Basketball

Peyton Siva: Das Leben ist schön

Alba-Spielmacher Peyton Siva ist der Aufstieg aus schwierigen Verhältnissen in Seattle zum Basketballprofi gelungen.

 Zum Anführer gereift: Peyton Siva führt im Eurocup die Statistiken bei den Vorlagen und Ballgewinnen an. Und erzielt 13 Punkte pro Spiel

Zum Anführer gereift: Peyton Siva führt im Eurocup die Statistiken bei den Vorlagen und Ballgewinnen an. Und erzielt 13 Punkte pro Spiel

Foto: Sport Moments / picture alliance / Sport Moments

Berlin.  Wie alt er genau war, daran erinnert sich Peyton Siva nicht mehr. Zwölf oder dreizehn. Aber er weiß noch, wie er ins Auto seines älteren Bruders sprang und losfuhr, um den lebensmüden Vater zu suchen. Einen Führerschein hatte er natürlich nicht, doch seine verzweifelte Mutter hatte ihm berichtet, sein Dad sei mit einer Waffe verschwunden. Der junge Peyton fand den drogensüchtigen Vater schließlich in South End, einem finsteren Viertel ihrer Heimatstadt Seattle, in einem schäbigen Crack House, Treffpunkt für Dealer und Konsumenten. „Ich habe ihn mitgenommen, wir hatten ein hartes Gespräch“, erzählt Siva, „er wollte nicht mehr leben, aber ich habe ihm gesagt, wie egoistisch es sei, wenn er seine Familie im Stich lasse.“ Wenn er ihn im Stich lasse.

Seine Familie ist sein ganzer Stolz

Sein halbes Leben ist das her. Inzwischen ist aus dem sehr religiösen Peyton Siva nicht nur ein Basketballprofi und der Spielmacher von Alba Berlin geworden. Sein Team empfängt an diesem Freitag (19 Uhr, Telekomsport) in der Mercedes-Benz Arena die Gießen 46ers. Der 27-Jährige ist jetzt selbst Familienvater. Stolz erzählt er von seiner Frau Patience und den Töchtern Adalynn (drei Jahre alt) und Emersyn (acht Monate). „Ich genieße die Zeit mit ihnen“, sagt er. In einen Park gehen, ins Museum „oder einfach zusammen sein“. Das Leben ist schön.

Es ist schön geworden. Das liegt vor allem am Basketball. „Der Sport war für mich ein sicherer Hafen“, schildert Siva seine Anfänge. „Auch wenn ich traurig war oder wütend, beim Basketball konnte ich meine Sorgen vergessen.“ Und den Aufstieg schaffen aus einem Milieu, das von Drogenkonsum und Kriminalität geprägt war, in dem Freunde und Verwandte täglich mit den gleichen Problemen konfrontiert wurden. Obwohl er mit seinen 1,82 Metern nicht gerade groß ist für einen Basketballer – dafür war immer schon sein Herz umso größer. Auch im American Football war Siva talentiert, einem Vollkontaktsport, wo kräftig ausgeteilt wird. Das hat ihm im Basketball sehr geholfen: „Ich habe auf dem Feld vor nichts Angst.“

In der zweiten Saison läuft vieles besser

Bereits als Spieler an der Franklin High School in Seattle ragte er deshalb aus der Masse von Spielern heraus. So weit, dass Siva anschließend ein Stipendium an der Universität Louisville/Kentucky erhielt. Mit seinem Team, den Cardinals, gewann er 2013 die Collegemeisterschaft. So war es nur logisch, dass er 2013 einen NBA-Vertrag bei den Detroit Pistons unterschrieb. Doch in der besten Liga der Welt konnte Peyton Siva sich nicht durchsetzen, auch deshalb, weil ihn Verletzungen bremsten.

In Europa gelingt ihm das viel besser. Über Italien kam der US-Amerikaner nach Deutschland. In seiner zweiten Saison in Berlin hat Siva in seiner Entwicklung auf dem Feld einen enormen Schritt vorwärts gemacht. Im Eurocup, in dem Alba von sechs Spielen fünf gewonnen hat, zählt er in einigen Statistiken zu den Besten des Wettbewerbs, bei den Ballgewinnen und bei den Korbvorlagen. 13,4 Punkte erzielt er durchschnittlich außerdem, ist damit Albas zweitbester Werfer nach Spencer Butterfield. Doch das ist nicht seine Hauptaufgabe in einem Team, „das eine außergewöhnlich gute Chemie hat“, wie er findet. Jeder gebe den Ball gern weiter, damit der andere gut aussehen kann, niemand schaue zuerst auf sich. Das macht die Mannschaft unberechenbar, gefährlicher. Und Siva blüht in seiner Rolle förmlich auf.

Zum Training kommt er gern mal mit der U-Bahn

„Peyton ist einer der Anführer im Team“, lobt Sportdirektor Himar Ojeda, „er hört auf den Coach und will den Jungen helfen, sich zu verbessern. Er kümmert sich um vieles.“ Siva hat nicht vergessen, wo er hergekommen ist. Ihm gefällt es, ein normales, ruhiges und außerhalb des Courts unauffälliges Leben zu führen. Vor Kurzem hat Ojeda ihn nach dem Training gefragt: Wo gehst du denn hin? Wo ist dein Auto? Zu Hause, habe Siva geantwortet, er fahre gern mal U-Bahn. „Ich glaube, seine Geschichte hat ihn Kraft gekostet“, sagt Ojeda, „aber das alles hat ihn auch zu dem gemacht, was er jetzt ist.“

Siva fühlt sich wohl in Berlin. Das liegt auch an einem besonderen Mann, den er hier kennengelernt hat. Er ist sehr beeindruckt von Aito Reneses. „Ich genieße es, unter diesem Coach zu spielen“, sagt er, „er gibt mir viel Freiheit, lässt mich kreativ sein. Er macht keinen Stress wegen kleiner Fehler. Er verändert Details, in der Technik, in der Verteidigung, im Spiel ohne Ball – und es funktioniert. Wir werden besser von Spiel zu Spiel.“ Doch das Wichtigste für Siva, der in seiner Karriere zuvor nur autoritäre Trainer hatte: „Er bleibt immer ruhig. Er vertraut den Spielern.“ Es herrscht große Harmonie, die Gruppe funktioniert ohne Nebengeräusche. Etwas, das Siva sehr wichtig ist.

Zu Hause passt sein Dad auf den Familiensitz auf

Aber nichts ist wichtiger als Familie. Wegen Thanksgiving sind Patience, Adalynn und Emersyn für vier Wochen nach Kentucky gereist, wo die Sivas ein Haus haben. Er sehnt die Zeit herbei, wenn sie endlich zurück bei ihm sind. Doch es gibt jemanden in Louisville, der von Seattle dorthin gezogen ist und der immer ein Auge auf das Haus hat, wenn es leer steht. Jetzt freut er sich, dass seine Schwiegertochter und die beiden kleinen Mädchen da sind. „Er hilft mir, wo er kann“, sagt Peyton Siva, „er hat seinen Platz gefunden. Meinem Dad geht es jetzt wieder gut.“

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