Am Freitag um 16.02 Uhr betrat Martin Jol den Presseraum des „Emirates Stadium“ in London. Der Trainer des HSV nahm in seinem blauen Trainingsanzug allein auf dem Podium Platz und blickt mit ernster Miene in die Runde.

Etwa 50 Reporter aus England, Italien, Spanien und Deutschland rechneten damit, dass der Niederländer ein wenig über seine Rückkehr in die alte Heimat und die bevorstehende Testspiele der Hamburger im Rahmen des Emirates-Cups gegen Real Madrid am Sonnabend und Juventus Turin am Sonntag (jeweils 15 Uhr, NDR live) plaudern würde. Doch Jol hatte anderes im Sinn. Er war gekommen, um einen flammenden Appell an den HSV-Vorstand zu richten und um Rafael van der Vaart zu kämpfen.


„Ich muss überlegen, ob ich Rafael gegen Real spielen lasse. Das liegt seit gestern nicht mehr in meinem Bereich“, beantwortete Jol die Frage, ob van der Vaart gegen den spanischen Meister auflaufen würde. Es wäre ein pikantes Duell, denn seit einer Woche stehen die Hamburger Verantwortlichen mit ihren Kollegen aus Madrid in Verhandlungen über einen Transfer des 25-jährigen Spielgestalters.

Neun Millionen sind dem HSV noch zu wenig

Am Donnerstagabend hatte es weitere Gespräche gegeben, die Real-Führung stockte das ursprüngliche Angebot in Höhe von sechs Millionen Euro auf neun Millionen Euro auf. Eine Summe, die nach wie vor nicht den Vorstellungen der HSV-Granden entspricht.

„Wir wissen, welchen Wert ein Spieler wie Rafael van der Vaart hat. Wenn Real Madrid kein vernünftiges Angebot unterbreitet, wird er auch in der nächsten Saison für den HSV spielen“, betonte Vereinssprecher Jörn Wolf. Das Pokerspiel scheint in der heißen Phase angekommen zu sein.


Dementsprechend nervös wirkte Jol, als er im Verlauf der Pressekonferenz immer wieder auf den bevorstehenden Verlust seines wichtigsten Spielers angesprochen wurde. „Jeden Tag werde ich mit diesem Thema konfrontiert. Wenn Real die Summe zahlt, die der Verein mit Rafael vor einiger Zeit abgesprochen hat, dann wird er gehen“, sagte der Trainer und fügte ernst blickend hinzu: „Wenn nicht, dann nicht.“

"Sein Marktwert liegt bei 30 Millionen"

Jol macht sich jedoch Sorgen, dass sich die HSV-Verantwortlichen von den Madrilenen herunterhandeln lassen. „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir Rafael für eine Summe ziehen lassen würden, die unter dem liegt, was mit ihm verabredet wurde.“ Ein Szenario, das sich der 52-Jährige nicht ausmalen mag: „Das wäre lächerlich. Denn ich denke, dass sein Marktwert bei 30 Millionen Euro liegt.“

Bei der Planung des Kaders für die kommende Spielzeit hatte Jol dem Hamburger Vorstand klar gemacht, dass er nicht auf van der Vaart verzichten wolle. Schon damals erklärten Klubchef Bernd Hoffmann und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer, dass man bei einem Angebot ab 15 Millionen Euro nicht Nein sagen könne. Zum einen, weil man dem Kapitän dies versprochen habe. Zum anderen, weil van der Vaart die Hansestadt ansonsten im Sommer 2009 für die festgeschriebene Ablöse von einer Million Euro verlassen würde.

Jol hofft wenigstens noch auf ein gemeinsames Jahr

„Das ist das nächste Dilemma“, sagte Jol am Freitag in London. „Dann muss man so einen Spieler, die beste Nummer zehn in Europa, für fast nichts ziehen lassen.“ Doch der Niederländer drängt zumindest noch auf eine gemeinsame Saison mit seinem Landsmann beim HSV. „Rafael hatte hier drei hervorragende Jahre, die beste Zeit in seiner Karriere. Ich wünsche mir natürlich, dass er noch eine vierte Saison bleibt“, erklärte Jol. Diese Entscheidung muss nun der Hamburger Vorstand treffen. „Ich hoffe, wir bleiben stark.“

Vieles spricht dafür, dass die Entscheidung am Wochenende in London getroffen wird. Schließlich sind Verantwortliche beider Klubs wegen ihres Aufeinandertreffens beim Emirates-Cup in der englischen Metropole. Bernd Schuster, Trainer von Real Madrid, wollte sich Freitagabend auf einer Pressekonferenz nicht zu dem Thema äußern. "Dazu kann ich nichts sagen, da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner“, sagte Schuster. „Wenn Sie Antworten darauf bekommen wollen, müssen Sie mit anderen Leuten sprechen“, verwies er auf Präsident Ramon Caldero und dem Sportdirektor Predrag Mijatovic.

Spanische Medienvertreter, die Real nach England begleitet haben, rechnen jedoch fest damit, dass van der Vaart in der nächsten Woche als Zugang bei Real vorgestellt wird. Ihre Prognose: Bei einer Offerte in Höhe von zwölf Millionen Euro wird die Hamburger Führung weich. Jol hat seine Meinung dazu klar formuliert: „Das wäre lächerlich.“