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... sagt der Chef-Entwickler von Google X ...

Mo Gawdat: ... einem der innovativsten Unternehmen der Welt. Erfolg ist mir wichtig. Ich liebe meinen Job. Ich kann dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wir schätzen, dass die Suchmaschine jeden Tag 50.000 Menschen alleine dadurch das Leben rettet, dass sie den Begriff „Herzinfarkt“ googeln.

Sie bezahlen dafür einen hohen Preis – in Form ihrer persönlichen Daten, die Google vermarktet.

Jede Technik hat ihre Kehrseite. Möchten Sie lieber wie vor 50 Jahren leben, als es noch kein Internet gab und die Menschen keinen unbeschränkten Zugriff auf solche Informationen hatten?

Google X hat sich zum Ziel gesetzt, Dinge zu erfinden, die die Menschheit noch weiter voranbringen als die Mondlandung. Hat Sie diese „Moonshot Philosophy“ geprägt?

Absolut. Unser CEO Larry Page ermutigt uns, kühne Ziele zu setzen. Er sagt, niedriger hängen können wir die Messlatte immer noch, wenn wir merken, wir erreichen sie nicht. Was herauskommt, sei immer noch besser als das, was wir erreicht hätten, wenn wir sie gleich tief gelegt hätten.

Setzt Sie das nicht unter gewaltigen Erfolgsdruck?

Nein, ich setze mir zwar hohe Ziele. Aber wenn ich die nicht erreiche, ändert sich nichts für mich. Das unterscheidet mich von den meisten Menschen. Die bleiben aus Angst lieber in einem Job, den sie nicht mögen, als etwas Neues zu beginnen. Irgendwann kreisen ihre Gedanken nur noch um dieses Thema. Und das macht sie unglücklich.

Es ist eben nicht jeder so finanziell unabhängig und selbstbewusst wie Sie.

Darum geht es nicht. Wir dürfen nicht zulassen, dass negative Gedanken uns die Hände binden. Als ich mein Buch veröffentlicht habe, habe ich mir vorgenommen, zehn Millionen Menschen glücklich zu machen. Das hat mich angespornt. Jetzt haben wir schon 23 Millionen Rückmeldungen von Menschen bekommen, die durch das Buch oder meine Workshops von der Glücksformel erfahren haben. Es ist eine richtige Bewegung geworden. Das erfüllt mich mit Stolz. Wenn ich das Ziel verfehlt hätte, hätte mich das aber nicht unglücklich gemacht. Wenn ich jeden Tag nur einen dazu bewegen kann, mehr für sein Glück zu tun, ist das immer noch ein tolles Ergebnis.

Sie klingen wie ein Mathematiker, der sagt: X + Y = Z. Ist das Leben nicht viel zu komplex, um es in eine Gleichung zu pressen?

Überhaupt nicht. Wir verkomplizieren das Leben so sehr, dass wir das Grundkonzept aus dem Auge verlieren. Dabei ist es so leicht, glücklich zu sein. Du musst dir nur regelmäßig vergegenwärtigen, dass du das Leben so akzeptieren musst, wie es ist, und das Beste daraus machen. Das ist wie mit Fitness. Je öfter du trainierst, desto besser fühlst du dich.

2014 ist etwas passiert, was Ihr Leben umgekrempelt hat. Ihr Sohn Ali starb bei einer Routine-Operation am Blinddarm. Erinnern Sie sich noch an den Tag?

Ja, an jede einzelne Minute. Es gibt im Leben nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Es ist, als ob man dir das Herz herausreißt. Und ich fühle den Schmerz immer noch, jeden Tag. Schmerz fügt dir die Welt zu. Er muss dich aber nicht zu einem unglücklichen Menschen machen.

Wenn einen das Schicksal so hart trifft, wird dann so eine Glücksformel nicht zur Makulatur?

Nein, wenn du so etwas erlebst, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du rastest aus – oder du reagierst ganz friedlich. So war das bei mir und meiner Frau. Ich habe Ali selber zum Friedhof getragen. Er wurde nach muslimischer Tradition bestattet. Bei seiner Beerdigung waren wir diejenigen, die seine Freunde trösten mussten.

Woher haben Sie die Kraft genommen?

Aus dem Wissen, dass uns nur Alis Körper verlassen hat, aber nicht er selber.

Als Moslem glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ja, aber das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich glaube daran, dass wir Teil von etwas Größerem sind als dieser physischen Welt. Ali ist nicht einfach so im Nichts verschwunden. Es geht ihm ganz gut dort, wo er jetzt ist.

