Alle Ehrgeizigen unter uns Sportsfreunden, die demnächst ohne Angst vor der Dopingkontrolle ihre Vereinsmeisterschaft im Tennis, Schach oder Minigolf gewinnen wollen, sind übers Wochenende überrascht worden von einer wunderbaren Nachricht: Sie können sich vertrauensvoll an Professor Dr. Marcos Maynar Marino von der Universidad de Extremadura in Caceres wenden. Wer Dreck am Stecken hat, hat nichts zu befürchten.

In E-Mails an diverse Teams, die bei der Tour de France am Start sind, offeriert er durch die Blume die Möglichkeit des Grenzwertdopings. Die Welt-Antidoping-Agentur Wada will schleunigst die spanischen Behörden kontaktieren, doch könnte sie die gleiche Erfahrung machen wie unlängst Präsident McQuaid vom Radweltverband in der „Operacion Puerto“-Affäre um Dopingdoktor Fuentes („Wir werden durch das spanische Justizsystem blockiert“): Kein Anschluss unter dieser Nummer – tüt-tüt-tüt.

Alle geben Gas wie schon vor Jahren Alonso

Diese Spanier. Sie kommen der Antidopingwelt spätestens spanisch vor, seit der Strafprozess gegen Fuentes voriges Jahre ohne Schuldspruch eingestellt wurde mit dem Hinweis auf die fehlende Gesetzesgrundlage. Die Angst, dass die Affäre am Ende eher unter den Tisch gekehrt als aufgeklärt wird, treibt die Bewahrer des Sports langsam in die innere Emigration. In seiner TV-Runde am Samstag haben der Moderator Antwerpes und seine Experten bis hin zum Rennstallchef Holczer einträchtig den Rüssel hängen lassen – und irgendwann ist einem der unvorsichtige Satz entfahren: Die Spanier sind im Sport ja mittlerweile fast überall vorne dabei.

Die Runde hat sich kurz angeschaut und dann in Gedanken harmonisch mit dem Kopf genickt aufgrund der erdrückenden Fakten: Vom Toursieger Contador über Nadal im Tennis bis zu den Fußballeuropameistern – alle geben Gas wie schon vor Jahren Alonso.

Warum spricht der Sport plötzlich Spanisch?

Rund um Antwerpes war man sich in der Gesichts- und Körpersprache weitgehend einig: Es muss entweder am sonnigen Wetter liegen – oder daran, dass die sportverrückten Spanier sich den Spaß am Sport so schnell nicht verderben lassen, sondern beispielsweise an das Gute im Radler glauben, solange dem keine weiblichen Brüste wachsen oder er tot aus dem Sattel kippt. Im Übrigen sagen sich die Spanier: Wenn mal ein paar erwischt werden, wie zuletzt Beltran oder Moises Duenas Nevado, warum sollen das keine verirrten Einzelschicksale sein?

Der Spanier als solcher genießt, und wenn es nur die Illusion ist. Als Contador voriges Jahr die Tour gewann, hat das ganze Land Purzelbäume geschlagen ob dieses Teufelskerls, der die Berge fast schneller hochgeklettert ist als die Gendarmerie erlaubt. So mancher Franzose hätte ihn insgeheim gerne in Fußfesseln abgeführt, während die Spanier der Verdacht, dass ihr Tourheld zur Kundschaft Fuentes’ gehört haben könnte, so wenig gestört hat wie der Doktor Fuentes selbst – im Gegenteil, unter donnerndem Applaus hat der über „Medizin im Hochleistungssport“ referieren dürfen, an der Madrider Universität Rey Juan Carlos.

Vielleicht muss Juan Carlos, der König, schleunigst behelligt werden mit diesem Thema, das dem Rest der Sportwelt unter den Nägeln brennt – vielleicht weiß der König aber ja auch schon Bescheid, denn im Fußball-EM-Finale hat die Kanzlerin neulich seine Nähe gesucht. Spätestens seit die Spanier uns da an die Wand gekickt haben, ahnt vermutlich auch Angela Merkel, dass es nicht mehr genügt, auf der Tribüne zu zittern. Es müssen ein paar gesetzgeberische Dinge auf höchster Ebene dringend besprochen werden, um dem vereinten Europa und dem vereinten Sport drohende Verwicklungen zu ersparen – und uns Sportsfreunden die Spams, mit denen Professor Dr. Marcos Maynar Marino uns sonst irgendwann den E-Mailbox mit seinem Angebot verstopft, uns zum Vereinsmeister im Minigolf zu machen, ohne Angst vor Enttarnung.

Oskar Becks Kolumne "Querpass" erscheint jeden Montag in der WELT.