Die Dame auf der Geschäftsstelle hat ihren Text gelernt: „Nein, Herr Müller ist nicht im Büro, er macht gerade Urlaub“, flötet sie freundlich in den Telefonhörer. Mehrmals am Tag muss sie das tun, denn der Manager des FC Schalke 04 ist derzeit sehr gefragt. Vor allem Journalisten wollen wissen, wie Andreas Müller es geschafft hat, einen so begehrten Spieler wie Orlando Engelaar (28) zu verpflichten. Und das im Urlaub.
Den Transfer des Niederländers dürfte aber selbst ein erfahrener Verhandlungskünstler wie Müller nicht vom Liegestuhl aus getätigt haben; Engelaar war schließlich ein gefragter Mann.
Der defensive Mittelfeldspieler stand bei der Europameisterschaft in allen vier Partien seiner Nationalmannschaft in der Starformation und hatte maßgeblichen Anteil an den herausragenden Siegen über Italien, Frankreich und Rumänien in der Gruppenphase. Dazu kommt, dass er bei seinem ehemaligen Verein Twente Enschede einen Vertrag bis 2011 besaß, der auch noch die fixe Ablöse von acht Millionen Euro vorsah.
Ein Aufbruchsignal
Ganz so viel soll es dann doch nicht gewesen sein. Aber die 5,5 Millionen Euro, die die Gelsenkirchener ursprünglich für den Transfer eingeplant hatten, sollen dennoch deutlich übertroffen worden sein. Vermutlich haben sich die Vereinsvertreter in der Mitte getroffen, irgendwo zwischen sechs und sieben Millionen Euro. Offiziell haben die Klubs Stillschweigen vereinbart, Twente-Präsident Joop Munstermann ließ allerdings durchblicken, Schalke habe „die geforderte Summe gezahlt“.
Engelaars Verpflichtung ist für die Königsblauen ein Aufbruchssignal. Der dritte Rang der abgelaufenen Saison soll nur das Basislager für den Gipfelsturm gewesen sein. Zumal Trainer Fred Rutten der Amtsantritt mit einem weiteren Wunschspieler versüßt wurde.
Bereits während der EM war in Jefferson Farfan (23) der teuerste Zugang der Schalker Vereinsgeschichte engagiert worden, zehn Millionen Euro kostete der peruanische Nationalspieler. Am Donnerstag trainierte er zum ersten Mal mit seinen neuen Kollegen – zuvor hatte er noch einige Ungereimtheiten in seiner Heimat klären müssen. Bei der Taufe seines Sohnes sollen Farfans Bodyguards aufdringliche Reporter verprügelt haben.
Zu viele Offensivkräfte
Ähnliche Durchschlagskraft erwarten die Schalker jetzt auf dem Spielfeld von ihm. Für Josef Schnusenberg jedenfalls erwachsen aus den beiden Millionentransfers neue Ziele. Der Vorstandsvorsitzende erklärt seine Erwartungen: „Nach Platz drei in der vergangenen Saison soll diesmal die direkte Qualifikation für die Champions League geschafft werden, also der zweite Platz. Ich halte das für realistisch.“
Nach den Verpflichtungen Farfans und Engelaars soll allerdings kein weiterer Star mehr gekauft werden. Schnusenberg sagt: „Das reicht. Jetzt muss es in die andere Richtung gehen, jetzt müssen wir ein paar Spieler abgeben.“ Das scheint auch dringend notwendig: Nach dem Kauf von Farfan gehören mittlerweile zehn Offensivkräfte zum Schalker Kader.
Und da Rutten an seinem neuen Arbeitsplatz das in den Niederlanden obligatorische 4-5-1-System installieren will, werden mindestens sechs von ihnen unfreiwillig Bekanntschaft mit der Ersatzbank machen. Bisher stehen nur die Abgänge von Zlatan Bajramovic (vereinslos), Mimoun Azaouagh (VfL Bochum) und Mathias Abel (1. FC Kaiserslautern) fest.




