Wäre alles wahr, was jemals über Uli Hoeneß geschrieben, gesagt oder gedacht wurde, säße er jetzt nicht hier in seinem Büro, sondern im Irrenhaus. Denn dann wäre er nicht Deutschlands erfolgreichster Bundesliga-Manager, sondern hochgradig schizophren.
Turbokapitalist und mildtätiger Spender, Wutteufel und Vereinsglucke, Sturkopf und Spielerstreichler – der 57-Jährige ist facettenreich wie ein geschliffener Diamant. Doch was ist des Pudels Kern? Wer ist dieser Mann wirklich, der zum Jahresende seinen Job nach 30 Jahren aufgibt und zukünftig als Präsident und Aufsichtsratschef nicht weniger mächtig sein wird?
Er sei die „Fusion von Herz und Ellenbogen“, witzelte Komiker Django Asül, und Fernsehmoderator Waldemar Hartmann merkte zur wirtschaftlichen Kompetenz des Managers an, dass Hoeneß dem Papst ein Doppelbett verkaufen könne. Das stimmt wohl. Vor allem aber ist Hoeneß der Galant seines Vereines, der jederzeit bereit ist, mit gezücktem Degen allen Unbill vom FC Bayern fernzuhalten. Komme, wer da wolle – und wenn es die eigenen Fans sind.
Die warfen der Klubführung auf der Mitgliederversammlung im Jahr 2007 vor, dass die Stimmung im neuen Stadion so mies sei, weil zu viele VIP-Gäste sich in der Arena tummeln würden. Oh, da hatten sie Hoeneß an einer wunden Stelle erwischt. Sein Kopf rötete sich zusehends, und dann ging er hoch wie das berühmte HB-Männchen: „Scheißstimmung?“, polterte er, „da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir. Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr über machen, damit wir euch für sieben Euro in die Südkurve gehen lassen können? Was glaubt ihr eigentlich, wer euch das alles finanziert? Die Leute aus den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen.“ Im Internet ist das Video noch immer ein Renner.
Zwei Jahre danach sitzt Hoeneß in seinem Büro und schmunzelt über seinen Ausbruch, der sich nahtlos in die Reihe legendärer Wutreden à la Trapattoni („Schwach wie Flasche leer“) oder Völler („Scheißdreck“) fügt. Es ist erstaunlich gemütlich hier, Holzvertäfelung und Korbsessel verströmen eine Atmosphäre, die eher in eine Berghütte als in das Zimmer des vielleicht mächtigsten Mannes des deutschen Fußballs passt. Nebenan, im Büro des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, dominiert Hightech-Chic mit Glas und Chrom. Hoeneß hingegen setzt auf Kuschelatmosphäre: „Die Einrichtung ist bestimmt schon zehn oder 15 Jahre alt, die hat meine Frau mit unserem Schreiner entworfen. Ich finde, dass es wichtig ist, sich in dem Raum wohlzufühlen, in dem man die meiste Zeit des Tages zubringt.“
Von hier aus entwickelte er den Bayern-Kosmos, pushte den Klub bis ganz nach oben, hier wird er auch in Zukunft arbeiten. „Hoeneß war und ist der FC Bayern“, beschreibt Fernsehkommentator Marcel Reif Hoeneß’ Verdienste. Und tatsächlich: Als der Hobby-Golfer 1979 seine Fußball-Karriere mit 27 Jahren wegen Knieproblemen beendete und auf den Managersessel wechselte, machte der FC Bayern umgerechnet sechs Millionen Euro Umsatz bei 3,5 Millionen Euro Schulden. Keine optimalen Startvoraussetzungen, obwohl der FC Bayern schon damals sportlich top war. „Wir haben weder den Lotto-Jackpot geknackt, noch hat uns eine reiche Tante aus Amerika beerbt. Erst durch den Verkauf von Karl-Heinz Rummenigge zu Inter Mailand 1984 war der FC Bayern erstmals schuldenfrei.“
