Weiterbildung

Musicals sind nichts für Feiglinge

Am Berliner Institut für Schauspiel-, Film und Fernsehberufe werden Tänzer, Schauspieler, Musicaldarsteller und Sänger auf Auditions vorbereitet.

Foto: Dagmar Trüpschuch

Dämmriges Licht. Ein Mann tritt auf die Bühne. Jeans, Hemd. Normal eben. Aus dem Hintergrund eine Stimme: „Welche Musik haben Sie uns mitgebracht?“ Antwort: „Als Uptempo-Songs „Tanzschulzeit“ von Zaufke/ Adenberg sowie „Not the boy next door“ aus dem Musical „The boy from Oz“. „Dann bitte: ‚Not the boy next door’.“

Die Stimme im Hintergrund gehört Craig Simmons, einem bekannten Musicalregisseur (Der kleine Horrorladen, Hair). Der Mann auf der Bühne ist Wolfgang Schwingler, 38, Musicaldarsteller. Er legt los. Singt, seine Körperhaltung verändert sich im Takt der Stimme. Mimik, Gestik, Tanzeinlagen, Bariton. Applaus. „Danke“, sagt Craig Simmons Und fragt nach dem Monolog, den Schwingler vorbereitet hat.

Es ist der Abschlussabend des elfwöchigen Workshops am Institut für Schauspiel-, Film und Fernsehberufe (iSFF) „Musical Auditions erfolgreich bestehen“. Auf der Bühne die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Sänger, Tänzer, Schauspieler – im Publikum Dozenten, Freunde und Familie. Der Abend: Vorbereitet wie eine Audition, das Vorsprechen und Vorspielen, um bei Musicalproduktionen eine der begehrten Rollen zu ergattern.

Alter Hase im Geschäft

Und genau aus diesem Grunde ist Wolfgang Schwingler dabei. Eigentlich ein alter Hase im Geschäft. Auf der Musicalbühne stand er zuletzt in Hape Kerkelings und Thomas Hermanns „Kein Pardon“. Bis dahin flutschte seine Karriere. Vorsprechen, Spielzeit, Pause, Vorsprechen, Pause. „Plötzlich änderte sich was“, sagt Schwingler. „Auf die Songs, die ich viele Jahre erfolgreich gesungen hatte, bekam ich kein positives Feedback mehr. Und nach den Auditions erhielt ich viele Absagen.“

In seinem Alter ist er auch nicht mehr der Jüngste im Geschäft. „Mit 38 befinde ich mich in einer Grauzone“, sagt er selbstkritisch. „„Bin nicht mehr der ganz junge Hüpfer und gehöre vielleicht auch noch nicht in das ältere Charakterfach.“ Deswegen entschied er sich für die Weiterbildung an der iSFF, kam von Düsseldorf nach Berlin. Er konnte es sich leisten. Nach „Kein Pardon“ hatte er kein Folgeengagement, war beim Arbeitsamt gemeldet und konnte die Weiterbildung per Bildungsgutschein finanzieren. Nicht schlecht bei Kursgebühren von 3.790, 80 Euro.

Schwingler und seine Kommilitonen wurden geschult in Gesang, Schauspiel, Tanz, Sprecherziehung und Bewerbungstraining. „Craig hat mir sehr geholfen, weil er herausgefunden hat, was für ein Typ ich bin und was zu mir passt. Dementsprechend hat er eine Songauswahl gefunden, die alles abdeckt“, sagt Wolfgang Schwingler. „Und er hat uns vermittelt, was heute auf dem Markt gefragt ist.“

Gelungene Audition

„Not the boy next door“, das Lied, das Wolfgang Schwingler bei der Abschlussshow im La Luz in den Weddinger Osramhöfen zum Besten gibt, scheint den Zeitgeist genau zu treffen. Lacher aus dem Publikum, Schlussapplaus. „Ich habe diesen Song auf Deutsch gesungen“, sagt Schwingler. „In meiner eigenen Übersetzung.“ Denn Christian Gundlach, ein Komponist, Übersetzer und Librettist, der an der iSFF Song-Übersetzung lehrt, brachte seinem Schüler während der Weiterbildung auch bei, was ein fauler und was ein guter Reim ist.

Nun schaut Wolfgang Schwingler positiv gestimmt in die Zukunft. „Es kommen immer neue Auditions und dafür bin ich jetzt gut vorbereitet. Der Kurs hat ein gutes Update geleistet.“ Gerade hat er in einer Audition in Berlin für das Musical Mamma Mia vorgesungen und gespielt. „Interessanterweise wollten sie auch „Not the boy next door“ hören. Ich habe ’ne gute Audition gemacht und der Rest wird sich dann ergeben.“