Ich muss zugeben: Ich sitze gern mal einfach nur so am Strand. So etwas in diesen Tagen zu offenbaren, wird mir sicherlich nicht nur Freunde einbringen. Man merkt zum einen doch recht schnell, dass es draußen einen Hauch zu kühl ist, um sich in luftiger Kleidung vor die Tür zu wagen. Schon deswegen macht es Sinn, zu Hause zu bleiben. Andererseits sind all jene, die ihre Reisen wegen des Coronavirus haben absagen müssen, ohne Zweifel nicht darauf erpicht, wieder daran erinnert zu werden. Um die Wogen also erst einmal zu glätten: Auch ich bin davon betroffen. Und wie ich die nun ausfallende Jahresdosis an Fischbrötchen ausgleichen soll, ist mir immer noch ein großes Rätsel.
Doch Butter bei die Fische: Was mich am Strand immer wieder reizt, ist nicht die allabendliche Faszination darüber, wo sich tatsächlich überall Sand aufspüren lässt. Es ist das Wasser, das in stetem Gleichklang an die Küste brandet, Welle für Welle, jede für sich ein Meisterwerk der Natur und zusammen eine phänomenale Einheit. Wer vor Augen hat, wie größere Wellen kleinere anschieben, um sich gemeinsam noch kraftvoller an Land zu spülen, wird wissen, was ich meine.
Dass es erst dieser verseuchten Tage bedurfte, um nicht nur in Berlin eine derartige Flut an Unterstützung zu erzeugen, mag auf den ersten Blick ernüchternd wirken. Mein Glaube daran, wirklich ernsthafte Krisen gemeinsam überstehen zu können, wird durch diese zahlreichen Hilfswellen nur gestärkt. Es ist ein Gefühl, das mich daran glauben lässt: das Gefühl, nicht allein zu sein in der Ungewissheit, wie es in den nächsten Corona-Wochen weitergeht.
Dass der Fußball ein solches Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln weiß, ist ja allgemein bekannt. Gemeinsam Siege zu feiern, macht erst so richtig Spaß, gemeinsam Niederlagen zu erleiden, lindert den sportlichen Schmerz doch erheblich. Doch was ist, wenn der Ball nicht rollt? Im Zeitalter der sozialen Netzwerke, Mediatheken und sonst welcher Meeting-Möglichkeiten rollt der Ball immer. Beim 1. FC Union überbrücken sie die Zeit ohne Fußball einfach mit – Fußball. Aus der Konserve, deren Inhalt auch immer wieder schmackhaft sein kann, wie wir Frisch-Fisch-Genießer wissen.
Also erfreuen die Köpenicker die Gemeinde Tag für Tag mit Videoclips der Tore, die Union unter dem Etikett „Bundesligist“ geschossen hat. Ich muss gestehen, dass ich mich schon seit Tagen auf die Treffer von Marius Bülter gegen Borussia Dortmund freue. Ausgangsbeschränkung kann so unterhaltsam sein.
Zudem gibt es für die Großen alte Union-Spiele im Stream, wie das erste Derby gegen Hertha BSC aus dem Jahr 2011. Oder auch noch mal den eigens produzierten Film vom erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga. Dazu steht der virtuelle Imbisswagen mit Stadionwurst und Bier bereit, um den Verein zu unterstützen. Wer von der virtuellen Völlerei genug hat, weiß Unions Yoga-Übungen sicher zu schätzen. Und auf die Kleinen warten Bilder zum Ausdrucken, mit Mannschaftsbus und Maskottchen Ritter Keule zum Ausmalen. Im Vergleich zum Gehaltsverzicht, den die Union-Profis gerade erst verkündet haben, und zur Akzeptanz der Union-Mitarbeiter, in Kurzarbeit zu gehen und ebenfalls auf Gehalt zu verzichten, sind das sicher nur Kleinigkeiten. Doch auch diese Kleinigkeiten symbolisieren: Niemand ist allein in dieser Krise.
Als Inhaber des Latinums ist uns natürlich nicht entgangen, dass der Begriff Union aus dem Lateinischen stammt: „unio“ bedeutet vereinigen – das kann wirklich kein Zufall sein. So kann die heimische Couch bei all den großen Wellen der Hilfsbereitschaft durchaus für einen Moment zu jenem Privatstrand werden, den man jetzt gern genießen möchte, erst recht, wenn einem dabei die Sonne durch das geschlossene Fenster ins Gesicht scheint und ihre wohlige Wärme verbreitet. Ich muss jedoch gestehen: Ich kann es nur schwer ertragen, dass meine geliebten Fischbrötchen derzeit eher mit dem Geschmack einer Vollkornstulle mit Leberwurst daherkommen.


