Leben

„Man muss schnellstens intervenieren, damit der Konflikt nicht eskaliert“

Anwalt Jürgen Rudolph plädiert für außergerichtliche Lösungen

Wie verhindert man, dass der Streit um die Kinder nach einer Trennung eskaliert? Fragen an Anwalt Jürgen Rudolph. Er war früher Familienrichter und hat 1992 mit Kollegen ein Modell entwickelt, das die Beteiligten umgehend auf den Weg zur Einigung zwingt.

Wie oft kommt es vor, dass sich Eltern nach einer Trennung vor Gericht wiedersehen, weil sie sich nicht über das Sorge- oder Umgangsrecht einig werden?

Jürgen Rudolph: Zwischen 1999 und 2011 waren etwa zwei Millionen Kindern von Ehescheidungen betroffen. Ich schätze mal, dass circa 60 Prozent der Paare eine gute Regelung ohne Hilfe für die Kinder hinbekommen. 20 Prozent tauchen erst gar nicht vor Gericht auf, weil ein Elternteil vorher resigniert hat. Den Anteil der „hochkonfliktträchtigen“ Trennungen schätze ich auf 20 Prozent. Der überwiegende Teil dieser Fälle ist erst eskaliert, weil die Behörden ihn haben eskalieren lassen.

Geht es nicht auch ohne Rosenkrieg?

Nein, das ist in Deutschland fast unmöglich. Dazu fehlt es an den Institutionen, die in der Lage sind, sowohl außergerichtlich als auch gerichtlich eine Einigung herbeizuführen.

Wieso? Es gibt doch Mediatoren und Familienberatungsstellen.

Ja, aber bevor man die in Anspruch nehmen kann, müssen sich jedenfalls hierzu beide Elternteile einig sein, und das kommt nicht oft vor. Man bekommt auch nicht überall sofort einen Termin. Sobald der Fall aber vor dem Gericht landet, ist die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung schon gescheitert. Häufig verfolgt ein Elternteil das Ziel, den anderen Elternteil aus der Sorge oder Verantwortung für die Kinder herauszudrängen.

Und verdrängt wird meistens der Vater?

Ja, immer noch. Dabei ist das nicht geschlechtsspezifisch. Es spiegelt eher die Rollenverteilung vor der Trennung wieder. Ich habe unter meinen Mandanten inzwischen mehr Mütter als Väter, die aus dem Leben ihrer Kinder ausgegrenzt werden. Ich schätze, ihr Anteil liegt bundesweit bei 20 Prozent.

Leiden Mütter und Väter beide gleich unter dem Verlust des Sorge- oder Umgangsrechts?

Ja, aber Mütter werden eher stigmatisiert. Die müssen sich anhören, wenn einer Mutter in Deutschland die elterliche Sorge entzogen wird, dann müsse da ja was dran sein.

Wie sollte denn ein Beratungsangebot aussehen, das Paaren effektiver hilft?

1992 haben sich in Cochem alle Stellen zusammengeschlossen, die mit einem Familienkonflikt befasst sind: Familiengericht, Anwälte, Jugendämter, forensische Gutachter und Beratungsstellen. Sie fördern die Verständigung der Eltern in allen Fragen, die ihre Kinder belangen. Wenn sich Paare trennen, geht es häufig nicht ohne Verletzungen. Die beeinflussen das Verhalten der Eltern.

Und die benehmen sich dann wie Kinder?

Nicht selten schlimmer. Da werden manchmal Reaktionen wie aus dem Stammhirn des Neandertalers abgerufen. Und die Kinder sind dem schutzlos ausgesetzt. Deshalb ist es so wichtig, so schnell wie möglich zu intervenieren. Es darf gar nicht erst so weit kommen, dass schmutzige Wäsche gewaschen wird.

Erreicht man so schneller eine Einigung ?

Ja, und vor allem eine, die von beiden Eltern getragen wird. Wenn der Konflikt erst vor dem Familiengericht landet, ist zu beobachten, dass der durchgängig eskaliert.

Das heißt, Prozesse bewirken genau das Gegenteil von dem, was sie erreichen sollten?

So ist es. Der Anwalt des klagenden Elternteils listet erstmal seitenlang die Defizite des anderen Elternteils auf. Der Anwalt der anderen Seite hält dagegen. So schaukelt sich das hoch. Die meisten Anwälte wollen das gar nicht, sie tun das im Hinblick darauf, dass das Verfahren nicht berechenbar ist, weil den Familienrichtern – wie im übrigen allen weiter beteiligten Professionen – der Umgang mit dem Familienkonflikt nicht vermittelt wird.

Sie waren selbst bis 2008 Familienrichter in Cochem. Sah so wirklich Ihr Alltag aus?

Seit wir die Cochemer Praxis 1992 eingeführt haben, eben nicht mehr.

Die Zahl der Prozesse zum Thema Umgang hat sich seit 1997 mehr als verdoppelt. Woran liegt das?

Seit 1998 ist die gemeinsame elterliche Sorge im Kindschaftsrecht verankert. Das hatte eine Signalwirkung. Die Elternteile, die aus dem Leben der Kinder ausgegrenzt wurden – und das waren bis dahin eher die Väter – nutzen diese Möglichkeit jetzt, um als Eltern präsent zu bleiben.

Gibt es Statistiken, wie oft Frauen und Männer das Sorgerecht zugesprochen bekommen?

Insgesamt bleibt es in 80 bis 90 Prozent der Scheidungen bei der gemeinsamen elterlichen Sorge. In etwa zwei Dritteln der verbleibenden Streitfälle wird den Müttern die alleinige elterliche Sorge zugesprochen.

Aber wie ist das möglich, wenn die gemeinsame Sorge jetzt rechtlich verankert ist?

Seit der Reform des Kindschaftsrechts 1998 gibt es eine Bestimmung, die Ausnahmen zulässt, wenn es dem „Wohl des Kindes“ entspricht. Darauf berufen sich die Elternteile, die die alleinige Sorge einklagen. Das Kindeswohl ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der beliebig ausgelegt werden kann. Die juristische Ausbildung ist darauf ausgelegt, einen Gewinner und einen Verlierer zu hinterlassen. Das Problem: Da Kinder von Vater und Mutter abstammen, finden sie sich immer auf der Verliererseite wieder.

Aber für die psycho-soziale Sichtweise gibt es doch Gutachter.

Ja, aber es gibt keine verpflichtenden Standards für ihre Arbeit. Da die Richter selber über keine Orientierungshilfen verfügen, sind die in der Regel diagnostischen Gutachten für viele ein willkommenes Mittel, um sich dahinter zu verstecken.

Das heißt, ein und derselbe Fall kann von zwei Richtern gegensätzlich bewertet werden?

So ist es, dieses Zufalls- oder Lotterieprinzip beginnt schon mit der Anrufung des zuständigen Familiengerichts. In Berlin gibt es drei große Familiengerichte, gemessen am bundesdeutschen Schnitt sind die eher fortschrittlich. Die haben einige Bausteine der so genannten Cochemer Praxis umgesetzt.

Was richtet so ein zermürbender Rechtsstreit mit den Kindern an?

Der Elternkonflikt ist ein Angriff auf die kindliche Persönlichkeit. Es gibt Kinder mit einer starken Persönlichkeit, die das besser wegstecken. Bei dem größten Teil der betroffenen Kinder führt es – wie wir insbesondere aus amerikanischer Begleitforschung wissen – zu nachhaltigen Beeinträchtigungen des weiteren Lebens.

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