Basketball

Coach Aito Reneses und Alba Berlin: Finale Lektion

Coach Aito hat Alba seit 2017 stark geprägt, scheiterte bislang aber stets an der Meisterschaft. Nun steht sein Werk vor der Vollendung

Alle spitzen die Ohren, wenn Aito Garcia Reneses spricht. Denn der Alba-Trainer gibt seine Tipps mit leiser Stimme. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa | Verwendung weltweit

Alle spitzen die Ohren, wenn Aito Garcia Reneses spricht. Denn der Alba-Trainer gibt seine Tipps mit leiser Stimme. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa | Verwendung weltweit

Foto: Angelos Tzortzinis / picture alliance/dpa

Berlin. Es ist ein beliebtes Hobby von Journalisten geworden, Alejandro Garcia Reneses in Interviews erst mal zu fragen, was er zuletzt fotografiert hat. Ein Rotkehlchen vielleicht? Oder waren es Blaumeisen? Der Trainer des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin reagiert meistens gut gelaunt. Er macht eben gern Naturfotos in seiner Freizeit. Leute, die ihn davon zum ersten Mal sprechen hören, können leicht dem Verdacht erliegen, dass dieser spanische Senor zwar sehr nett ist, aber irgendwie ein klein wenig schrullig. Überhaupt, der Mann wird im Dezember 74 Jahre alt. Was soll so jemand im Sport noch bewegen?

Aito trat 2017 seinen Job bei Alba Berlin an

Eine ganze Menge, wenn man sich die Entwicklung von Alba Berlin ansieht, seit „Aito“, wie er von allen genannt wird, 2017 seinen Job in der deutschen Hauptstadt antrat. Es erscheint so, als hätte der Coach nach einjähriger Auszeit ein solches Projekt gesucht. Oder hat es ihn gesucht? Egal, wichtiger ist, dass beide sich gefunden und viel Spaß miteinander haben. Und dass Alba jetzt nicht nur den attraktivsten Basketball spielt, der jemals hier geboten wurde und von dem ganz Europa schwärmt. Sondern sich von Jahr zu Jahr gesteigert, sieben von acht möglichen Endspielen erreicht und das Pokalfinale 2020 auch gewonnen hat.

Ein Sieg über die Riesen Ludwigsburg soll an diesem Sonntag (15 Uhr, Magentasport und Sport1) den nächsten Titel bringen. Den wichtigsten. Den Meistertitel, dem Alba seit 2008 vergeblich hinterherjagt. Seit zwölf schweren, oft schmerzhaften Jahren. „Das wäre sehr wichtig“, sagt Geschäftsführer Marco Baldi, „weil er jedem im Verein neue Motivation gibt. Weil jeder sieht, dass unser Weg der richtige ist.“

Alba Berlin musste schwere Zeiten überstehen

Die Berliner waren lange der Platzhirsch, der Vorzeigeklub, der scheinbar unaufhaltsame Emporkömmling. 1995 holte Alba den Korac-Cup, dann wurde Bayer Leverkusen vom Sockel gerammt und von 1997 bis 2003 sieben Mal in Folge die Meisterschaft gewonnen. Doch danach, spätestens ab 2010, übernahmen andere das Kommando. Brose Bamberg mit den vielen Millionen des Mäzens Michael Stoschek, Bayern München mit seiner starken Fußball-Abteilung und geneigten Sponsoren im Hintergrund. Alba forderte mal diesen heraus, mal jenen. Vorbei kamen die Berliner nicht mehr. Bis jetzt.

Für viele Beobachter kam die Wende mit der Installation des Spaniers Himar Ojeda als Sportdirektor im Februar 2016. Spätestens im Sommer 2017, als der auch noch seinen Landsmann Garcia Reneses an die Spree lockte. Das ist der gängige Reflex, aber nicht die ganze Wahrheit. Die wirkliche Wende fand nämlich schon 2006 statt. Damals beschloss der Verein, sich auf eine breitere Basis zu stellen, Basketball in die Bevölkerung zu bringen. Besonders die jüngere Bevölkerung. In die Schule, sogar in die Kitas. Heute bewegt Alba – wenn nicht gerade Corona ist – mit 120 vom Klub bezahlten Trainern jede Woche 10.000 Kinder.

