Geschlossen stehen sie da, Schulter an Schulter, und erscheinen mit ihrer selbstbewussten Körpersprache wie eine Troika, die es selbst mit scheinbar übermächtigen Kräften aufzunehmen wagt. Ricarda Lisk, die deutsche Meisterin des vergangenen Jahres, steht im Mittelpunkt des offiziellen Plakats zur Triathlon-WM 2007 in Hamburg. Flankiert wird sie von ihren Mannschaftskolleginnen Anja Dittmer und Joelle Franzmann. Allein durch die Anordnung der durchtrainierten Körper im Winkel von 45 Grad wird zum Ausdruck gebracht, dass sich die drei deutschen Teilnehmerinnen an der WM, die vom kommenden Freitag bis Sonntag stattfinden wird, gegenseitig Rückendeckung geben werden. Darunter steht geschrieben: „Das Ziel ist klar: Weltmeisterin“.
Würde die WM am kommenden Wochenende nicht in Hamburg, sondern in einer ausländischen Metropole stattfinden, wären die Verantwortlichen der Deutschen Triathlon Union (DTU) ganz gewiss nicht so kühn gewesen, den Gewinn der Goldmedaille als Ziel zu postulieren. Bei den Weltcup-Rennen in diesem Jahr belegten die drei deutschen Athletinnen nach 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen des Öfteren Platzierungen im Vorderfeld, zu Triumphen reichte es aber nicht. Die 32 Jahre alte gebürtige Neubrandenburgerin Anja Dittmer wurde in Madrid Sechste und in Lissabon Neunte. Joelle Franzmann (Saarbrücken) erreichte in Vancouver den vierten Rang. Die 26 Jahre alte Waiblingerin Ricarda Lisk wurde in Mooloolaba (Australien) Fünfte. Das Publikum in Hamburg soll den deutschen Frauen und Männern – auch dort ist der WM-Titel das Ziel – Flügel verleihen.
Die ersten Welttitelkämpfe in Hamburg seit 1978
Gelänge das Vorhaben, käme das bei den Frauen einer Sensation gleich. Die Portugiesin Vanessa Fernandes scheint, vor allem dank ihrer herausragenden Fähigkeiten auf der Laufstrecke, nahezu unschlagbar zu sein. Auch bei der Europameisterschaft in Kopenhagen Anfang Juli blieb der Konkurrenz lediglich das Nachsehen. Fernandes verteidigte in 2:02:36 Stunden ihren Titel. Das deutsche Frauen-Team mit Anja Dittmer, Ricarda Lisk und Christiane Pilz gewann in der dänischen Hauptstadt zwar EM-Gold in der Staffel, doch dieser Wettbewerb ist noch nicht olympisch und wird daher auch in Hamburg nicht ausgetragen.
Das Einzelrennen der Frauen findet am Sonnabend ab 14.50 Uhr statt. Die deutschen Männer Daniel Unger, Jan Frodeno und Maik Petzold gehen einen Tag später um 15 Uhr auf die Strecke entlang der Elbe und der Binnen- sowie Außenalster. Hamburg richtet als erste deutsche Stadt eine Triathlon-WM aus. Für die Hansestadt sind es die ersten Welttitelkämpfe seit der WM im Fechten 1978.
„Vanessa Fernandes kämpft zurzeit in einer anderen Liga“, sagt Anja Dittmer über die Situation an der Weltspitze bei den Frauen. „Sie scheint mit uns, ihren Konkurrentinnen, nur zu ,spielen'. Zu 90 Prozent gewinnt sie auch die Rennen, bei denen sie an den Start geht. An sie denke ich vor dem Wettkampf schon fast nicht mehr. Sie scheint Platz eins abonniert zu haben.“
Aber natürlich hoffe sie auch, dass Vanessa Fernandes irgendwann einmal einen schlechten Tag erwischen wird, räumt Dittmer ein. Sollte dieser Tag ausgerechnet der kommende Sonnabend sein, ginge für Anja Dittmer ein Traum in Erfüllung. „In Hamburg findet jedes Jahr meine Lieblingsveranstaltung statt, der Hamburg City Man. Die Stimmung hier ist einfach immer großartig. Und ich glaube, dass sie bei der WM noch einmal besser sein wird. Das wird uns unglaublich antreiben.“
Mehrere Doping-Skandale in den letzten Jahren
Auch DTU-Sportdirektor Rolf Ebeling setzt voll auf den Heimvorteil und den Hamburg-Effekt: „Das Publikum in Hamburg ist so heiß wie nirgendwo sonst. Es gibt keine Strecke auf der Welt, bei der an jedem Teilstück, so wie es in Hamburg der Fall ist, Zuschauer stehen. Ich bin mir sicher: Unsere Athleten bekommen vom Publikum ununterbrochen Feuer. Das wird sie so antreiben“, vermutet Ebeling.
Dass es bei den Frauen aber eines kleinen Wunders bedarf, um das Vorhaben vom Gewinn des WM-Titels zu erreichen, ist auch ihm bewusst. „Es ist zwar so, dass wir von Jahr zu Jahr besser werden und speziell die Frauen immer mehr an sich glauben, aber die Fernandes scheint wie von einem anderen Stern zu sein“, sagt Ebeling.
Es klingt, als habe er leichte Zweifel, ob diese Dominanz ausschließlich sportliche Ursachen hat. Aussprechen würde er aber so etwas nicht. Und überhaupt: Nach all den schlechten Erfahrungen im Radsport ist keinesfalls mehr davon auszugehen, dass es in Deutschland per se eine höhere Moral und einen stärker ausgeprägten Sinn für Fairness gäbe. Ebeling wehrt sich gegen einen Pauschalverdacht. „Die vielen Doping-Kontrollen sieht doch keiner. Wir müssen uns ständig abmelden.“ Nach einem Moment des Innehaltens fügt er aber hinzu: „Ich schließe trotzdem nichts aus. Im Radsport ist die Moral auf der Strecke geblieben.“
Beim Triathlon sei das nicht der Fall. Allerdings lieferte auch der Sport in den vergangenen Jahren mehrere Doping-Skandale. Der deutsche Meister Jan Frodeno weiß genau um die Situation, dass die Zuschauer die Leistungen der Athleten nicht frei von Zweifeln betrachten. „Ich werde mit am häufigsten kontrolliert und lebe auch für den sauberen Sport. Wäre es nicht so, würde ich mich doch selbst betrügen“, sagt Frodeno, der bei der EM die Silbermedaille gewann. Unger sicherte sich Bronze.
Sportdirektor Ebeling zählt Frodeno und Unger genauso wie den dritten Starter Maik Petzold zu einem Kreis von 15 Anwärtern auf den Titel. „Das wird mit Sicherheit ein Ausscheidungsrennen werden“, sagt Ebeling. Frodenos Vorfreude ist enorm. „Viele erwarten, dass es die beste WM aller Zeiten wird. Ich auch.“ Diese Aussicht sei auch alle Mühen wert. „Wenn ich morgens aufstehe und mich auf dem Weg zum Training begebe, um mich wieder zu quälen, stelle ich mir öfters mal die Frage nach dem Warum. Aber dann sage ich zu mir: Du willst doch in Hamburg eine Medaille holen. Das ist ein sehr hohes Ziel, aber ich setze alles daran.“





