Basketball

Pesic: „Ich fühle mich nicht mehr als Teil von Alba Berlin“

Ein Interview mit Trainer Svetislav Pesic über seine Zeit in Deutschland und Ratschläge für Dirk Nowitzki und Heiko Schaffartzik.

Svetislav Pesic arbeitet 69-jährig sehr erfolgreich beim FC Barcelona. Zweimal gewann er mit dem Klub, den er 2003 erstmals zum Euroleague-Champion machte, seit seiner Rückkehr 2018 zum Pokalsieg in Spanien.

Svetislav Pesic arbeitet 69-jährig sehr erfolgreich beim FC Barcelona. Zweimal gewann er mit dem Klub, den er 2003 erstmals zum Euroleague-Champion machte, seit seiner Rückkehr 2018 zum Pokalsieg in Spanien.

Foto: Coolmedia / picture alliance / NurPhoto

Barcelona. Gebräunt von der Frühlingssonne, eine glänzende Saison im Rücken: Es könnte schlechter laufen für Basketball-Trainerlegende Svetislav Pesic (69). Weltmeister mit Jugoslawien, Europameister mit Deutschland und Jugoslawien, dazu alle denkbaren Klubtitel, unter anderem mit Alba Berlin – die Liste seiner Erfolge ist unendlich. Im Februar 2018 reaktivierte ihn der FC Barcelona, eine Woche später gewann er den spanischen Pokal. Dieses Jahr gelang dies erneut, Barca führt in der Liga ACB und benötigt in der Euroleague nur noch einen Sieg zum Einzug ins Viertelfinale. Sein Ex-Klub Bayern München dagegen kämpft im Duell an diesem Donnerstag (20 Uhr, Magentasport) gegen Barca um die letzte Chance.

Berliner Morgenpost: Herr Pesic, Sie kommen erstmals seit dem Abschied 2016 in die Halle von Bayern München zurück. Etwas Besonderes?

Svetislav Pesic: Ich glaube, ich werde meinen Lebensabend in München verbringen. Die Stadt, meine Kinder, die dort sind, meine Frau und ich fühlen uns wie damals in Berlin. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich Berlin je verlasse. Aber jetzt habe ich eine neue Stadt gefunden, die passt für uns. Ich habe meine Zeit in München wirklich sehr genossen.

Sie bauten den Basketball dort mit auf.

In einer Fußball-Stadt einen neuen Sport etablieren zu helfen, war eine Extramotivation. Schon zu meiner Zeit als Bundestrainer haben wir versucht und gehofft, dass München eine Erstliga-Mannschaft bekommt. Dass das EM-Finale 1993 in München war, gehörte zu dieser Strategie. Aber leider war die Reaktion der Verantwortlichen zu provinziell. Es gab mehrere Klubs in der zweiten Liga und der Regionalliga, und das Denken war: Wir sind zufrieden, wie es ist – was soll’s.

Dann kam der FC Bayern.

Als Uli Hoeneß mich zum ersten Mal fragte: Herr Pesic können Sie uns helfen, wir haben ein Projekt angefangen, aber es läuft bisher nicht, wie wir uns das vorgestellt haben – da habe ich gesagt: Ich bin da. Ich war sehr engagiert, nicht nur mit der ersten Mannschaft. Ein großer Basketballverein muss auch entsprechenden Nachwuchs haben, den gab es davor nur auf Amateurniveau.

Die Dinge entwickelten sich.

Wir hatten nur ein Problem: die Zeit, in der Hoeneß nicht bei uns war. Das war ein Krisenjahr, es fehlte einer, der an dieses Konzept glaubte. Gott sei Dank war ich da und noch ein anderer Verrückter, Marko (sein Sohn, Bayerns Sportdirektor, d.Red.). Wir haben gekämpft mit hunderttausend Sachen. Hoeneß unterstützte uns aus dem Gefängnis: nicht aufgeben! Und seit er wiederkam, geht der Verein in die richtige Richtung. Ich freue mich sehr, dass Bayern sich entwickelt, auch mit der neuen Halle jetzt. Ich freue mich auch, natürlich, obwohl ich sehr lange nicht mehr in Berlin bin, über die Entwicklung bei Alba. Die existieren, die kämpfen mit ihren eigenen Problemen, aber sie haben Kontinuität.

Ihre Bedeutung für den deutschen Basketball ist historisch. Nicht zuletzt, weil Sie ihn zu seinen größten Titeln führten: EM 1993 und Korac-Cup 1995 mit Alba.

Ich kann jetzt nicht sagen – nicht mehr –, dass ich mich noch als Teil von Alba Berlin fühle. Aber als Teil des Basketballs in Deutschland, das schon. Denn ich habe bei Alba etwas eingebracht, bei Bayern München, in der Nationalmannschaft, und ich kann mit einem sehr guten Gefühl auf dem Ku’damm spazieren gehen oder im Englischen Garten. Einer meiner besten Spieler und Freunde, Henrik Rödl, ist Bundestrainer. Armin Andres, mein ehemaliger Spieler, ist Verbands-Vizepräsident. Ingo Weiss, der Präsident, ein alter Bekannter. Ohne dass es mein Verdienst ist, hat sich alles sehr gut nach meinen Wünschen entwickelt.

