Igor Grinko ist ein Meister seines Fachs und gerade gut genug für diese Herausforderung. 21 Medaillen gewann der Trainer bei neun Olympischen Spielen für die ehemalige Sowjetunion und die USA. Jetzt soll der hoch dekorierte Rudertrainer den chinesischen Athleten bei den Olympischen Spielen zu möglichst viel Gold verhelfen, wenn der Gastgeber mit aller Macht zeigen will, dass die besten Sportler der Welt im Reich der Mitte zu Hause sind.

Der Litauer Grinko ist einer von mehr als 60 ausländischen Trainern, die für das „Projekt 119“ angeheuert wurden. 119, das war die Summe der anvisierten Goldmedaillen, doch inzwischen ruderten Chinas Funktionäre zurück. Selbst Optimisten halten das Vorhaben für unrealistisch.


An der riesigen Erwartungshaltung hat sich aber wenig geändert, und ausländisches Know-how scheint als Katalysator besonders willkommen. Die Basketballspieler werden ebenfalls von einem Litauer, Jonas Kazlauskas, trainiert, die Säbelfechter von dem Elsässer Christian Bauer, die Baseballspieler vom Amerikaner Jim Lefebvre.


Die Gastarbeiter werden fürstlich entlohnt und finden erstklassige Rahmenbedingungen vor. Gleichwohl stoßen einige an ihre Grenzen, weil sie den Vorstellungen der Funktionäre nicht entsprechen. Rund ein Drittel der Fachkräfte mit ausländischem Pass, schätzt die Zeitung „China Daily“, wurden vorzeitig entlassen.

Eigenwilliges Anspruchsdenken

Der Serbe Ratomir Dujkovic ist das wohl letzte Opfer des eigenwilligen Anspruchsdenkens. Der chinesische Fußballverband degradierte den Trainer drei Wochen vor Beginn der Spiele zum Assistenten und ersetzte ihn durch eine einheimische Fachkraft. Davor hatte Josef Capousek entnervt die Segel streichen müssen.

17 Goldmedaillen hatte der gebürtige Tschechoslowake mit den deutschen Kanuten bei den vergangenen vier Olympischen Spielen eingeheimst, bevor er 2005 als Cheftrainer vom chinesischen Kanuverband engagiert worden war. Er sagt: „Es war sinnlos. Sie wollten eine Medaillengarantie, dabei verstehen sie nicht das Geringste von diesem Sport.“ Auch bei den Kanuten führt jetzt ein Chinese das Kommando. Vorgänger Capousek und Leidensgenosse Dujkovic wollten dasselbe: das starre chinesische Trainingsystem aufbrechen, das geprägt ist von Disziplin und Misstrauen.

Rudertrainer Grinko galt der Partei als idealer Bewerber. Zu Zeiten des Kalten Krieges erwarb er sich einen Ruf als gnadenloser Schleifer. Sein Motto: „Mein Lieblingswort ist Leiden.“ Aber was Grinko kurz nach seiner Unterschrift 2004 in China mit ansehen musste, ging auch ihm zu weit. Ein einheimischer Kollege schlug einer Ruderin gegen die Beine. Grinko stellte klar: „Fasst nie wieder meine Sportler an.“

"Den Chinesen fehlt das Fingerspitzengefühl"

Er hat sich arrangiert mit seinen Vorgesetzten. Und solange seine Ruderer auf Goldkurs liegen, darf Grinko im für zehn Millionen Dollar, 400 Kilometer südwestlich von Shanghai erbauten Ruderpark „Shnuyi“ machen, was er will. Rund 100 Boote und eine eigene Klinik gehören zum Gelände, der Trainerstab umfasst neben Grinko noch Nicolae Gioga aus Rumänien und den Ex-DDR-Nationaltrainer Hartmut Buschbacher aus Elsterwerda.

