Bevor jetzt alle dieses 2020 verteufeln, was durch die Corona-Krise nur allzu verständlich wäre, möchte ich meine journalistische Neutralität für einen Moment über Bord werfen und Partei ergreifen für ein Jahr, das uns wie wohl kein anderes zuvor fest im Griff hat. Groß-Berlin feiert seinen 100. Geburtstag, für den Komponisten Ludwig van Beethoven wäre es sogar der 250. gewesen. Dazu kommen im Oktober 30 Jahre deutsche Einheit – das zaubert mir schon ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Sie werden mir sicher zustimmen: Das sind drei gute Gründe, um sich doch der einen oder anderen kleinen Feierei hinzugeben – selbstverständlich immer im Rahmen der sozialen Distanzierungsanordnungen. Also: Ellbogengruß und hoch den Daumen, nur für den Fall, dass man das freundliche Gesicht seines Gegenübers wegen der Atemschutzmaske nicht wahrnimmt.
Wem das immer noch nicht reicht, um ein klein wenig Motivation oder gar Kraft für die nächsten Monate zu schöpfen, dem sei ein anderes Jubiläum ans Herz gelegt. Ich bin selbst auch erst darauf gekommen, weil die Kontaktbeschränkungen mich zu einer Mammutaufgabe veranlasst haben. Man ist doch immer wieder überrascht, wie viel Stauraum die eigenen vier Wände besitzen …
Houston, wir haben ein Problem!
Als mich Schauspieler Tom Hanks von der Rückseite der Blu-Ray-Hülle anstarrte, muss es in meinen Augen derart aufgeblitzt haben, als würde eine Sternschnuppe die Dunkelheit des Nachthimmels durchschneiden. Meine Familie starrte mich jedenfalls komisch an, als wenig später „Apollo 13“ über unseren Fernseher flimmerte. 50 Jahre ist dieser erfolgreiche Fehlschlag nun schon her, bei der drei Astronauten beinahe im Weltall verunglückt wären. Ich sage nur: Houston, wir haben ein Problem! Gut zwei Stunden später wusste ich auch wieder, was mich an dieser Geschichte so faszinierte: Es ist die Geduld, mit der die drei Fast-Gestrandeten in ihrer engen Kapsel durchhielten, und mit der die Mannschaft am Boden daran arbeitete, die Astronauten wieder auf die Erde zurückzuholen – sechs Tage lang.
Corona lässt uns nun schon annähernd sechs Wochen durch den Alltag trudeln. Doch von Toilettenpapier einmal abgesehen, sollte uns vor allem eines nicht ausgehen: die Geduld. Wer als Fußballreporter in Sachen 1. FC Union unterwegs ist, kennt sich damit bestens aus.
Das jahrelange Warten auf den Aufstieg in die Bundesliga war ein echtes Geduldsspiel, in etwa vergleichbar mit jenem, das uns nun auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs warten lässt. Dass ich mir meine Premierensaison im Oberhaus ein wenig anders vorgestellt habe, sei hier nur am Rande angemerkt.
Eine Fußballsaison ist manchmal wie ein Marathonlauf
Es ist Trainer Urs Fischer, der immer mal wieder anmerkt, dass so eine Fußballsaison durchaus mit einem Marathonlauf zu vergleichen ist und nicht mit einem Sprint. Wer sich schon einmal selbst auf diese unglaubliche Distanz begeben hat, wird wissen, wie wichtig es ist, Geduld zu haben. Nicht nur beim Lauf selbst – und diese gut 42 Kilometer können tatsächlich verdammt lang werden –, sondern in den unzähligen Trainingseinheiten, ob bei unerträglicher Hitze, eisigem Wind oder in strömendem Regen. Habe ich schon erwähnt, dass ich durch den Ausfall des Berlin-Marathons in diesem Jahr nun wieder länger auf dieses Highlight warten muss?
In solchen Momenten ist es äußerst hilfreich, sich die Geduld jener Menschen ins Gedächtnis zu rufen, die derzeit wirklich kämpfen müssen, um diese Corona-Wochen zu überstehen. Oder die der Männer von der Apollo-13-Mission, deren Durchhaltevermögen gleichfalls beispiellos gewesen ist.
Failure is not an option – Scheitern ist keine Option, heißt es in dem oscarprämierten Hollywood-Werk. Auch wenn dieser Satz vor 50 Jahren so nie gesagt wurde, ist er zumindest für mich ein Antrieb, auch die nächsten Wochen zu überstehen, die uns das Coronavirus leider bescheren wird. Damit es nicht doch noch irgendwann heißt: Berlin, wir haben ein Problem.