Was war Ali für ein Mensch?

Er war 21 Jahre alt. Er hat in Boston Journalistik und Philosophie studiert, wollte aber umsteigen auf Computer-Wissenschaften. Ali war ein Mensch, der von Natur aus glücklich war. Schon als er noch klein war, hat er mich mit seiner Weisheit verblüfft. Ich habe viel von ihm gelernt. Den Augenblick zu genießen. Neugierig zu bleiben. Anderen Menschen vorurteilsfrei zu begegnen. Dem Glück immer höchste Priorität einzuräumen. Ich glaube, das sind alles Eigenschaften, die wir alle von Geburt an mitbringen.

Der Naturmensch, wie Rousseau ihn gesehen hat, unverdorben durch Vernunft, Wissen und Gesellschaft?

Genau. Bevor wir sprechen lernen, sind wir alle glücklich, sofern unsere Grundbedürfnisse wie Nahrung, Liebe und Schutz erfüllt werden. Die meisten verlieren diese Fähigkeiten, wenn sie erwachsen werden. Wir sperren dieses Kind in uns ein. Ali hat das nicht getan. Er hat mir geholfen, die Glücksformel zu entwickeln. Der Al­go­rith­mus war das eine, er war das Vorbild als Mensch.

Hat Ihnen die Arbeit an dem Buch geholfen, über seinen Tod hinwegzukommen?

Bestimmt. Sehen Sie, das ist ja Teil der Glücksformel: zu akzeptieren, dass das Leben manchmal Wege geht, die nicht vorhersehbar sind. Man muss das akzeptieren. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.

Leichter gesagt als getan.

Ich habe schnell erkannt, dass nichts auf der Welt meinen Sohn wieder zurückbringt. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, mich mit ihm zu unterhalten. Und wie ich ihn kenne, wäre seine erste Reaktion gewesen: „Papa, ich bin doch schon tot. Du kannst nichts daran ändern. Versuch lieber, etwas daraus zu machen.“

Und deswegen haben Sie das Buch geschrieben?

Genau, die Glücksformel, die wir gemeinsam erarbeitet haben, soll anderen helfen. Das ist meine Mission. Sie hat mich jetzt schon siebenmal um die Welt geführt. Und ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

Wie schwer ist es, andere glücklich zu machen, wenn man selber nicht glücklich ist?

Sehe ich etwa traurig aus? Ich bin vielleicht gerade etwas müde durch den Jetlag. Aber ich fühle mich wie der glücklichste Mensch der Welt. Ich bin ein völlig anderer Mensch geworden. Ich geh jetzt fünfmal die Woche ins Fitness-Studie, um die Energie zu tanken, die ich für eine Mission brauche. Meine Frau und ich haben uns getrennt, in aller Freundschaft. Sie ist in Dubai, wo sie einen Fitness-Club für Frauen betreibt. Ich sitze meistens im Flugzeug.

Klingt eher nach noch mehr Stress als nach einem gechillten Neuanfang.

Aber der Job füllt mich aus. Ich wurde für meine Arbeit noch nie so reich belohnt. Gerade komme ich von einer Lesung aus Holland zurück. Menschen fielen mir weinend um den Hals. Sie haben mir gesagt, das Buch hätte ihr Leben verändert.

Sie gefallen sich in der Rolle des Erlösers?

(lacht) Nein, mit Religion hat das nichts zu tun. Glück folgt einer gewissen Logik.

Haben Sie sich jemals gefragt, wie Sie den Tod Ihres Sohnes ohne Ihre Glücksformel verkraftet hätten?

Ich hätte mich nicht umgebracht, aber ich hätte so wie bisher nicht weiterleben können. Vermutlich hätte ich mich in einer stillen Kammer eingeschlossen und in meinem Kummer vergraben. Ali war ja nicht nur mein Sohn, er war mein Mentor, mein bester Freund, mein Lehrer. Ich glaube, ohne diese Formel hätte ich es nicht geschafft.

Wann haben Sie mit der Arbeit daran begonnen?

Das war im Jahr 2000. Ich war Daytrader an der Börse, und die Internetblase war gerade geplatzt. Alle verloren Geld, nur ich gewann. Ich war extrem erfolgreich. Aber trotzdem war ich nicht glücklich.

Verheiratet, zwei Kinder, gesund, wohlhabend genug, um sich online zwei Rolls-Royce zu bestellen. Für Außenstehende sah es aus, als hätten Sie alles gehabt. Was hat Ihnen gefehlt?

