Sie erwarten ja viel von Jürgen Klinsmann beim FC Bayern München. Titel soll er holen, der neue Trainer, der Mannschaft dazu eine offensive Spielweise einbimsen und sie sukzessive zurückführen auf Europas Thron.

So in etwa stellen sie sich das vor beim Rekordmeister, und bei derlei generalstabsmäßiger Planung dürfen offenbar auch prophetische Gaben nicht fehlen. Der erste Arbeitstag des Heilsbringers jedenfalls war bereits am Montagmittag auf der Klubhomepage nachzulesen, in allen Einzelheiten, mit Trainingsinhalten und einem abendlichen Essen des Betreuerstabes. So war der Beginn einer Ära nachzuempfinden, bevor diese tatsächlich begann. Der virtuellen Welt sei Dank.


In der wahren Welt auf dem Bayern-Gelände an der Säbener Straße hatte es schon kurz vor neun Aufregung gegeben. „Ist er das, ist er das?“, schrien zwei kleine Jungs und liefen ganz aufgeregt in ihren viel zu großen Trikots zu der Tiefgarageneinfahrt, als sich eine Nobelkarosse den Weg zum Vereinsgelände bahnte. Er war es nicht, und so verzogen sie sich enttäuscht auf ihren Beobachtungsposten auf der gegenüberliegende Straßenseite und harrten der Dinge.

Rund 600 Fans beim Auftakt

Klinsmann hatte nach seinem sonntäglichen Ausflug zum EM-Finale nach Wien erst 15.30 Uhr zum öffentlichen Trainingsauftakt gebeten. Und so wurde es erst am Nachmittag auf dem Vereinsgelände des FC Bayern München so richtig voll. Die auf der Homepage in vorauseilendem Gehorsam gemeldeten 1000 Fans waren aber nicht da, höchstens 600 dürften es gewesen sein. Auch als Liganeuling verspricht Klinsmann eben jede Menge Unterhaltungspotenzial.

Er wisse, sagt er, dass „die Arbeit als Bundestrainer nicht übertragbar ist auf die Arbeit im Verein“. Dennoch wird er viele Dinge, die ihm in der Nationalmannschaft wichtig waren, auch in München fortführen. Die Arbeit in kleinen Gruppen etwa, permanente Leistungskontrolle, individuell abgestimmtes Training. „Klinsmann“, so sagt sein ehemaliger Assistenz- und jetziger Nationalmannschaftstrainer Joachim Löw, „wird wieder mehr Teamleiter als Trainer sein.“

Wie bei seinem DFB-Engagement hat Klinsmann auch in München einen Betreuerstab um sich gescharrt, Spezialisten für jede Lebenslage. Neben Cheftrainer Klinsmann sind das Teammanager Christian Nerlinger, Chefanalytiker Michael Henke, Co-Trainer Martin Vasquez, die Fitnesstrainer Oliver Schmidtlein, Thomas Wilhelmi, Marcel Martins und Darcy Norman, Torwarttrainer Walter Junghans, Chefscout Nick Theslof. Selbst einen Teampsychologen beschäftigt der Klub, den ehemaligen Bundesligatorhüter Philipp Laux.

Training mit nur zwölf Spielern

Und so entstand am Montag die etwas skurrile Situation, dass fast jeder Profi seinen eigenen Betreuer hatte. Nur zwölf Spieler waren zum ersten Training gekommen, betreut von acht Trainern. Die EM-Fahrer weilten im Urlaub, ebenso die Südamerikaner Lucio und Martin Demichelis nach gespielter WM-Qualifikation sowie Ze Roberto. Klinsmanns Visionen vom neuen FC Bayern München entstanden schon vor Monaten auf seinem Laptop in Kalifornien.

Damals, als er wieder Lust auf eine neue Herausforderung verspürte, als er gewappnet sein wollte für Anfragen großer Klubs, arbeitete er zusammen mit seinen Geschäftspartnern von „Soccersolutions“ Konzepte aus. Dazu lernte er Spanisch, um noch besser das kommunikative Element bedienen zu können.

Klinsmann gehört zur Trainergeneration, für die Erfolg planbar ist. „Mit der Vorstellung im Januar war ich nur noch fulltime am Arbeiten für den FC Bayern“, sagt Klinsmann. „Gerade mit dem Leistungszentrum, das war sehr, sehr zeitintensiv. Alle Kleinigkeiten, die da abgewickelt werden mussten, liefen über meinen Tisch, ich war ständig am Telefon oder über Email in Kontakt, war jeden Monat zweimal da. Natürlich im Hintergrund, weil ich Ottmar Hitzfeld in keinster Weise stören wollte.“

Ersten zwei Trainingsmonate durchgeplant

Die Details für die ersten zwei Trainingsmonate haben Klinsmann und die Seinen bereits erarbeitet. „Wir wollen nichts dem Zufall überlassen“, sagt er. Auch in München wird er wieder seinen eigenen Weg gehen. Er, der Reformer. „Jürgen lässt sich sicher nicht von seinem Weg abbringen. Wenn er ein Ziel hat, verfolgt er es mit aller Entschlossenheit“, sagt Löw.

Als Klinsmann bei der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2006 ein Fitnesstrainerteam aus den USA einfliegen ließ, wurde er anfangs selbst von Ligagrößen belächelt. Damals entstanden jene legendären Bilder von Profis die mit Gummibändern an den Beinen Balanceübungen absolvierten. Der Watschelgang als Synonym für die Klinsmannschen Reformmethoden, von „Gummi-Twist“ und „Koronarsportgruppe“ spottete die Republik. Mittlerweile lächelt niemand mehr darüber. Bei den Bayern seit Montag schon gar nicht.