Morgenpost Online: Wie ist es auf dem olympischen Kurs zu segeln, nachdem 130.000 Menschen wochenlang Algen in Handarbeit aus dem Gelben Meer gefischt haben?

Johannes Polgar: Das ZDF war am Montag mit draußen. Die Fernsehleute waren platt und konnten nicht glauben, was sie gesehen und gefilmt haben. Wenn unser Coach Rigo de Nijs nicht die ganze Zeit mit GPS (ein von Satelliten gestütztes Navigationssystem – d.R.) hinter uns gefahren wäre, dann wären wir wohl jetzt auf dem Weg nach Korea. Ganz wichtig ist derzeit für uns: Die Batterien für den GPS nachladen! Sonst sind wir da draußen verloren. Die Sichtweite betrug aufgrund von Smog und hoher Luftfeuchtigkeit gerade mal 20 Meter. Algen waren da, aber nicht übermäßig. Oder vielleicht haben wir sie einfach nur nicht gesehen? Wir wollen diese Woche an der chinesischen Meisterschaft teilnehmen, doch wenn die Sichtverhältnisse so bleiben, dann wird es wohl nichts.

Morgenpost Online: Wie ist die Stimmung unter den Aktiven?

Polgar: Irgendwie mystisch, unglaublich einzigartig im ganzen Olympiacamp. Das Setup und die Einrichtungen im Hafen sind super. Unsere Chill-Out- und Werkstatt-Container sind spitze.

Morgenpost Online: Aber der Segelsport ist gestraft durch ein Olymiarevier, das vor allem mit Algenpest, nun auch Gestank sowie Nebel, Flaute und starkem Strom auf sich aufmerksam macht, oder?

Polgar: Das haben wir uns gestern auch gefragt. Ich denke: Nein. Die Welt hat das Recht, auch solche Bilder mit uns zu teilen. Das, was wir erleben, ist teilweise einzigartig. Es ist sicher nicht der spektakulärste Segelsport. Doch mit diesen Facetten fertig zu werden, gehört dazu, hier Olympiasieger zu werden. Ganz ehrlich: Wir haben auch Spaß, nur eben auf seltsame Weise.

Morgenpost Online: Welche Botschaft würden Sie gern an die Olympia-Verantwortlichen senden?

Polgar: Das fällt mir schwer, so etwas zu formulieren, es scheint mit Bezug auf die jüngsten Entscheidungen der Funktionäre über die olympischen Segeldisziplinen (Tornado ist ab 2012 nicht mehr olympisch – d.R.) verschwendete Zeit. Vielleicht etwas, das leicht zu verstehen ist: Wo kein Schnee ist, da kann man nicht Ski fahren, wo kein Wind ist, kann man nicht segeln!

Morgenpost Online: Wer könnte dennoch während der olympischen Regatta von diesen Bedingungen profitieren?

Polgar: Die coolsten Sportler, die sich trotz allem die Freude am Segeln erhalten und ihre Leistung ungestört abrufen – hoffentlich wir! Ansonsten sind alle Sportler Gewinner, die während der Flauten unsere Sendezeit einnehmen.

Morgenpost Online: Wie viel Glück werden Segelolympiasieger 2008 brauchen?

Polgar: Kein Segler wird hier nur mit Glück Olympiasieger. Die Vorbereitungen waren so intensiv und akribisch und reine Glückstreffer lässt das olympische Format im Segeln nicht zu. Die Guten werden wieder alle vorne sein und sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Und ein Eddy „the Eagle“ wäre vermutlich auch auf einer Sommerschanze nicht Skisprung-Olympiasieger geworden.

Morgenpost Online: Könnte die von den Chinesen in den vergangenen Tagen neu errichtete, insgesamt 32 Kilometer lange Algenbarriere die Strömungsverhältnisse und damit die Regatten beeinflussen?


Polgar: Das wird sich noch zeigen, aber ich denke nicht. Am Donnerstag hat sie sich erst mal als störend dargestellt, als diverse Segler im dichten Nebel in dieser Barriere hängen geblieben sind und kurzfristig die Orientierung verloren. Ansonsten gilt das Prinzip: Je weniger Algen, desto besser. Ansonsten bleiben wir ja darin stecken.

Morgenpost Online: Mit welcher Einstellung starten Sie in Ihre Rennen?

Polgar: Beijing ist und bleibt unser Ding!