Basketball

„In Istanbul wird man fast als Fan geboren“

Mithat Demirel spricht im Morgenpost-Interview über Basketball in der Türkei, sein Leben in Istanbul und das Wiedersehen mit Alba im Eurocup.

Mithat Demirel (39) lebt seit 2015 in Istanbul

Mithat Demirel (39) lebt seit 2015 in Istanbul

Foto: imago sport / imago/Zink

Berlin.  Bei Alba stehen in den Top 16 des Eurocups die Istanbuler Wochen ins Haus. An diesem Mittwoch (20.45 Uhr, Telekomsport) ist Galatasaray in der Mercedes-Benz Arena zu Gast, sieben Tage später tritt Berlins Basketballteam bei Darüssafaka an, wo Albas ehemaliger Kapitän und Sportdirektor Mithat Demirel als General Manager die Fäden in der Hand hält. Bereits am 24. Januar (20.15 Uhr) steigt das Rückspiel in Berlin. Darauf freue er sich schon jetzt, sagt Demirel. „Berlin wird immer meine Heimat und Alba immer mein Klub bleiben. Natürlich ist das Wiedersehen etwas ganz Besonderes für mich.“ Demirel managt seit September 2015 einen der Topklubs Europas. Wenn man über Albas kommende Aufgaben, den Stellenwert des Basketballs in der Türkei, das Leben in Istanbul und natürlich den nächsten Gegner der Berliner etwas erfahren will, dann redet man mit ihm.

Ihr Klub hat Galatasaray am vergangenen Mittwoch zum Auftakt der Top 16 mit 84:65 so klar dominiert, dass Ihr Ortsrivale zwei Tage später Cheftrainer Erman Kunter entließ. Worauf muss sich Alba nun einstellen, Herr Demirel?

Mithat Demirel: Galatasaray hat eine Mannschaft mit sehr erfahrenen, guten Spielern. Möglicherweise hat der Klub jedoch bei der Zusammenstellung nicht so ganz das richtige Händchen gehabt. Jedenfalls war in den vergangenen Wochen große Unruhe im Team. Sicherlich werden sich alle Spieler nach der Trainerentlassung in Berlin richtig reinhängen. Aber Albas Stärke ist in dieser Saison ja die mannschaftliche Geschlossenheit, und die könnte zum entscheidenden Faktor werden.

Hat Sie schon jemand von Alba über Galatasaray ausgefragt?

Nein, das sind in Berlin ja alles sehr erfahrene Leute. Der Kontakt ist zwar nie abgebrochen, aber dazu brauchen sie mich nicht.

Wie eng sind die Kontakte zu Ihrer Familie und Ihren Freunden in Berlin?

Sehr eng, ich habe gerade erst mit der ganzen Familie in Berlin Weihnachten gefeiert. Die Stadt wird immer meine Heimat bleiben. Ich habe in Steglitz noch meine Wohnung und werde sicherlich eines Tages nach Berlin zurückkommen. Zudem bekommen wir in Istanbul oft Besuch, unser Gästezimmer ist fast immer belegt.

Zum Basketball: Ihr Klub und auch Galatasaray spielten vergangene Saison noch in der Euroleague. In dieser Spielzeit haben Sie im Eurocup bislang von elf Spielen nur zwei verloren, in der türkischen Liga gab es jedoch in 14 Partien bereits sechs Niederlagen. Haben Europa und die mögliche Rückkehr in die Königsklasse bei Ihnen allererste Priorität?

Ganz und gar nicht. Die Gründe liegen viel mehr darin, dass wir eine eher unerfahrene Mannschaft haben. Nur wenige haben schon auf allerhöchstem Niveau gespielt, was sich gegen die nationale Konkurrenz bemerkbar macht. Die Klubs in der türkischen Liga sind durchweg stark besetzt. Auswärts zu gewinnen, ist sehr schwierig. In der Tabelle ist alles eng beieinander.

Und es ist viel Geld im Spiel. Sasa Obradovic hat erzählt, dass er jetzt im russischen Krasnodar für einen Spieler Summen ausgeben kann, mit denen er in Berlin eine ganze Mannschaft zusammengestellt hat. Rechnen Sie in ähnlichen Dimensionen?

(Pause) Also, während unserer Euroleague-Jahre, als wir mit Brad Wanamaker unseren Wunschspieler geholt haben, hätte der Vergleich mit meiner Zeit bei Alba in etwa hingehauen. Jetzt aber haben wir unseren Etat bewusst reduziert.

Warum?

Auch, weil es aufgrund der Verhältnisse in den USA, der NBA und der Liga darunter, der G-Liga, immer schwieriger wird, Top-Spieler auf ihrem Leistungszenit nach Europa zu holen oder hier zu halten. Auch China lockt mit Millionen. Unser Coach David Blatt und ich haben uns entschieden, auf Spieler zu setzen, von denen wir glauben und hoffen, dass sie sich bei uns zu Spitzenspielern entwickeln.

Hört sich ein wenig nach Alba an …

Stimmt!

Bloß, dass bei Ihnen die ganz Großen mit im Boot sitzen. Turkish Airlines sponsert die Euroleague, der Elektrogeräte-Hersteller Beko war sieben Jahre lang Namensgeber der deutschen Bundesliga. Warum ist Basketball in der Türkei so populär?

Zum einen, weil man aufgrund der Familientraditionen fast schon als Fan eines Klubs geboren wird und sich mit ihm von Anfang an verbunden fühlt. Zudem gab es vor einigen Jahren im Fußball einen Wettskandal, nach dem sich viele Fans dem Basketball zugewandt haben, der ja ohnehin familienfreundlicher ist. Auch das macht unseren Sport für die Wirtschaft sehr interessant – auch für meinen Arbeitgeber, die Dogus-Gruppe, einen weltweit operierenden Konzern, der sich übrigens seit über zehn Jahren auch bei Fenerbahce engagiert. Die türkische Liga ist wahrscheinlich die finanzkräftigste in Europa.

Im Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland gibt es momentan gravierende Dissonanzen. Sitzen Sie ein wenig zwischen zwei Stühlen?

Nein, überhaupt nicht, obwohl ich hier als Deutscher gesehen werde. Mir wurde und wird mit viel Respekt und großer Gastfreundschaft begegnet. Von den Schwierigkeiten, die es hier sicherlich in den vergangenen zwei Jahren gab, spüre ich im Alltag wenig. Hier spricht man schon über das, was passiert. Aber in allen Gesprächen ist immer zu spüren, dass sich die Menschen nach Ruhe sehnen und nach einer verlässlichen Partnerschaft mit Deutschland, die ja eine lange Tradition hat. Hätte ich mich irgendwann unwohl oder gar unsicher gefühlt, wäre ich am nächsten Tag mit meiner Familie zurück in Berlin gewesen.