Franka Dietzsch hält an ihrem Traum fest. Einmal noch will die die dreimalige Weltmeisterin im Diskuswerfen an den Olympischen Spielen teilnehmen, obwohl sie über Bluthochdruck klagt und in diesem Jahr nur einen Wettkampf durchstand. „Ich habe mich nicht aufgegeben“, sagt die 40-Jährige. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), hat ihr persönlich eine Wildcard zugesichert. Wenn sie fit ist, darf sie ohne Erreichen der Olympianorm starten.

Fest steht, dass sie dann nicht von Trainer Dieter Kollark betreut wird. Der Deutsche Leichtathletik-Verband verzichtete auf eine Nominierung. Offenbar will sich der DLV die Peinlichkeit ersparen, dass Kollark vom DOSB wieder ausgeladen wird – er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit und in das Dopingsystem der DDR eingebunden.

In Kienbaum wird Dienstag ein Stück dunkle Geschichte aufgearbeitet. Rund 70 Kilometer östlich von Berlin, wo einst die zentrale Trainingsstätte des DDR-Spitzensports beherbergt war, verkünden die Olympier, ob und welche Trainer und Betreuer wegen Stasi- oder Dopingvergangenheit nicht für Peking akkreditiert werden.

Neben der Nominierung etwaiger sportlicher Härtefälle wie Wimbledon-Halbfinalist Rainer Schüttler im Tennis geht es vor allem um die Expertisen der Stasikommission unter Vorsitz des ehemaligen Behördenleiters Joachim Gauck und der Dopingkommission, geleitet vom ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Steiner.

300 Ärzte, Trainer und Betreuer überprüft

Die erstmals vor den Spielen 2006 eingesetzte Stasikommission ließ rund 300 Ärzte, Trainer und Betreuer, die von den Fachverbänden als mögliche Mitglieder des Olympiateams gemeldet wurden, von der Birthler-Behörde überprüfen. „Niemand, der bei der Stasi war, kann Verantwortung im Sport übernehmen“, sagt DOSB-Generalsekretär Michael Vesper, um sich eine Hintertür aufzuhalten. „Es sei denn, er hätte sich glaubwürdig gewandelt.“ Dies festzustellen sei Sache der Kommission.

Zweifel bestanden schon vor Bekanntgabe der Gutachten, dass Vesper und Kollegen guten Gewissens nach China reisen können. Für die Anfrage des DOSB waren die Kapazitäten in der Birthler-Behörde überschaubar. Sie stellte nur einen Mitarbeiter ab. Die Bearbeitungszeit für eine IM-Akte beträgt normalerweise sechs Wochen. Der DLV hatte umstrittene Mitarbeiter schon vor den vergangenen Sommerspielen im Doppelpass mit dem damaligen NOK überprüfen lassen, deshalb erwartet Präsident Clemens Prokop „keine neuen Erkenntnisse“.

Zum Handeln gezwungen

Im Fall Kollark, der auch nach Bekanntwerden seiner IM-Tätigkeit weiter zu Großereignissen fahren durfte, sieht sich Prokop nun zum Handeln gezwungen. „Da werden wir die Gauck-Kommission unabhängig von den Olympischen Spielen einschalten.“

Der Norddeutsche Rundfunk spürte eine Stasi-Akte des früheren Sportarztes des Kollark-Klubs SC Neubrandenburg, Klaus Böhm, auf. Demnach habe Kollark ab 1980 Dopingmittel, vor allem das Anabolikum Oral-Turinabol, an seine Athleten weitergegeben. Auch als „IM Dieter Kröger“ und „IM Alexander“ berichtete er „über Diskussionen unter Trainern und Sportlern zum Umgang und zur Anwendung von UM“. UM, unterstützende Mittel, im DDR-Funktionärsdeutsch ein Synonym für Dopingmittel.

Ex-DDR-Trainer unter Generalverdacht

Offenbar wollte Kollark, dass die Abgabe der Dopingmittel kontrolliert geschah. Bei einer überehrgeizigen Kugelstoßerin schlug Kollark vor, sei „zum Nachweis der unerlaubten Einnahme von UM (...) in einer Trainingsphase (...) unangekündigt eine Dopingkontrolle“ durchzuführen.

Die Praktiken beim flächendeckenden Doping im DDR-Schwimmsport dürften auch die Steinert-Kommission interessiert haben. Nach dem Bericht des früheren Dresdner Trainers Uwe Neumann alias „IM Holbert“ an seinen Stasi-Major steht jeder Ex-DDR-Trainer unter Generalverdacht. Der zuständige Sportarzt habe die Dopingmittel „in den Originalverpackungen“ an die verantwortlichen Trainer gegeben. „Der gibt sie entsprechend der Dosierungsvorschrift aus“, heißt es in der Tonbandabschrift einer „Holbert-Akte“ aus dem Jahr 1983 weiter. „Der Trainer ist angehalten, diese (die Dopingmittel) aus den Originalverpackungen herauszunehmen und das Verpackungsmaterial zu vernichten.“

Warnatzsch von vier ehemaligen Schwimmern belastet

Norbert Warnatzsch (61), ehemaliger Trainer Franziska van Almsicks und jetzt für Goldhoffnung Britta Steffen verantwortlich, war beim SC Dynamo Berlin eine verlässliche Stütze des Systems. Nach der Wende wurde gegen die Drahtzieher des DDR-Dopings ermittelt, unter anderem auch gegen Warnatzsch. Laut „Spiegel“ wurde er von vier ehemaligen Schwimmern belastet, 1997 das Verfahren gegen ihn wegen Geringfügigkeit aber eingestellt. Die Akten sind laut Auskunft der Staatsanwaltschaft Berlin verschollen.

Warnatzsch legte im Arbeiter- und Bauernstaat eine Musterkarriere hin. Vom einfachen Soldaten 1966 diente er sich bis 1983 zum Major hoch, so eifrig, dass er dank tadelloser Beurteilungen für eine Beförderung vom Feldwebel zum Oberfeldwebel innerhalb von sechs Monaten vorgeschlagen wurde – vorgeschrieben war eine Wartezeit von mindestens einem Jahr. Warnatzsch beteuert auf seine Vergangenheit angesprochen: „Ich habe niemandem geschadet.“

"Kontaktfreudig und sexuell ansprechbar"

So massiv Karrieren behindert wie Kollark hat Warnatzsch nach Aktenlage tatsächlich nicht. Bei einem internationalen Wettkampf in Polen 1985 verhinderte Kollark nicht nur eine gemeinsame Stadtrundfahrt seiner Athleten mit der westdeutschen Delegation und schwärzte eine Physiotherapeutin an, die Kollarks Verhalten als „kindisch“ bezeichnete. Er sammelte auch die „Wimpel, Teller und Aufkleber“ ein, die der Klassenfeind den Neubrandenburger Athleten als Souvenirs in den Mannschaftsbus reichte. Eine Sportlerin, notierte Kollark, zerriss ihren Aufkleber erst in Berlin auf dem Bahnhof in „provokatorischer Weise vor den Augen aller“.

Der spätere Lebensgefährte der Kugelstoß-Olympiasiegerin Astrid Kumbernuss ließ sich aus über die „großkotzige“ Art von Athleten, berichtete über „Hinweise auf wiederholte Verstöße wegen Alkoholmissbrauchs“ und über Sportler, die „sehr kontaktfreudig und sexuell ansprechbar“ waren. Kathrin Krabbe attestierte er bekanntlich einen „nymphomanischen Einschlag“.

Den Stab will DLV-Chef Prokop über Kollark noch nicht brechen. „Wir warten erst mal den Bericht der Kommission ab.“