Berlin

Die Türkei setzt auf eingebürgerte Athleten bei der EM

Ein Drittel der türkischen Teilnehmer stammt aus dem Ausland, das sorgt für Ärger bei der Leichtathletik-EM.

Jak Ali Harvey holte über 100 m Bronze für die Türkei

Jak Ali Harvey holte über 100 m Bronze für die Türkei

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Berlin.  Amanal Petros hat zu der Sache einen klaren Standpunkt. „Ich finde das schrecklich“, sagt der deutsche 10.000-Meter-Läufer. Gemeint ist die Praxis des türkischen Leichtathletikverbandes, im großen Stil Sportler vor allem aus afrikanischen Ländern anzukaufen, damit sie für die Türkei internationale Medaillen gewinnen. Man muss wissen, dass Amanal Petros selbst aus Afrika stammt. Geboren ist er in Eritrea, als Zweijähriger floh er aus politischen Gründen mit seiner Mutter nach Äthiopien. Mit 16 Jahren kam er dann allein nach Deutschland, wo er inzwischen gut integriert ist.

Die Vorgehensweise der Türkei habe jedoch „mit Integration nichts zu tun“, so Petros. Tatsächlich leben viele der dort eingebürgerten Athleten nach wie vor in ihrem Heimatland. Bei dieser EM stammen 13 türkische Athleten ursprünglich aus dem Ausland, ein Drittel der Mannschaft. Die Türken nennen sie „Devsirme“, wie die zwangsrekrutierten und islamisierten christlichen Jugendlichen im Osmanischen Reich, aus denen sich die Elitetruppe der Janitscharen rekrutierte.

Türkei will viele Medaillen

Sie sollen für eine ähnliche Ausbeute sorgen wie 2016 bei der EM in Amsterdam, als die Türkei zwölf Medaillen holte, darunter vier goldene. Und es betrifft nicht nur den Laufbereich. Jak Ali Harvey, Bronzemedaillengewinner über 100 Meter, ist gebürtiger Jamaikaner; Yasmani Copello Escobar, Mitfavorit im heutigen Rennen über 400 Meter Hürden, kommt aus Kuba. Über 200 Meter peilt am Donnerstag auch Ramil Guliyev den Titel an, der Weltmeister des vergangenen Jahres, der eigentlich aus Aserbaidschan stammt.

Der Weltverband IAAF hatte im Vorjahr eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um den massenhaften Nationenwechsel einzudämmen. Von Seiten des türkischen Verbands wollte sich in Berlin niemand äußern. „Das Thema ist für uns durch“, so ein Teamsprecher, andere Nationen würden es genauso machen. Dabei wäre es interessant zu erfahren, was die einheimischen Leichtathleten eigentlich davon halten. Einen echten Aufschwung an der Basis haben die Medaillen bislang nicht gebracht. Gerade im Osten des Landes fehlt es weiterhin an vernünftigen Trainingsstätten.

Spannend wäre auch, ob wirklich alle eingebürgerten Athleten mit vollem Herzen dabei sind oder einige nur des Geldes wegen. Vielleicht war es kein Zufall, dass 10.000-Meter-Läufer Polat Kemboi Arikan bei der Vorstellung vor dem Rennen zwar auf seinen Namen auf der Startnummer deutete, nicht aber auf den Schriftzug „Türkiye“.

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