Das stimmt, aber so ähnlich wie mir ging es vielen Freunden, die erfolgreich und wohlhabend waren. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Zufriedenheit mit wachsendem Einkommen steigt. Aber sobald man ein gewisses Level erreicht hat, stagniert sie. Ich habe herausgefunden, dass sie danach sogar wieder abnimmt, wenn das Einkommen noch weiter steigt. Die Leute behandeln dich anders. Mich hat das enttäuscht. Der Kauf dieser beiden Autos war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich erkannte, dass materielle Dinge nicht meine Probleme lösen.

Was hat Sie belastet?

Ich war total auf meinen Job fixiert. Ich bin von Termin zu Termin gehetzt. Gut war nie gut genug. Ich sah nur meine Fehler, nie den Erfolg. Ich war ein Kontrollfreak, auch privat. Meine Ex-Frau ist eine wunderbare Mutter, aber auch ihr habe ich vorgeschrieben, wie sie unsere Kinder noch besser erziehen könnte. Ich habe die Kinder ausgeschimpft, wenn sie morgens gebummelt haben. Ich war voller negativer Gedanken.

Warum haben Sie keine professionelle Hilfe gesucht?

Wir lebten damals in Dubai, im Mittleren Osten gab es diesen Luxus damals noch nicht. Wenn ich zu einem Therapeuten gegangen wäre, hätte er bei mir aber wohl eine Depression diagnostiziert.

Wie haben Sie sie überwunden?

Ich habe mich da herausgelesen. Ich habe alles gelesen, was mir in die Hände kam. Die wichtigsten Bücher waren „Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung“ von Eckhard Tolle. „Die Seele will frei sein. Eine Reise zu sich selbst“ von Michael Singer. Und „Lieben, was ist“ von Byron Katie.

Glücksratgeber füllen in Buchläden Regale. Warum sind Sie auch noch unter die Forscher gegangen?

Ich habe nicht alles von dem verstanden, was ich las. Also habe ich begonnen, das Problem zu analysieren wie ein Ingenieur. Wie wird man glücklich? Ich habe mich dieser Frage nicht von der psychologischen oder esoterischen Seite genähert, sondern wissenschaftlich. Das war neu. Und vielleicht erklärt das auch den Erfolg des Buches. Zwei Drittel der Menschen vertrauen lieber der Logik als der Esoterik.

Wie sieht Ihr wissenschaftlicher Blick auf Glück aus?

Ich gehe davon aus, dass der Körper eine Maschine ist. Ein Audi, wenn Sie so wollen. Ich liebe Audis. Der Körper ist wie ein Auto. Wenn Sie das Gaspedal drücken, geht er schneller. Wenn Sie bremsen, bleibt er stehen. Bestimmte Reaktionen sind vorhersehbar. So ist es auch mit Glück. Wir werden glücklich geboren und wachsen da heraus, weil sich unser Blick auf die moderne Welt trübt.

Wo bleibt die Seele in diesem Modell?

Man muss nicht verstehen, wie der Motor eines Audi A8 funktioniert, um einen platten Reifen zu ersetzen. Das ist ja auch einer dieser Irrtümer der modernen Welt, dass wir glauben, alles zu wissen. Aber wie viel gibt es, was wir nicht wissen. Wenn wir uns das eingestehen, finden wir das Glück schneller.

Ihre Glücksformel basiert auf der Annahme, dass positives Denken heilsam wirkt. Ist das typisch amerikanisch?

Nein, schauen Sie sich mal die Tweets von Donald Trump an. Manche Nationen feiern sich eben selber mehr, als sie es verdienen. Andere sehen sich negativer, als sie wirklich sind. Deutschland und Korea zum Beispiel. Die Welt verdankt ihnen großartige Errungenschaften, sie finden aber, dass sie immer noch besser sein könnten. Aber muss man sich deshalb schlechter machen? Wenn ich Deutschland durch die Brille eines Ägypters sehe, müsstet Ihr super-stolz auf Euch sein.

Worauf denn?

Ihr produziert die besten Autos auf der ganzen Welt. Ihr tragt die europäische Wirtschaft auf Eurem Rücken. Alle Menschen haben Zugang zu Bildung. Arbeitslose bekommen staatliche Unterstützung. Und dann Eure Kanzlerin, mein Gott! Die ganze Welt schaut auf Deutschland und sagt: Seht mal her, wie eine Frau führen kann. Trotzdem mangelt es Euch an Selbstwertgefühl.

Ein großes Hindernis auf dem Weg zum Glück?

