Suche nach Authentizität

Schöpfen aus sich selbst heraus: Behinderte Künstler wie Betty Feix arbeiten unbeeinflusst von jeder akademischen Kunstströmung

Foto: JAKOB HOFF

Die Via Fischwerkstatt liegt direkt hinter einem Blumenladen an der Schönhauser Allee. Gleich beim Betreten wird man von der kreativ-heiteren Atmosphäre in den Räumlichkeiten eingenommen. Von der Decke baumeln Tiere in den lustigsten Farben: Hai und Sprotte, Libelle und Nilpferd, Frosch, Eule und viele andere mehr. Sie werden aus Rohlingen von kaschiertem Hartschaum modelliert, anschließend bemalt und stehen dann zum Verkauf bereit. Fast könnte man die rund 20 geistig Behinderten oder psychisch Kranken, die an den Werktischen sitzen und diesem Getier Form geben, um ihren Arbeitsplatz beneiden.

In diesen kreativen Bereich trat 2008 die inzwischen 23-jährige Betty Feix als Praktikantin ein, mit der Perspektive, hier eine Berufsausbildung im Fachbereich Dekoration und Design zu absolvieren. Allerdings machte die junge Frau trotz ihrer geistigen Behinderung dem Leiter der Werkstatt ziemlich schnell klar, dass sie ihrem Selbstverständnis nach Schriftstellerin sei. Was Ralph Stabbert zunächst eher skeptisch beäugte, erwies sich schon bald als eminent künstlerische Begabung bei hoher Produktivität. Betty beschrieb seitenweise Blätter, repetierte dabei jeweils einen von ihr gewählten Satz, und immer wieder wurde das Schreiben auch von farbigen Zeichnungen unterbrochen. So entstanden, nachdem die Blätter gebunden waren, sehr persönliche Künstlerbücher, die von den wesentlichen Dingen des Lebens berichten: Liebe, Enttäuschung, Verlust. Aber sie sprechen auch von dem Seelenzustand eines jungen Mädchens, denn immer wieder tauchen Idole auf wie Johnny Depp, Britney Spears oder Michael Jackson. Gerade nimmt Betty auf Anregung Stabberts ein weiteres Buch in Angriff. Hierin wird sie die Erfahrungen verarbeiten, die sie machte, als sie vor wenigen Wochen einem Aufruf eines Geldinstituts folgte, eigene Arbeiten einer Jury zu präsentieren. Dabei musste sie zusammen mit vielen anderen Künstlern stundenlang in der Kälte warten, um dann doch unverrichteter Dinge den Ort zu verlassen, damit sie noch pünktlich zu ihrem Fahrdienst gelangte.

Doch blieb Betty bei den kleinen Formaten nicht stehen. Wiederum durch den Werkstattleiter ermuntert, begann sie bald, ihre Zeichnungen auf zumeist große Leinwände zu übertragen. Dabei zeigt sich, dass sie ein eher ungeduldiger, temperamentvoller Mensch ist. Zunächst malt sie mit Acryl einzelne Farbflächen auf den Untergrund, nimmt dann einen schwarzen Edding und setzt die entsprechenden Konturen. "Ein Charakteristikum ihrer Vorgehensweise ist, dass sie immer sehr entschlossen arbeitet", teilt Ralph Stabbert mit. Das Resultat sind naive und zugleich märchenhaft anmutende Werke, vor allem wenn sie dann noch Titel wie "Vampirschloss" oder "Hochzeitskutsche" tragen. In ihrer Leichtigkeit erinnern sie an Paul Klee.

Dass eine Künstlerin wie Betty Feix heute Beachtung erfährt und gefördert wird, lässt sich nicht zuletzt aus der Geschichte erklären. Bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren Künstler auf der Suche nach dem Authentischen, Unverbildeten und Echten, das sie außerhalb der etablierten Kunstszene suchten. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte man sich auch den künstlerischen Produktionen in psychiatrischen Kliniken zu. Schließlich prägte Jean Dubuffet nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff "Art Brut", worunter er Werke von Personen verstand, die alles aus ihrem eigenen Inneren schöpfen, unbeeinflusst von der klassischen Kunst oder aktuellen Kunstströmungen. Es ging ihm um die künstlerische Arbeit in ihrer Reinform, nur die eigene Empfindung zählte. Heute wird unter dem Oberbegriff "Außenseiterkunst" oder "Outsider Art" vieles zusammengefasst: neben der Art Brut noch die Naive Kunst, die Volkskunst und die Bildnerei von psychisch Kranken. Doch natürlich könnte die Außenseiterkunst nicht bestehen, wenn nicht auch entsprechende Galerien und Museen sie verträten und ausstellten.

Einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz und Förderung dieser Kunst in Berlin liefert die Galerie Art Cru. Alexandra von Gersdorff-Bultmann, die früher selbst in psychiatrischen Kliniken tätig war, wurde es nicht müde, immer neue Anstöße zur Einrichtung von Offenen Ateliers in Krankenhäusern zu geben, um damit das künstlerische Schaffen der Patienten zu fördern. Sie gründete 2008 ihre im Kunsthof in der Oranienburger Straße gelegene Galerie und kann heute sogar international anerkannte Künstler präsentieren.

Mit den Arbeiten von Betty Feix wird sie dieses Jahr auf die Berliner Messe, die Preview Berlin, gehen. Sie könne keine andere Outsider Art mehr ertragen als die von psychisch Kranken, gesteht sie. Eine solche Kunst gemacht von Menschen, die studiert haben, wirke auf sie immer verlogen. Und stolz erzählt sie, dass vor einigen Monaten ein bedeutender Sammler aus der Schweiz so begeistert von Bettys Arbeiten war, dass er gleich alle Werke, die sich von ihr in der Galerie befanden, gekauft habe.

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