Alba investiert in Nachwuchs, perfekt für einen wie Aito

Das kostet viel Geld, bringt aber Identifikation, und es hilft auch, Talente zu entdecken. Alba bringt in Deutschland die meisten Nationalspieler heraus. Alba ist in Berlin zum sozialen Faktor geworden, tiefer in der Stadt verwurzelt als jeder andere Verein. Ojeda hätte kaum seinen schönen Posten als Talentspäher für den NBA-Klub Atlanta Hawks aufgegeben, wenn er nicht das Potenzial von Alba Berlin erkannt hätte. Er hätte kaum Garcia Reneses bewegen können, mit 70 Jahren zum ersten Mal ins Ausland zu wechseln, wenn der nicht das Potenzial von Alba Berlin erkannt hätte.

Baldi erinnert sich, dass er selbst kaum glauben konnte, dass der Spanier sein Land verlassen würde, der mit dem FC Barcelona neun Mal Meister wurde, den europäischen Saporta- und zweimal den Korac-Cup gewann. Der 2008 in Peking als Nationaltrainer olympisches Silber mit Spanien holte. „Das wird oft unterschätzt, aber Aito ist auch ein Wettkämpfer, der will gewinnen“, sagt Baldi. Allerdings ist die noch größere Stärke eine andere: „Er liebt es, Spieler und Mannschaften zu entwickeln.“ Dafür hat der Trainer in Berlin den besten Ort gefunden.

Die Spieler schwören auf Aitos ruhige Art

Was sein Geheimnis ist, darüber haben sich seine Spieler schon häufig geäußert. Zuletzt Luke Sikma: „Aito gibt mir die Freiheit, der Spieler zu sein, der ich bin.“ Ein anderes Mal Peyton Siva: „Er schreit nie. Er erklärt geduldig. Er sagt: Versuche es mal so. Dann versuchst du es, und es klappt. Dann glaubst du ihm.“ Martin Hermannsson sagt: „Du hast nach jedem Training das Gefühl, du hast wieder etwas von ihm gelernt.“ Der Spanier spricht sehr leise, alle spitzen die Ohren. Niemand will etwas verpassen.

Und der Coach gestattet Fehler, anders als andere vor ihm. Man stelle sich vor, die Jungen stehen nicht exakt in der Verteidigungsposition, die ihr Trainer ihnen eingetrichtert hat. Oder jemand produziert einen Fehlpass. Ein Luka Pavicevic oder ein Sasa Obradovic wäre ausgerastet, hätte ihn auf die Bank beordert und nicht mehr eingesetzt. Aito Garcia Reneses wird in einem solchen Fall vermutlich nicht mal von seinem Stuhl aufstehen. Heute bleiben die Spieler gern länger in Berlin. Der Verein muss dafür auch wirtschaftlich wachsen, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Bisher gelingt das. Auch deshalb absolviert Niels Giffey bereits seine sechste Saison in Berlin. Siva seine vierte, Sikma seine dritte. Der Kern des Teams bleibt endlich wieder zusammen. Wie in den besten Zeiten.

Der Trainer vertraut Albas vielen Talenten

Die Basketball-Kultur hat sich gewandelt, das in jedem Fall, seit der Spanier Alba-Trainer ist. Er gibt viel Vertrauen, vor allem den jungen Spielern, von denen er in Berlin so viele hat, immer neue, weil das Nachwuchsprogramm ständig Talente liefert. Aktuell einem Jonas Mattisseck, Malte Delow, Lorenz Brenneke, davor Tim Schneider, Franz Wagner, Bennet Hundt. Natürlich wollen die Spieler dieses Vertrauen dann rechtfertigen. Ojeda sagt, er habe das Gefühl, dass dem weisen Coach das Ganze genauso viel Spaß bereite wie den jungen Männern auf dem Feld. Und dass niemand ausschließen sollte, dass er auch in der nächsten Saison noch in Berlin fotografiert. Rotkehlchen. Oder Blaumeisen. Völlig egal.

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