Vielleicht ist Grinko auch noch im Amt, weil er das harte Regiment, das er vorgefunden hat, nur etwas abgemilderter weiterführt. „Die Sportler waren mehr Soldaten als Athleten. Langsam wie Elefanten, aber stark, bevor ich kam.“ Der Niederländer Diederik de Boorder, der ein Jahr Rudertrainer in der Provinz Henan war, erinnerte sich im „Spiegel“ mit Schrecken an die Zeit in China. „Den Chinesen fehlt das Fingerspitzengefühl“, sagt er. „Sie kennen nur Power, Power, Power.“ Über seine Trainingspläne für die niederländische Mannschaft in der Vorbereitung auf die Spiele 2004 konnten die Chinesen nur müde lächeln. Sie erwarteten das doppelte Pensum.

Kraft scheint nach wie vor Grinkos oberstes Credo zu sein bei der Ausbildung der besten von rund 1200 Ruderern im Leistungszentrum, die in Grundschulen gesichtet und dann in die Sportschulen kommandiert wurden: „In Russland haben wir mit Kühlschränken und Möbeln auf dem Rücken trainiert – die Frauen wohlgemerkt“, sagt Grinko ungerührt. Im früheren DDR-Trainer Buschbacher findet er einen Fürsprecher: „Wenn jemand von der Klasse der Chinesen überrascht ist, soll er herkommen und schauen, wie sie trainieren. Wer dann immer noch glaubt, dass das keine Ergebnisse bringt, tut mir leid.“ 18-mal siegten Grinkos Athleten seit 2006 bei Weltmeisterschaften und Weltcups.

Silber bedeutet in China nichts

In Peking, glauben Grinko und Buschbacher, werden sich die Methoden weiter auszahlen. Dreimal Gold, fünfmal Silber und zweimal Bronze, das ist ihr Ziel. Das üppige Gehalt von 90.000 Dollar netto jährlich dürfte Grinko zusätzlich anspornen. In den USA waren es zuletzt 72.300 Dollar – brutto. „Silber, das bedeutet in China nichts“, weiß Grinko. „Da kannst du gleich Letzter werden. Trainer wie ich kommen her, um Gold zu gewinnen, oder wir werden gefeuert.“

Mehr als die Hälfte der Ruderer gehören der Partei an, erfolgreiche KP-Mitglieder bekommen einen Bonus. Aber die Athleten sind für die Politiker nur Mittel zum Zweck. Die Ruderin Gao Yulan klagte in der „New York Times“ über ihr Leben im Rudercamp. „Nicht mal Bilder darf ich an die Wand hängen, das ist verboten.“ Gaos Tag beginnt 6.30 Uhr mit dem ersten Training, erst danach gibt es Frühstück. Gegen 22.00 Uhr ist die letzte Einheit vorbei. „Du fühlst dich allein und traurig nach so vielen Jahren ohne die Familie“, murrt Zheng Chuanqi, der sich seit neun Jahren schindet. Er wollte schon aufhören, doch die Aussicht auf ein Stipendium an einer US-Universität verleitete ihn zum Weitermachen. Das bekommt er freilich nur, wenn er Gold holt.

Gold um jeden Preis? „Die Chinesen machen das, was die DDR in den 70er- und 80er-Jahren getan hat“, sagt Grinko vielsagend. Geht etwas bei der Kalkulation schief, drohen Ächtung und sogar Gefängnis. „Mir wurde gesagt, China muss gut sein. Kein Doping, nur Gold.“ Vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney flogen sieben chinesische Ruderer mit Epo im Blut auf.

Es geht aber nicht nur für die Trainer um viel Geld. Mittlerweile haben die Funktionäre die Belohnung für das Erreichen des Parteiziels Gold stark angehoben. Statt 29.000 Dollar wie noch in Athen, wird ein Olympiasieg daheim nun mit 86.000 Dollar entlohnt, dem 50-fachen eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Ein Olympiasportler kann für eine Familie eine Lebensversicherung sein – und für seinen Trainer sowieso.