Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern in der Regelschule ist das größte Reformprojekt, das dem Berliner Bildungssystem bevorsteht. Das Konzept „inklusive Schule“ hat die Senatsverwaltung für Bildung im Februar vorgestellt. Was davon tatsächlich ab 2014 umgesetzt wird, hängt von den derzeit streng geheim geführten Verhandlungen für den Landeshaushalt für die kommenden zwei Jahre ab.
Tatsche ist, dass sich Berlin dieser Reform nicht komplett versperren kann. Vor vier Jahren hatte sich Deutschland verpflichtet, Schüler mit und ohne Behinderungen gemäß der UN-Konvention zur Inklusion gemeinsam zu unterrichten. Unterschiedlich schnell setzen die Bundesländer diese Konvention um. Die Berliner Bildungsverwaltung hatte bereits unter Senator Jürgen Zöllner (SPD) vor zwei Jahren ein Konzept vorgelegt. Doch damals gab es heftige Widerstände und Proteste von den Schulen und Eltern. Kritisiert wurde vor allem die Kostenneutralität. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) stoppte nach Amtsantritt die Umsetzung und setzte einen Expertenbeirat ein, der auch die Betroffenen stärker einbeziehen sollte. Ein ganzes Jahr benötigten die Experten, um das überarbeitete Konzept vorzulegen.
Die Grundzüge des Modells bleiben. Körperlich oder geistig behinderte Kinder, sollen zunächst an bestimmten Schwerpunktschulen unterrichtet werden, da die baulichen behindertengerechten Voraussetzungen an vielen Schulen gar nicht gegeben sind. Für Kinder mit Sprachfehlern, sozialen Verhaltensauffälligkeiten oder besonderen Lernschwierigkeiten soll die Feststellung eines Förderbedarfs künftig komplett wegfallen. Damit soll eine Stigmatisierung vermieden werden, schließlich soll jedes Kind individuell nach seinen Fähigkeiten gefördert werden. Die Sonderschulen mit diesem Schwerpunkt werden schrittweise abgeschafft und die Sonderpädagogen gleichmäßig auf alle Schulen verteilt. Schulen mit besonders vielen Kindern aus sozial schwachen Familien oder Familien nichtdeutscher Herkunft erhalten einen Zuschlag.
Doch genau hier liegt das Problem: Bisher erhalten die Schulen zusätzliche sonderpädagogische Fachkräfte nach Anzahl der förderbedürftigen Kinder. Sogenannte Integrations-Schulen, die bisher besonders viele förderbedürftige Kinder in den Klassen haben, aber nicht in sozialen Brennpunkten liegen, müssten Pädagogen abgegeben. Damit wäre die erfolgreiche Arbeit dieser Schulen gefährdet.
Die Vereinigung der Berliner Schulleiter hat das Konzept deshalb jüngst scharf kritisiert. „Die Kollegen sind teilweise fassungslos, vor allem was die Personalzuweisung betrifft“, sagt Paul Schuknecht, Vorsitzender der Schulleitervereinigung. Die Schulleiter fordern dringend eine Nachbesserung, bevor es zum Startschuss für die Inklusion kommt.
Dabei hatte der Beirat in seinen Empfehlungen schon 15 Millionen Euro zusätzlich eingeplant, um in besonderen Härtefällen zusätzliche 300 Sonderpädagogen verteilen zu können. Doch das beruhigt die Schulleiter nicht. Die Größe des Pools entspreche nicht der Zahl der tatsächlich förderbedürftigen Kinder, sagt Schuknecht.
So sehen das auch die Elternvertreter. Die absehbare Unterfinanzierung gefährde die betroffenen Kinder, sagt Frank Heldt vom Landeselternausschuss. Wenn man davon ausgehe, dass etwa sechs Prozent aller Kinder förderbedürftig seien, müssten zusätzlich 28 Millionen Euro für Sonderpädagogen zur Verfügung stehen, rechnet Heldt. Dabei ist die Annahme der Eltern noch optimistisch, denn der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lag im vergangenen Jahr in Berlin bei 7,5 Prozent.
Laut Plan der Bildungsverwaltung soll schon 2014 in den dritten Klassen der Grundschulen die Feststellung der Förderbedarfe wegfallen. Ab dem Schuljahr 2015/16 sollen die Sekundarschulen folgen. Auch innerhalb der Koalition von SPD und CDU ist man sich darüber nicht ganz einig. Die bildungspolitische Sprecherin der CDU warnt davor, funktionierende Strukturen wie etwa Förderschulen abzuschaffen.