Wäre Berlin gegen München auf noch höherem Niveau nicht eine Rivalität, wie sie der deutsche Basketball bräuchte? Also etwa wie Ihr FC Barcelona gegen Real in Spanien?

Ich glaube schon. Super, dass zwei so große Städte zwei große Basketballvereine haben. Natürlich wäre Köln noch sehr wichtig. Denn Köln hat große Basketballtradition, erst recht mit Leverkusen zusammen. Dann könnte man sehr gut leben, mit den drei großen Städten Berlin, Köln und München und dazu den Basketballstädten wie Bamberg, Oldenburg. Die Bundesliga muss noch mehr Wettbewerb bieten, noch mehr Qualität haben, damit diese Konkurrenz auch die besten Mannschaften verbessert, die in der Europaliga spielen.

Der größte deutsche Basketballer, Dirk Nowitzki, wird dieser Tage in den USA überall für seine Lebensleistung gefeiert. Kürzlich griff sich sogar der gegnerische Trainer in einer Auszeit das Mikrofon, um die Zuschauer zu einer Würdigung aufzufordern.

Natürlich war das eine sensationelle Geste, für Dirk sowieso. Aber ich weiß nicht, ob er sich gefreut hat, denn er will noch spielen (lacht).

Er wirkte tatsächlich etwas bedröppelt.

Nach dem Motto: Vielen Dank, aber mein letztes Wort ist noch nicht gesprochen. Ich habe es hier mit Juan Carlos Navarro ja auch erlebt. Das sind Sportler durch und durch, die lieben es zu spielen. Wenn solche Leute langsam mal zum Ende kommen, und alle fangen an zu sagen: Okay, super, aber wann hört er auf? Obwohl du dir selbst noch gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht hast wie die anderen – dann spürst du Druck.

Verstehen Sie Nowitzki und Navarro?

Ja. Sehr gut. Nowitzki mag es noch, beim Team zu sein, mit den Leuten vom Basketball, und er hat innerlich das Recht, an sich zu glauben und daran, dass er noch etwas im Basketball erreichen kann. Natürlich ist er sich bewusst, dass er nicht mehr 25 oder 30 ist. Es ist eine Entscheidung, die er treffen muss.

So wie Sie die für Ihre Trainerkarriere. Im August werden Sie 70 Jahre alt.

Auch bei mir fragen die Leute, denn natürlich ist 70 ein bisschen ungewöhnlich. Was ist der Sinn? Ich glaube, das Problem ist weniger, nicht zu wissen, was man am nächsten Tag machen wird. Sondern dass du in den vielen Jahren als Basketball-Insider vergessen hast, dass in diesem Leben noch viele andere schöne Sachen existieren.

Könnte Nowitzki Trainer werden? Oder wäre das ungewöhnlich?

Na ja, viele meiner ehemaligen Spieler sind es geworden: Rödl, Michael Koch, Sasa Obradovic, Sasa Djordjevic. Immer mehr Spieler werden Trainer, viel mehr als früher. Kürzlich rief mich Schaffartzik an, mein alter Lieblingsspieler ...

... der Berliner Heiko Schaffartzik, den Sie in München trainierten. Warum er?

Ich mag ihn, als Spieler wie als Mensch. Ich mag Leute, die Charakter haben und ihren eigenen Weg gehen. Er ist nicht der größte Spieler aller Zeiten in Europa, aber einer, der mich auf seine Weise immer beeindruckt hat. Ich mag ihn.

Er rief sie also an ...

Im Sommer hatte er in Saragossa unterschrieben, aber bevor es losging, hat er sich schwer am Knie verletzt, der Vertrag wurde aufgelöst. Jetzt ist er wieder fit und überlegt: Soll er weiterspielen? Wir sprachen also, und er sagte: Was meinst du, Coach? Ich habe überlegt, eventuell anzufangen, Trainer zu werden.

Was sagten Sie?

Weil ich ihn sehr gern mag, sagte ich: Heiko, hast du noch andere Optionen?

Der Rat eines Freundes.

Der Trainerjob ist nicht einfach. Trainer zu werden ist nicht nur, den Wunsch danach zu haben. Das sage ich als jemand, der beim Weltverband Fiba an einem Programm für junge Trainer mitarbeitet. Für jede Entscheidung brauchst du Mut. Und Illusionen. Wenn du beides hast, triffst du manchmal Entscheidungen im Leben, die keine logischen sind. Aber mit denen du dann leben musst.

Was sagt Ihnen das Gefühl, werden Sie auch noch mal in Deutschland arbeiten?

Mein Gefühl sagt mir, dass ich hier meine Karriere als Headcoach beenden werde. Assistenzcoach – wer weiß? Das war ich noch nie.

Hier will man Sie sowieso nicht noch mal gehen lassen.

Der Präsident möchte, dass ich noch zwei Jahre bleibe. Weil auch sein Mandat noch so lange geht.

Haben Sie sich schon entschieden?

Nein. Wir sprechen darüber, aber jetzt ist noch nicht die Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Wir konzentrieren uns darauf, das Maximum aus dem Rest der regulären Saison zu machen. Vor dem Play-off von Europaliga und ACB.

Und sollte Nowitzki wirklich Trainer werden wollen ...

... werde ich ihn fragen: Hast du noch andere Ideen?