Von der ersten Frage an hasst Dennis Clifford dieses Gespräch. Wie er mit seiner veränderten Rolle bei Alba Berlin zurechtkomme? Vergangene Saison war der Center doch noch Stammspieler, fast immer Starter, 20 Minuten dabei, rund zehn Punkte, fünf Rebounds pro Spiel. Jetzt ist es in fast allen Statistiken nicht mal die Hälfte. Am Sonntag (15 Uhr, Magentasport) gegen Ulm in der Mercedes-Benz Arena droht ihm sogar ein Platz auf der Ersatzbank.
Man wächst nur in Situationen wie dieser
Peyton Siva ist wieder fit, dann könnte Clifford der siebte Ausländer im Kader sein, sechs dürfen nur spielen. Wie fühlt es sich also an, das kommen zu sehen? „Ich kann nicht zum Training gehen und denken, dass ich vielleicht draußen sitze beim nächsten Mal. Das wäre schwach“, sagt der 2,13 Meter große Hüne. „Ich komme jeden Tag extra früher, um mich zu verbessern. Wenn mein Name gerufen wird, muss ich bereit sein.“ So spricht ein Profi. Er sagt aber auch: „Wenn du nie in eine Situation wie diese kommst, kannst du nicht wachsen. Als Person wie als Spieler.“
Der 27-Jährige leidet, ohne zu jammern. Er ist auch wegen seiner Extrovertiertheit so beliebt. Seinem Gesicht ist anzusehen, wann er glücklich und wann er frustriert ist. In seiner ersten Saison bei Alba war er unter lauter Spaßvögeln der lustigste. Jetzt ist er nicht gerade zum Trauerkloß, aber viel nachdenklicher geworden.
Mit Nnoko verschoben sich die Koordinaten
Die Spielzeit begann schlecht für Clifford, mit einer Verletzung. Der als Ersatz für drei Monate geholte Clint Chapman vertrat ihn erstaunlich gut, wurde jedoch trotzdem abgegeben. Allerdings nicht wegen Clifford, sondern weil Sportdirektor Himar Ojeda noch ein anderes Ass in der Hinterhand hatte – den Kameruner Landry Nnoko.
Seitdem der da ist, haben sich die Koordinaten im Team verschoben. Auch die im Leben von Dennis Clifford. „Es gefällt mir, im Training jeden Tag den Wettbewerb mit Landry zu haben“, sagt der Mann aus Massachusetts und dann wieder: „Ich versuche, das Gute aus der Situation zu ziehen. Und mich aus meinem Loch zu graben.“
Nicht viele gehen so mit einer solchen Situation um
Für seine Einstellung erntet er Anerkennung. „Die Saison ist nicht einfach für ihn. Es gibt nicht so viele Leute, die so mit einer solchen Lage umgehen würden“, lobt Assistenztrainer Thomas Päch. Manchmal gebe es Situationen, in denen eine Entscheidung getroffen werden müsse, für die es vielleicht nicht mal eine plausible Erklärung gebe. Zum Beispiel bei einer Rotation mit sieben Ausländern wie bei Alba. Und in Nnoko sowie dem immer stärker werdenden Johannes Thiemann zwei anderen Centern, die an Clifford vorbeigezogen sind.
Clifford kämpft dennoch verbissen um Einsätze. Zuletzt stand er wegen Sivas oder Martin Hermannssons Verletzungen auf dem Feld. „Und wenn Dennis gespielt hat, dann hat er gezeigt, dass er bereit ist“, sagt Päch. Wie Anfang April gegen Crailsheim mit zwölf Punkten und neun Rebounds. Das war fast wie in alten Zeiten. Gegen Ulm spielte er zweimal eher unauffällig, aber solide.
Die Mannschaft träumt von der Euroleague
Und wie geht es ihm, wenn jetzt alle davon träumen, die Euroleague zu erreichen und dort die Besten des Kontinents herauszufordern? Wo abzusehen ist, dass seine zweite Saison bei Alba auch seine letzte sein wird? Noch so eine lästige Frage, Mann! „Die Euroleague wäre gut für den Klub“, antwortet er, „wir haben zwei Jahre darauf hingearbeitet.“ Dann, nach einer kurzen Pause: „Es ist ein gutes Gefühl, Teil dieses Prozesses zu sein.“ Das kann ihm niemand streitig machen, egal, wo er in der nächsten Saison spielt: Dennis Clifford war ein wichtiges Teilchen in diesem Prozess. Und er ist es immer noch.


