Die Straßen in Litauen werden am Donnerstagabend leergefegt sein, wie immer, wenn Spiele der Basketballer von Zalgiris Kaunas in der Europaliga live im Fernsehen übertragen werden. Und in der Zalgirio Arena werden sich knapp 15.000 Zuschauer einfinden, wenn ihr Team auf Alba Berlin trifft.
„Das wird ganz schwierig“, sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi. „Es muss schon alles passen, um da eine Chance zu haben.“ Zumal die Litauer „mit dem Rücken zur Wand stehen“. Wie die Berliner hat auch Kaunas erst eines von fünf Spielen gewonnen. „Keiner weiß so richtig, warum“, meint Baldi.
Einige Partien hat Kaunas unglücklich in den letzten Sekunden verloren. Das Ziel, unter die besten Vier in der Gruppe zu kommen, ist in weite Ferne gerückt. Dabei hatte Zalgiris die Vorrunde mit acht Siegen in zehn Spielen abgeschlossen, hatte sogar bei Topteams wie Caja Laboral und Olympiakos Piräus gewonnen.
Vermögen von 700 Millionen Euro
Die momentane Ergebniskrise dürfte Wladimir Nikolajewitsch Romanow wenig amüsieren. Der 65-Jährige ist der starke Mann bei Zalgiris. Der Unternehmer mit russischer und litauischer Staatsbürgerschaft hält 75 Prozent der Anteile des Klubs, im Mai 2009 stieg er dort ein und rettete Zalgiris vor dem Ruin.
Im europäischen Vereins-Basketball tummeln sich seit jeher einige ganz spezielle Präsidenten, Besitzer oder Mäzene. Italienische Industrielle, griechische Reeder oder russische Oligarchen – Romanow aber ist sicherlich einer der schillerndsten Vertreter. In den vergangenen Jahren galt der Trainerposten in Kaunas als einer der heißesten Schleudersitze. Ein paar Niederlagen, schon senkte sich der Daumen des Patrons, dessen Vermögen auf etwa 700 Millionen Euro geschätzt wird.
Auch Eigentümer eines schottischen Fußballklubs
Er ist es gewohnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzen. Nicht nur bei Zalgiris Kaunas, auch beim schottischen Fußball-Erstligisten Heart of Mithlotian aus Edinburg. Dort ist er seit 2005 Mehrheitseigentümer. Da er kein Englisch spricht, führt dort sein polyglotter Sohn Roman die Geschäfte.
Es ranken sich unzählige Geschichten um den aus dem russischen Tver Oblast stammenden Romanow, der als Neunjähriger mit der Familie (der Vater war Soldat der Roten Armee) nach Kaunas kam. Schon früh machte er gut gehende Geschäfte mit geschmuggelten Schallplatten aus dem kapitalistischen Westen. Auch Tonband-Kassetten mit Musik der Beatles, der Rolling Stones und von Elvis Presley machte er zu Geld. Heute ist er als Bankier, Finanzier und Investor vor allem auf dem Balkan und im Baltikum tätig.
Gewinner einer Tanzshow im Fernsehen
Wenn er mal schlecht gelaunt ist, kann es passieren wie im Dezember 2012: Da rief der Tycoon die Zalgiris-Fans zu einer Spendenaktion für den Klub auf. Sonst, so mahnte er in seinem offenen Brief, müssten Spieler verkauft werden, ein vorderes Abschneiden in Europa wäre dann nicht möglich. Inzwischen hat der das Ganze wieder halbherzig zurückgenommen.
Dabei ist Romanow durchaus spendabel. Während seiner Militärzeit zwischen 1965 und 1970 diente er auf einem Atom-U-Boot (K 19). 2005 kaufte er nicht nur das inzwischen zum Schrotthaufen gewordene Boot, sondern lud auch ehemalige Kameraden aus Armeezeiten nach Glasgow ein. Im dortigen Hampden Park feierte er am 13. Mai 2006 zusammen mit ihnen den Sieg der Hearts im schottischen Pokalfinale gegen den FC Gretna.
Sein Plan, litauischer Präsident zu werden, scheiterte, weil er in Russland geboren ist. Erfolgreicher war er auf einem anderen Parkett: 2007 siegte er gemeinsam mit der Profi-Tänzerin Sandra Kniazeviciute bei „Dancing with the Star“, dem Pendant im litauischen Fernsehen zur deutsche Tanz-Show „Let’s dance“. Eine Million der drei Millionen Einwohner Litauens schauten zu. Nur beim Basketball sind es noch einige mehr.