Absolut. Diese ewige Selbstkritik macht meine ganze Glücksgleichung kaputt. Die misst ja das, was wir erreicht haben, mit dem, was wir vom Leben erwarten. Wenn man sich selber immer einredet, dass man nicht gut genug ist, verengt sich der Blick. Man fordert das Hirn auf, nach Dingen Ausschau zu halten, die nicht rund laufen.

Deutschland trägt immer noch schwer an seiner historischen Schuld. Die Nazi-Diktatur hat sechs Millionen Juden das Leben gekostet. Sind wir vor diesem Hintergrund zum Unglücklichsein verdammt?

Ich schaue nicht zurück. Ich schaue nach vorn. Es ist doch ganz leicht, sich morgens vor dem Spiegel zu fragen: Was sind meine Stärken? Was kann ich verbessern? Wenn Sie mit der Frage beginnen, durchbrechen Sie den Teufelskreis.

Aber vielleicht sind hierzulande viele Menschen auch nur dann glücklich, wenn sie in jeder Suppe ein Haar suchen können.

Gibt es in Deutschland irgend jemanden, dessen Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden? Ich glaube nicht. Trotzdem denken viele Leute, es gehe ihnen nicht gut genug. Manche benehmen sich, als hätten sie einen Vertrag mit dem Leben abgeschlossen wie mit einem Mobilfunkunternehmen. Wo ist der Vertrag, in dem geschrieben steht, dass du Anspruch auf Ersatz hast, wenn das Leben mal nicht so will wie du?

Wer sagt eigentlich, dass es erstrebenswert ist, immer glücklich zu sein?

Jedes Land hat seine eigenen Werte. Es gibt überall eigene Maßstäbe dafür, was jemand erreichen muss, um erfolgreich zu sein. Kommst du nach Amerika, sagen die Leute, ich bin toll, ich habe Erfolg. In England sagen die Leute, ich mache das, was man von mir erwartet. Im IS sagt man dir: Ich bringe dich um, wenn du ein Bier trinkst. Die Menschen werden so erzogen, dass sie diese Maßstäbe verinnerlichen.

Und wir Deutschen werden zum Nörgeln erzogen?

Dieses Nörgeln ist der Ausdruck des Wunsches, einen überlegenen und kritischen Eindruck zu machen. Osteuropäer sind genauso. Ich fordere die Menschen immer auf, diese Maßstäbe in Frage zu stellen. Müssen wir wirklich immer an allem herummäkeln, um smart zu erscheinen? Können wir es nicht mal positiv formulieren?

Ihr Buch hat 384 Seiten. Mal ehrlich: Wieviel Zeit muss ich investieren, bis mir Ihre Tipps in Fleisch und Blut übergehen?

Ach, es ist wie im Fitnessstudio. Die ersten beiden Wochen sind hart, danach wird es immer leichter. Sie müssen ja nicht alle Lektionen verinnerlichen. Meistens sind ja nur ein oder zwei Faktoren daran schuld, dass Sie unglücklich sind. Kontrollzwang oder Angst zum Beispiel.

Was ist mit Menschen, die depressiv sind? Ist es nicht zynisch, ihnen einzureden, auch sie könnten glücklich sein, wenn sie nur hart genug an sich arbeiten?

Acht Prozent meiner Testleser auf der ganzen Welt haben das Buch auf Seite 11 wieder aus der Hand gelegt. Dort steht: „Happiness is a choice“. Diese Menschen haben mir vorher gesagt, sie seien depressiv. Das ist etwas anderes als unglücklich. Eine Depression kann Jahre dauern. Der chemische Stoffwechsel im Hirn ist gestört.

Das heißt, die Glücksformel kann solchen Menschen nicht helfen?

Ich bin mir da nicht so sicher. Diese Krankheit nährt eine 18-Milliarden-Dollar-Industrie. Menschen brauchen Medikamente, um den hormonellen Stoffwechsel auszubalancieren. Aber Pillen sind nicht alles. Ich glaube, die Betroffenen sollten auch darüber nachdenken, woher ihre tiefe Traurigkeit rührt. Sonst finden sie nie aus dem Teufelskreis ihrer negativen Gedanken heraus.

Und in welchen Ländern funktioniert die Formel am besten?

Bisher in Südkorea und in Holland. Das sind Länder, in denen die Logik eine große Rolle spielt. Und viele Menschen sind dort unglücklich, obwohl sie es nicht zugeben würden. Was Deutschland angeht, weiß ich es noch nicht. Das Buch ist ja gerade erst erschienen.

Ihre Prognose?

Ach, Ihr Deutschen seid ein Volk von Nörglern. 79 Millionen Menschen wären doch eine gute Hausnummer. (lacht)