Der Ausflug nach Wien zum Endspiel der EM war nur eine kurze Stippvisite. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte Jürgen Klinsmann, seinen ehemaligen Bundestrainer, eingeladen. Deutschland gegen Spanien, „das ist irgendwie auch sein Finale“, hatte Präsident Theo Zwanziger in einer Grußbotschaft geschrieben.
Schon zum Halbfinale am vergangenen Mittwoch gegen die türkische Nationalmannschaft hatten sie Klinsmann erwartet, doch er blieb lieber in seiner neuen Heimat München. Er wolle keinen Trubel um seine Person, ließ er durch seinen Berater Roland Eitel ausrichten. Am Sonntag nahm er den Weg nun auf sich, einmal Wien und zurück. Nur die Öffentlichkeit scheut er, die Aufmerksamkeit soll seinem Nachfolger Joachim Löw zuteil werden, der fortführt, was Klinsmann vor der WM 2006 begann. Wohl wissend, dass von heute an sowieso alles anders wird.
Am Montag um 15.30 Uhr startet Jürgen Klinsmann offiziell in seine dritte Karriere, nach seiner Profilaufbahn und seinem Arbeit als Nationaltrainer tritt er beim FC Bayern München den wohl aufreibendsten Trainerjob im deutschen Vereinsfußball an. Im Januar unterschrieb er einen Vertrag bis zum 30. Juni 2010, zu seiner Vorstellung hatten sich so viele Journalisten angesagt, dass sie vom beschaulichen Vereinsgelände an der Säbener Straße in ein Hotel in die Münchner Innenstadt ausweichen mussten. Und beim deutschen Rekordmeister wissen sie, dass die Euphorie um den prominenten Angestellten noch zunehmen wird. „Wir wollten einen, der sich vor Veränderungen nicht scheut“, sagte Uli Hoeneß und sprach vom „absoluten Wunschkandidaten“.
Aus Vormittagsprofis werden Achtstundenkräfte
Klinsmann eilt der Ruf des akribischen Arbeiters voraus. Seit Januar plant er den neuen FC Bayern. „Reformieren“, sagte er, „muss zu einem permanenten Zustand werden.“ In München hat er die ersten kostspieligen Veränderungen schon vor Saisonbeginn vornehmen lassen. Das Profihaus auf dem Vereinsgelände wird komplett erneuert. Leistungszentrum heißt es jetzt, ausgestattet mit neuester Technologie. Ein eigenes Fernsehstudio liefert die Bilder von jedem Training, willkommen im Zeitalter von Manchester United oder AC Mailand. Klinsmanns Maßnahmen sind angelehnt an die Gepflogenheiten der europäischen Topklubs. Ein zehnköpfiges, internationales Betreuerteam hat er um sich geschart. „Dynamischen, offensiven und vertikalen Fußball“, nennt Co-Trainer Martin Vasquez die Klinsmannsche Philosophie, die den Bayern nach Meisterschaft und Pokalsieg in dieser Saison auch wieder in die internationale Spitze führen soll. „Unser vorrangiges Ziel ist es, jeden Spieler jeden Tag zu verbessern – und damit auch die Mannschaft.“ Gearbeitet werden soll vor allem in Kleingruppen.
Beim Auftakt heute geschieht das jedoch eher unfreiwillig. Nur zwölf Profis werden da sein, Klinsmanns Stars weilen nach dem EM-Turnier im Urlaub. Vorbei sein soll auch die Zeit, als die Spieler ausschließlich zum Training auf dem Gelände waren. Aus Vormittagsprofis werden Achtstundenkräfte. Klinsmann hat dafür eigens einen Wohlfühlbereich mit Lounge errichten lassen. Es erinnert ein wenig an gehobene Ganztagsschule mit individuellen Freizeitaktivitäten. „Wir werden ein Energiefeld aufbauen, das den Spielern viel Spaß machen wird“, verspricht Klinsmann.
Der erste Unruheherd heißt Podolski
Doch auch die ersten Bedenkenträger äußerten sich bereits. Stefan Effenberg, selbst ein ehemaliger Spieler des FC Bayern, etwa prophezeite Klinsmann einen schweren Einstand. Die Konzepte seien ja gut uns schön, aber „wenn sich nicht schnell Erfolge einstellen, dann wird es schnell unruhig“.
Den momentanen Unruheherd der Bayern begutachtete Klinsmann gestern in Wien. Schon seit Tagen äußert Nationalspieler Lukas Podolski Unmut über seine Situation in München. Ihm missfalle, dass sich sein Verein nach anderen Stürmern umschaue, sagte er. Ihm fehle das Vertrauen, und er spiele viel zu wenig. Die Kommentierung überließ Klinsmann den Vereinsoberen, die unisono Stammplatzgarantien ausschlossen. „Ich glaube nicht, dass wir gut beraten wären, den Konkurrenzkampf bei den Bayern abzuschaffen, nur damit unsere Spieler mehr Selbstvertrauen kriegen“, sagte Uli Hoeneß in der „Bild am Sonntag“.
Stattdessen ließ er durchklingen, dass sich der Klub durchaus diverse Transferaktivitäten vorstellen könne und damit weder das Thema Mario Gomez (VfB Stuttgart) noch Alexander Hleb (FC Arsenal) vom Tisch ist: „Wir haben mit Jürgen Klinsmann intensiv mögliche Dinge diskutiert. Es kann noch einiges passieren.“



