Hoffnungen, habe ich mal irgendwo gelesen, sind Erwartungen mit wohltuendem Inhalt. Am Ende sollten nur beide nach Möglichkeit nicht enttäuscht werden. Vielleicht ist es deswegen ganz gut, wenn wir die Messlatte für die deutschen Leichtathleten in Peking nicht zu hoch anlegen.
Selbst nach langem Grübeln und Rechnen komme ich am Ende auf nicht mehr als eine Handvoll Medaillengewinne. Ob überhaupt eine goldene dabei ist, wird viel von Glück und günstigen Umständen abhängen. Mein Tipp mag gewagt erscheinen, doch am ehesten traue ich den Olympiasieg der jungen Hochspringerin Ariane Friedrich zu, die mich schon jetzt an Heike Henkel, die Olympiasiegerin von 1992, erinnert.
Uns fehlen Typen mit Ausstrahlung, die andere mitreißen
Lange habe ich nicht mehr ein solches Talent in der deutschen Leichtathletik gesehen, eine solche Kämpfernatur und Persönlichkeit mit Ausstrahlung obendrein. Das ist es ja, was uns fehlt: Typen, die wissen, was sie wollen, und die, die andere mitreißen – nicht nur aufgrund ihrer Erfolge.
Nach wie vor sehe ich uns in den Wurfdisziplinen am stärksten. Deshalb zähle ich auch die Speerwerferinnen Christina Obergföll und Steffi Nerius, die Kugelstoßerin Nadine Kleinert, die Hammerwerferin Betty Heidler und den Diskuswerfer Robert Harting zu den aussichtsreichsten Medaillenkandidaten. Außerdem denke ich, dass einer unserer drei Stabhochspringer auf dem Podest landen könnte. Von ihnen beeindruckt mich am meisten der junge Raphael Holzdeppe. Wie unbeschwert er mit seinen 18 Jahren Klasseleistungen abruft, das nötigt Respekt ab. Für Holzdeppe wie für fast alle deutschen Leichtathleten bei diesen Olympischen Spielen gilt: Wer am Ende keine Medaille gewinnt, jedoch alles gegeben und eine neue persönliche Bestleistung abgeliefert hat, der kann stolz auf sich sein.
Viele Talente wollen auf Erfolg im Beruf nicht verzichten
Maßloses Anspruchsdenken, wie wir es aus glorreichen vergangenen Zeiten kennen, empfehle ich uns dringend zu sparen. Denn was wir in Deutschland seit einigen Jahren – und immer noch – erleben, ist ein tiefgreifender Generationswechsel. Viele bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sehr erfolgreiche Athleten, darunter auch ich, haben inzwischen ihre Karrieren beendet. Diejenigen, die danach kommen, vermögen aus verschiedenen Gründen nicht nahtlos anzuknüpfen.
Wir haben es hier vor allem mit einem Strukturproblem zu tun. In den Jugend- und Juniorenklassen mischen deutsche Leichtathleten in der Weltspitze mit, doch beim Schritt in den Erwachsenenbereich stolpern zu viele. Auch und gerade, weil sie Leistungssport und berufliche Ausbildung nicht fruchtbar miteinander zu verbinden vermögen – Stichwort duale Karriere. Das ist schade, denn es gibt so viele Talente hierzulande, auch wenn die Breite geringer geworden ist. Mit der Förderung der Leichtathletik in Schulen und Vereinen, einer durchdachteren Talentsichtung und einer noch besseren Trainerausbildung würden wir mehr Erfolg haben.
Die Hoffnung auf Überraschungen stirbt zuletzt
Es mag uns trösten, dass andere Länder in Europa dasselbe Problem plagt, Frankreich etwa. In Zukunft werden wir uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass Länder wie Äthiopien im Medaillenspiegel aufholen oder Industrieländer wie Deutschland gar überholen werden. Die Welt rückt näher zusammen, auch weil Sport im Allgemeinen und Leichtathletik im Speziellen anderswo einen ganz anderen Stellenwert hat.
Das Schöne ist aber, dass Olympia stets viele Überraschungen parat hält. Warum sollten nicht auch deutsche Leichtathleten davon betroffen sein? Deshalb sollten wir den Wettkämpfen optimistisch entgegensehen. Und außerdem: Wer es in diesem Jahr nicht packt, der erhält 2009 eine neue, vielleicht noch höherwertige Chance. In Berlin findet die Leichtathletik-WM statt. Schade eigentlich, dass ich schon aufgehört habe.
Heike Drechsler, 43, wurde 1992 und 2000 Olympiasiegerin im Weitsprung.