30 Jahre später hat sich der Umsatz auf 300 Millionen Euro verfünfzigfacht. Und die einzigen Schulden, die Hoeneß jemals machte, stecken in der Arena, die in spätestens zehn Jahren abbezahlt sein soll: „Dann sind wir einer der reichsten Vereine der Welt, können jeden Euro in die Mannschaft stecken. Meine Erben haben eine goldene Zukunft.“
Er wirkt zufrieden, fast entspannt, obwohl die Hinrunde Nerven gekostet hat. Erst stimmten die Ergebnisse nicht, dann wackelte Trainer Louis van Gaal. Keine gute Zeit, um dem Vorruhestand entgegenzuträumen: „Derzeit arbeite ich noch mit 105 Prozent, und ich werde nicht ab dem neuen Jahr auf null runterfahren.“
Nur in ganz ruhigen Momenten denkt er manchmal daran, was er denn machen könnte, wenn er nicht mehr täglich arbeiten muss: „Ich lebe am Tegernsee, da gibt es viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Vielleicht fange ich an zu segeln. Und ich habe noch zwei Mountainbikes in der Garage stehen, die sind quasi noch original verpackt. Ich bin bisher nicht dazu gekommen, sie zu benutzen.“ Doch, und das schiebt er schnell hinterher: „Es wird immer davon abhängen, wie es bei Bayern München läuft. Ich werde keiner sein, der mit dem Fernglas herschaut und hofft, dass es gut weitergeht. Ich werde weiter mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.“
Keine Angst vor Platzwunden
Es wäre auch wirklich zu schade, wenn er ganz weg wäre. Denn was wäre die Bundesliga ohne ihren Lautsprecher, der stets nach seinem Credo gehandelt hat: „Wenn einer in einen Streit geht und Angst hat, eine Platzwunde zu kriegen, dann sollte er es lieber lassen.“
Wie feixten die Fans, als er 1989 im ZDF-„Sportstudio“ mit dem vorlauten Christoph Daum („Dein Weg ist Donnerstag zu Ende“) aneinanderrasselte. Elf Jahre später hielten sie den Atem an, als Hoeneß plötzlich auf der Anklagebank der Nation saß, weil er Daum angeblich Kokainkonsum vorgeworfen hatte. Ein Missverständnis, wie Hoeneß beteuert: „Ich bin damals von einem Journalisten gefragt worden, was ich zu den Vorwürfen gegen Daum sagen würde, dass er mit Drogen zu tun habe und im Rotlichtmilieu verkehre. Da habe ich lediglich gesagt: ‚Wenn das stimmen würde, dürfte er nicht Bundestrainer werden.‘ Der Journalist ließ dann leider die ganzen Konjunktive weg.“
Am Tag darauf flog Hoeneß nach Marbella, um in Spanien ein Trainingslager vorzubereiten. Er war drei Tage weg aus Deutschland, und als er wieder landete, war die Welt nicht mehr dieselbe: „Ich muss sagen, dass ich die Sache total unterschätzt habe. Als ich wiederkam, stapelten sich die Briefe in meinem Büro. Wildfremde Menschen schrieben mir unglaubliche Dinge.“ Es gab Morddrohungen, ein Irrer setzte gar 10.000 Euro aus für denjenigen, der „den Hoeneß von der Bank schießt“. Der Spießrutenlauf dauerte knapp drei Wochen.
„Ich habe damals zum ersten Mal ans Aufhören gedacht. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Wenn Daum die Haarprobe nicht gemacht hätte, zu der ihn ja niemand gezwungen hat – ich hätte nicht gewusst, wie es weitergegangen wäre“, sagt Hoeneß. Doch Daum machte die Haarprobe, und auf einmal war nicht mehr Hoeneß der Sünder, sondern sein Kontrahent: „Ich weiß noch genau, es war ein Freitag, als ich einen Anruf von Leverkusens Manager Reiner Calmund bekam. Er sagte zu mir: ‚Sitzt du fest?‘ Ich sage: ‚Ja.‘ Er sagt: ‚Ich komme gerade aus Köln und habe die Ergebnisse von Daums Haarprobe. Du glaubst es nicht. Sie ist positiv.‘“ In dem Augenblick habe er eine wahnsinnige Erleichterung gespürt, sagt er: „Ich hätte das ja sonst nie mehr aus der Welt schaffen können.“




