Leben

"Eltern und Kinder sollten frühzeitig miteinander reden"

Mediator Jürgen von Oertzen über das Gespräch als Lösungsweg

Dr. Jürgen von Oertzen vom Mediationsbüro "Einigungshilfe" arbeitet bundesweit als Mediator in stark eskalierten und komplexen Konflikten zwischen Menschen. Wir sprachen mit ihm über Gründe und Lösungsmöglichkeiten bei Erbschaftsstreitigkeiten und warum es so wichtig ist, rechtzeitig miteinander über das Testament zu sprechen.

Berliner Morgenpost: Gibt es überhaupt so etwas wie ein gerechtes Testament?

Jürgen von Oertzen: Objektive Gerechtigkeit gibt es nicht. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam zu reden, auch wenn das oft schwer fällt. Manchmal kann da eine Mediatorin oder ein Mediator helfen. Grundsätzlich lassen sich Erbschaftskonflikte am ehesten durch ein Testament vermeiden, das die oder der Vererbende rechtzeitig verfasst und mit ihren bzw. seinen zukünftigen Erben bespricht. Dabei ist die oder der Vererbende weitgehend frei in seinen Entscheidungen. Ob diese Entscheidungen "gerecht" sein können, hängt davon ab, ob alle Beteiligten dasselbe darunter verstehen – und das ist meist nicht der Fall.

Warum ist das Erben und Vererben eine so emotionale Angelegenheit?

Bei Erbschaftsstreitigkeiten geht es immer um Geld, aber es geht nie nur ums Geld. Und meistens nicht einmal hauptsächlich, sondern um schwierige Gefühle, vielleicht alte Streitigkeiten, die in dieser existentiellen Situation aufbrechen. Das ist genau das, was der Vererbende nicht will: Bei ihm steht meist der Familienfrieden an erster Stelle und/oder die allerletzte Möglichkeit, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Können Auseinandersetzungen um das Erbe eine Familie zerreißen?

Leider ja. Aber das muss nicht sein – mit Geduld und Bereitschaft zum Gespräch können Erbschaftsstreitigkeiten den Familienzusammenhalt letztlich sogar stärken. Genau deswegen kann ein solcher Konflikt auch wertvoll sein, weil er nämlich die Chance bietet, sich über grundlegende Dinge auszutauschen und so zu einer Einigung zu finden. Oft berichten Beteiligte nach Mediationen, dass gerade durch die Auseinandersetzung der Kontakt besser wurde, als er vorher war. Ein wunderschönes Gefühl!

Kann ein offenes Gespräch über das Erbe, das Eltern und Kinder miteinander führen, den schlimmsten Streit unter Geschwistern verhindern? Oder wird so der Streit ums Erbe nur vorweggenommen?

Erbschaftskonflikte lassen sich am ehesten vermeiden, wenn der Vererbende – wie eben schon gesagt – mit seinen zukünftigen Erben sein Testament bespricht. Schön, wenn die Eltern dazu bereit sind! Denn einfach ist das für niemanden, immerhin geht es mittelbar ja auch um den eigenen Tod. Und ja, natürlich kommen dabei konflikthafte Themen auf: Vielleicht fühlt sich ein Kind schon lange übervorteilt oder ausgenutzt? Vielleicht ist ein Elternteil unglücklich über die Entwicklung seines Kindes? Besser früher als später werden solche Verwerfungen angesprochen. Dann weiß zumindest jeder, woran er ist, und kann sich darauf einstellen. Und wer weiß, vielleicht finden sich überraschende Lösungen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Etwa 80 Prozent aller Mediationen sind erfolgreich. In einem Fall stellte sich bei einer Mediation heraus, dass die verwitwete Mutter sich große Sorgen um die berufliche Zukunft ihres Sohnes machte, weil er Musiker geworden war und also in ihren Augen nichts "Ordentliches" gelernt hatte. Mit "Musiker" verband die Mutter ein ungeregeltes Leben mit Unbedarftheit, Drogenkonsum und ähnlichem. Das hatte sie aber nie gesagt. Jetzt, wo der Sohn von diesen Sorgen wusste, berichtete er ihr ausführlich über seinen beruflichen Alltag und konnte ihr die Sorgen nehmen. Danach war eine Erbregelung schnell gefunden.

Wie können Eltern und Kinder sich vorbereiten, damit es nicht zum Streit kommt?

Bleiben Sie im Gespräch! Und zwar nicht nur in guten Stunden, sondern gerade, wenn Sie sich ärgern oder Sorgen haben. Und direkt nach dem Todesfall: Sorgen Sie gut für sich und geben Sie den anderen Beteiligten den Freiraum, den sie brauchen, um mit Trauer, Wut und Ärger, vielleicht Sorgen um den zukünftigen Familienzusammenhalt umzugehen.

Welche Rolle spielen angeheiratete Partner in der Auseinandersetzung unter den Geschwistern?

Manchmal ist es wichtig, Partner und enge Freunde in Erbschaftsmediationen mit einzubeziehen. Sie sind für Betroffene im Trauerfall und im Konflikt eine wichtige Stütze. Leider beziehen sie dabei gelegentlich gegen die anderen Konfliktparteien Position, was gar nicht sein müsste. Deshalb sollten die Partner über eine gefundene Einigung ausführlich informiert werden, damit auch sie die erzielte Lösung mittragen können und ein "Neustart" auf der Beziehungsebene möglich wird.

Und wie ist das in Patchworkfamilien?

In Patchworkfamilien besteht noch mehr Potential für Familienstreitigkeiten und damit für Erbschaftskonflikte. Mit der Bestimmung von Erben müssen Eltern Farbe bekennen: Werden eigene, gemeinsame Kinder anders behandelt als die Kinder eines Partners oder aus noch ganz anderen Konstellationen? In verschärfter und komplexerer Form stellt sich hier die Frage nach der empfundenen Gerechtigkeit. Am besten kommen letztlich die Familien zurecht, in denen auch diese schwierigen Fragen gemeinsam besprochen werden – am allerbesten frühzeitig, also bevor sie gleichzeitig mit der Trauer um einen wichtigen Angehörigen bewältigt werden müssen.

John Stuart Mill, der Urvater des politischen und ökonomischen Liberalismus, fand, Erbschaften sollten an den Staat, also die Allgemeinheit fallen. Eine Erbschaftssteuer von 100 Prozent würde jeden Streit ums Erbe verhindern. Was halten Sie von dieser Idee?

Zu uns ins Mediationsbüro kommen immer wieder Geschwister und Familien mit wichtigen Konflikten, auch ohne konkrete Erbschaft. Aus Sicht des Mediators bin ich sicher, dass die Familienthemen, die im Erbschaftsstreit ausbrechen, ihren Weg ans Tageslicht auch ohne Erbschaftsstreit finden würden. Was nicht ausschließt, dass eine hohe Erbschafts- und Schenkungssteuer politisch und sozial wünschenswert sein könnte.

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