Natürlich kennt er die Har­tings. Die kennt ja jeder. Aber Jakob Arbeit kennt die beiden Olympiasieger nicht nur aus dem Fernsehen, sondern aus der Muckibude. Der junge Mann vom SV Preußen Berlin ist selbst Diskuswerfer, wurde Deutscher Meister in der U16 und U18. „Wir trainieren im Kraftraum oft zeitgleich“, erzählt der 18-Jährige. Robert und Christoph Har­ting sind Vorbilder für ihn, nicht allein wegen ihres Erfolges. „Beide schaffen es, im Wettkampf in wichtigen Phasen große Leistungen zu bringen.“ Das wolle er auch lernen, „in solchen Stresssituationen die Ruhe zu bewahren“.

Talent fürs Werfen beim Fußballspielen erkannt

Wer ihm zuhört, bekommt bald das Gefühl: Dieser junge Riese hat die Ruhe doch sowieso schon weg. 1,96 Meter groß, 107 Kilo schwer – klug und faktenreich spricht Jakob Arbeit über Zahlen, Diskus, Training, Ziele. Er ist in diesem Jahr von der U18 in die U20 gewechselt. Die neue Scheibe ist statt 1,5 Kilogramm 1,75 Kilogramm schwer. Bei den Männern kommen noch einmal 250 Gramm drauf. Die jetzt schon auszuprobieren, bringt aber nichts. Stört nur den mühsam erlernten Rhythmus, aus Hunderten einzelner Bewegungen eine große, runde zu machen. Er interessiert sich für alles, jede Kleinigkeit seiner komplexen Disziplin. „Diskuswerfen ist sehr schwer“, sagt Arbeit, „man muss richtig treffen, erst in der letzten Phase den Wurf rauslassen.“ Alles muss passen, damit er weit fliegt und nicht flattert.

Jemand aus seiner Familie hat ihm das alles genau erklärt. Sein Vater Christian Arbeit war es nicht, der ist Pressesprecher des Fußballklubs 1. FC Union. Auch Klein-Jakob hat sich zuerst in der Deutschen liebster Sportart probiert, er stand im Tor des SSV Köpenick-Oberspree. Seine Eltern schauten ihm dabei zu. Sein Opa auch. Der erkannte, dass der Junge einen mächtig guten Abwurf hatte. Er überzeugte ihn, es einmal mit dem Diskus zu versuchen. Und übernahm selbst das Training, denn damit kennt er sich aus. Ekkart Arbeit war in der DDR Wurftrainer, zuletzt sogar Chefcoach der DDR-Leichtathleten.

Doping und Stasi: Akte des Trainers ist 840 Seiten lang

Von dem lässt sich Jakob Arbeit trainieren? Sein Großvater war im Dopingsystem der DDR mitverantwortlich für die Vergabe von Anabolika an Athleten. Auf 840 Seiten ist außerdem seine Spitzelarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit dokumentiert, der Deckname des Inoffiziellen Mitarbeiters lautete Claus Tisch. „Ich war damals noch nicht auf der Welt“, sagt sein Enkel. Immer noch sehr ruhig, aber auch bestimmt fügt er hinzu: „Doping kommt keinesfalls in Frage, das ist für uns beide kein Thema.“

Aber was sagen seine Eltern dazu? Ihr Sohn ist schließlich gerade erst 18 geworden und trainiert schon seit Jahren mit seinem Großvater. Christian Arbeit sagt: „Wir haben viel in der Familie diskutiert über diese Themen. Ich kann meine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht der Opa dem Enkel etwas gibt, was den Enkel krank macht.“ Der ehemalige DDR-Trainer ist sein Schwiegervater; der Union-Pressesprecher hat bei der Heirat den Namen seiner Frau angenommen.

Zunächst zählen vor allem Technik und Schnelligkeit

In seinen Augen hat Ekkart Arbeit schon lange einen Wandel vollzogen. Doch „wer will heute wissen, dass er abgesetzt worden ist als DDR-Cheftrainer, weil er angeordnet hat, von nun an ohne Doping zu arbeiten?“ Er könne nur sagen, „dass wir als Eltern sehr großes Vertrauen haben“. Am schwierigsten ist die Situation für den 18-jährigen Filius. „Irgendwo in meinem Hinterkopf ist dieses Thema immer präsent“, gibt er zu, „aber wir versuchen, das nicht so an uns rankommen zu lassen.“

Die Art, wie seine Karriere gelenkt wird, ist jedenfalls vorbildlich. „Ich will in kleinen Schritten und durch harte Arbeit Spitzenleistungen erreichen“, sagt er, nun lächelnd, „denn Arbeit findet man bei mir nicht nur im Namen, sondern auch in der Einstellung.“ Auf Kraftmaximierung wird vorerst weniger Wert gelegt als auf Technik und Schnelligkeit. Im Vergleich zu den Konkurrenten in seiner Altersklasse ist Arbeits Muskulatur unterrepräsentiert. Erst mit 24, 25 Jahren soll er richtig weit werfen können. „Es nützt nichts, in der U18 Rekorde zu werfen und dann mit Mitte 20 dauerverletzt zu sein“, sagt er. Dafür gebe es viele Beispiele. Zu viele.

Olympische Spiele sind ziemlich weit weg

Jakob Arbeit geht es ruhig an. Im nächsten Jahr will er sein Abitur an der Sportschule Hohenschönhausen machen, danach ein freiwilliges soziales Jahr. „Und dann mal gucken, wie sich das mit dem Diskuswerfen weiterentwickelt.“ Sein nächstes Ziel ist ein Sportfest am 2. Juli in Mannheim, bei dem es um die Qualifikation für die Junioren-EM in Rosseto/Italien geht. Bei den Deutschen Meisterschaften Anfang August in Ulm „ist eine Medaille das Ziel“.

Und irgendwann dann Olympische Spiele, oder? Er lacht: „Das ist ziemlich weit weg im Moment.“ Aber die richtigen Vorbilder hat er schon mal. Nicht nur in dieser Beziehung.

Die Morgenpost berichtet in ihrer Serie
über erfolgreiche Berliner Sportler, die
ins Rampenlicht drängen