Leben

Manege frei für die „Downen“

Im Schöneberger Juxirkus zeigen Jugendliche mit Down-Syndromihre artistischen Talente

Diffuses Licht fällt durch die farbige Zirkuszelt-Plane. In rote Dämmerung getaucht, sitzt die neunköpfige Gruppe gleich einer verschworenen Gemeinschaft im Kreis. Sie haben sich an diesem Nachmittag im Juxirkus an der Schöneberger Hohenstaufenstraße getroffen, um vor dem Training die letzte Aufführung auszuwerten, Neues zu planen. Fünf junge Menschen, zwei Trainer. Doch die „Eiderdownen“ sind keine gewöhnliche Mannschaft. Die junge Frau und ihre vier Teamkollegen haben Trisomie 21, das Down-Syndrom. Zwei von ihnen sind mit Eltern-Begleitung hier.

Sie verstummen, als Trainer Alexander fragt, laut und langsam: „Wie hat euch der Auftritt gefallen?“ Ein glückliches Lächeln huscht über die Gesichter. Auch wenn sie nicht viel sagen - alle haben Mühe, sich deutlich und präzise zu artikulieren - sofort ist sie da, die Erinnerung. Und die Freude, der Stolz. Mit ihrer Partnerakrobatik-Show auf den Turnkästen, auf denen sie jetzt sitzen, haben Noah, Milan, Johnny, Kaan und Hanna ihr Publikum begeistert.

Für Johnnys Großeltern Olaf und Marlene, extra aus Würzburg angereist, ist klar: „Eine gute Sache. Man sieht ja, wie verbunden die Kinder dem Zirkus sind. Und er wirkt sich positiv aus Johnnys Entwicklung aus.“ Total ausverkauft die Vorstellung, bei der die „Eiderdownen“ mit „10 Träume und eine Nacht“ auftraten. Mehr als ein schöner Traum: der Applaus der Zuschauer, die finale Verbeugung mit allen anderen Akteuren, das wunderbare Gefühl, dazuzugehören zur Zirkus-Familie.

„Sportliche Hochleistungen, in eine Geschichte verpackt.“ So bringt Peter Schlauch die Faszination Zirkus auf den Punkt. Der Chef des Charlottenburger „Kleinen Zirkusladens“ ist einer der privaten Sponsoren des hauptsächlich vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg finanzierten Kinder-und Jugendprojektes.

Verträumt-märchenhaft, gleichzeitig jugendlich-frisch die Rahmenhandlung: die gestresste Zirkusdirektorin leidet unter chronischem Schlafdefizit, abscheulichen Albträumen. Genau da setzt es an, das Talent des kleinen Clowns. Er erzählt der Chefin jeden Abend eine Geschichte, als Traum verpackt. Artistisch umgesetzt, sind diese Träume das Programm: die mutige Einrad-Nummer, atemberaubende Trapez-Kunststücke, Ball-Jonglage in Rosa, die gelenkigen „Kautschuk“-Mädchen und „Antipoden“-Akrobatinnen, die geheimnisvolle Schwarzlicht-Gespensternummer der Akrobatik-Jungs-Truppe. Witzig-freche Ansagen, originelle Musikeinlagen. Am Ende tritt die Direktorin, von allen Albträumen befreit, sichtlich verändert, gütig lächelnd vor Crew und Publikum.

Gelenkig und selbstbewusst bei den Bühnen-Auftritten

Und mittendrin die „Eiderdownen“, die ihren Auftritt kommentieren. Milans außerplanmäßige Zugabe etwa. „Viel zu kurz“, meinen Akteure und Eltern. Alexander schüttelt den Kopf. Besser als ein zu langer Auftritt. „Dann sollten wir aber das nächste Mal eine richtige Zugabe einplanen“, wirft Milans Mutter Anneke ein, Hannas Vater Harald und Co-Trainer Felix, 22 Jahre alt, langjähriges „Juxi-Kind“ und aktuell Praktikant bei den „Eiderdownen“, nicken zustimmend. Eine rege Diskussion. Dazwischen wird auch über andere Themen gesprochen. Wenn etwa der 19jährige Johnny von seinem Gärtner-Job in den Mosaik-Werkstätten erzählt. Auch die 23-jährige Hanna ist in dieser Job- und Fördereinrichtung für Jugendliche mit Beeinträchtigungen beschäftigt. Das Inklusionsprojekt gibt ihnen die Chance zu arbeiten. Der 18jährige Milan, der in diesem Jahr seinen Abschluss an der Arno-Fuchs-Schule machen wird, erzählt von seinem Praktikum dort. Ein Gespräch im Telegrammstil - Trisomie 21 hat viele Gesichter. Deshalb ist gegenseitige Hilfe für die betroffenen Familien wichtig. Ein funktionierendes Netzwerk ist notwendig, das weiß auch Trainer Alexander, der mit Feingefühl und Sachkenntnis zusammen mit seinen Kollegen Dominik und Felix die Gruppe anleitet.

Eine besondere pädagogische Qualifikation brauche man nicht, sagt der 48jährige Mathematiker und Sozialarbeiter, dafür Erfahrungswerte und einen geübten Blick. Der Trainer mehrerer Juxi-Gruppen, bei denen auch einige Geschwister der „Eiderdownen“ mitmachen, hat Gespür für die Besonderheiten seiner Schützlinge. So seien sie nicht ganz so kräftig, dafür aber sehr gelenkig. „Sie haben eine überzeugende Bühnenpräsenz, sind sehr selbstbewusst, entwickeln eine tolle Dynamik.“, so Alexander. Selbst die schüchterne Hanna taut in der Manege auf. Beim Training mal zaghaft, mal störrisch, lässt sie sich helfen, wird akzeptiert. Die Eltern Anneke und Harald spüren: Die Zirkusgruppe tut ihren Kindern besonders gut. „Weil es hier keine Konkurrenz gibt, keinen Leistungsdruck“, sagt Anneke. Vielmehr gehe es um Teamfähigkeit, Spaß. Um Bewegungsfreude in einer Welt, in der auch Kinder mit Down-Syndrom nicht den Verlockungen von TV, Smartphones und Computern widerstehen können. Zudem seien die Auftritte Erfolgserlebnisse und motivierendes Ziel. Seit 2009 gibt es die „Eiderdownen“ - gegründet auf Wunsch von Johnny, der eines Tages einfach da war und mitmachen wollte im Zirkus. Trainer Alexander, der Erfahrungen vom Circus Sonnenstich, einem anderen Projekt für Menschen mit Down Syndrom mitbrachte, ist dem Juxirkus dankbar, dass er dafür Geld aus dem allgemeinen Fördertopf zur Verfügung stellt. Er sieht die Zukunft seiner Schützlinge positiv. „Sie sind starke Persönlichkeiten, alle fünf. Trotz ihres Handicaps.“

Juxirkus Schöneberg, Hohenstaufenstraße Ecke Martin-Luther- Straße,. ( (030) 2155821

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