Die dreigeteilten Kantinen-Porzellanteller kosten ein paar Cent, das alte TV-Gerät 25 Euro, der gläserne Beistelltisch 20 Euro. Auf rollenden Kleiderstangen hängt Kleidung, in der hinteren Ecke stapelt sich Spielzeug, Bücher und Schallplatten sind in einem separaten Raum untergebracht. Viola Tunk, stellvertretende Laden-Leiterin verkauft am Getränketresen Kaffee für 50 Cent und Tee für 20 Cent. Renate Schlitt-Dittrich, 69-jährige Rentnerin, sitzt an einem Tisch und schneidet von Kleidung, die nicht mehr tragbar ist, die Knöpfe ab und verpackt sie fein säuberlich in kleine Plastiktüten. Was sich nach einem Second-Hand-Laden anhört, entpuppt sich auch als ein solcher. Hinter den blau-weißen Schildern in einem ehemaligen FDJ-Gebäude in Pankow befindet sich einer von sieben Zweite- Hand-Läden der Berliner Stadtmission. „Komm & Sieh“ ist der Name, und das beschreibt nicht nur die Einladung an die Kunden hereinzukommen, zu stöbern und für wenig Geld alles von der Steckdose bis hin zur Couchgarnitur kaufen zu können. „Komm und sieh ist auch ein Bibelzitat“, beschreibt Jost Berchner, Leiter der gemeinnützigen GmbH, die 1994 als Integrationsunternehmen der Berliner Stadtmission gegründet wurde.
86 Mitarbeiter zählt das Unternehmen inzwischen, neun in Vollzeit, davon vier Schwerstbehinderte, 23 Mini-Jobber, wie Suse Radig, die gerade ein Regal sortiert, sowie ehrenamtliche Kräfte. „Mit den Second-Hand-Läden, einem Transportdienst für Wohnungsauflösungen sowie einer Sortierabteilung haben wir einerseits die Möglichkeit, vieles, was der Stadtmission geschenkt wird, verkaufen zu können und mit den Erlösen sowohl das Beschäftigungsprojekt als auch weitere Projekte zu fördern und Menschen, die durch eine ‚Karriere auf der Straße’ sehr schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt haben, eine Perspektive zu geben und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen“, sagt Berchner. So ist einer der Mitarbeiter, erzählt er, Alkoholiker mit regelmäßigen Rückfällen, die jedoch durch diese Aufgabe nur in längeren Abständen vorkommen. Ein anderer ehemals Obdachloser, so Berchner, arbeitet freiwillig, will außer seinen Fahrtkosten keine Aufwandsentschädigung entgegen nehmen. „Wir versuchen, die Arbeitsplätze den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt, auch das ist für uns Integration“, so der Leiter.
Dass die Komm & Sieh-Shops nicht offensiv als Hilfsprojekte ausgeschildert sind und hier jeder einkaufen kann, ist bewusst entschieden worden und Teil einer Integration in das Berliner Stadtleben. „Manche kommen auch nur zum Reden vorbei“, erzählt Renate Schlitt-Dittrich, die früher als Sekretärin gearbeitet hat, in der Nachbarschaft wohnt und durch ihre Lebenserfahrung auf Menschen zugehen kann. Da verwundert es kaum, dass die Atmosphäre in Pankow, einem der größten Läden, äußerst entspannt und zuweilen äußerst amüsant ist. „Kommen Frauen mit ihren Männern, können die sich vorne hinsetzen und einen Kaffee trinen, dann mucken sie nicht“, scherzt Viola Tunk.
Dass Geschäfte mit preiswerter Ware – dringend häufiger außer- halb der Innenstadt – benötigt werden, ist täglich sichtbar. „In unserem Edelshop in Wilmersdorf bekommt man zwar auch KPM-Geschirr, aber in Kreuzberg sind viele Leute auf Geschäfte wie unseres angewiesen, und in einem Tegeler Problemgebiet dient unser Second Hand-Laden auch dazu, Menschen aus ihren Wohnungen zu holen, damit sie sozial nicht vereinsamen“, so Jost Berchner, der mit Stolz verkünden kann, dass die Läden im vergangenen Jahr aus den roten Zahlen gekommen sind und in diesem Jahr wohl auch schwarze Zahlen schreiben werden. In dieser Woche hat das Pankower Team mehr zu tun als üblich. Am 7. Juni wird im Laden und Hof ein Frühlingsfest veranstaltet, an dem auch Pankower Künstler teil- nehmen (ab 12 Uhr, Thulestr. 56). Dass das Integrationsunternehmen kreativ an die Arbeit geht, zeigt eine Kooperation mit den Modemachern von Upcycling Fashion in Mitte. „Seit März gibt es ein gemeinsames Designprojekt, bei dem die Upcycling-Modemacher aus alter Kleidung, die nicht mehr zu gebrauchen ist, Neues schneidern“, zeigt sich Berchner begeistert. 14 neue Outfits gibt es schon, präsentiert werden sie auf einer Modenschau beim Sommerfest der Berliner Stadtmission am 25. August an der Lehrter Straße 68 in Moabit.


