halte. Ich musste die Beine schließen und die Hand sehr stabil halten. Im Laufe der Zeit haben wir uns so gut kennengelernt, dass ich frühzeitig gemerkt habe, wann ‚Remy’ vor dem Ausflippen stand. So konnte ich es dann meistens vermeiden.
Morgenpost Online: Was ist die Grundlage eines Erfolges in der Dressur?
Uphoff: Dass man das Pferd selbst ausbildet. Nur dann kann man das erforderliche Vertrauen mit dem Pferd aufbauen. In Deutschland ist das aber gang und gäbe.
Morgenpost Online: Seit 1976 ist die deutsche Equipe bei Olympia unbesiegt. Was ist das für ein Gefühl, vorher schon als Gewinner festzustehen?
Uphoff: Daran denkt man als Reiter nicht, außerdem muss der Sieg ja erst einmal erreicht werden. Dabei muss man im Teamwettbewerb auf Sicherheit reiten, weil man ja nicht nur für sich allein verantwortlich ist. In Hongkong wird es diesmal besonders knifflig, da nur drei Reiter einer Equipe angehören und jedes Paar gewertet wird.
Morgenpost Online: Mit Ihnen haben die Frauen 1988 in Seoul die Macht im deutschen Dressursattel übernommen. Warum gibt das weibliche Geschlecht dort den Ton an?
Uphoff: Frauen haben vielleicht das bessere Gespür für die Dressur. Die Performance, das kerzengerade im Sattel Sitzen ist wohl mehr Frauensache. Dagegen geht es im Springen mehr um Mut und Schnelligkeit, das entspricht mehr den männlichen Ambitionen. Aber dort etablieren sich Frauen immer mehr in der Weltspitze.
Morgenpost Online: Welche Voraussetzungen muss man für die Dressur mitbringen?
Uphoff: Wichtig sind Geduld, Einfühlungsvermögen und ein gutes Körperbewusstsein, um sich selbst korrigieren zu können. Außerdem benötigt man starke Nerven. Nicht zu vergessen sind natürlich Talent und Taktgefühl.
Morgenpost Online: Kann man mit Übergewicht Olympiasieger werden?
Uphoff: Es sieht natürlich immer schöner aus, wenn das nicht der Fall ist. Und gerade das Dressurreiten ist ein sehr von Ästhetik und Eleganz geprägter Sport. Mit einem Bierbauch wird man sicher nicht Olympiasieger.
Morgenpost Online: Welche Mannschaft gewinnt am Donnerstag Dressurgold?
Uphoff: Hoffentlich Deutschland.
Morgenpost Online: Und wer Gold im Einzel?
Uphoff: Isabell Werth.
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