Leben

Der Streit ums liebe GeldVerteilungskampf unter Geschwistern

Eine Testamentseröffnung stellt Familien auf eine harte Probe. Unter den Erben brechen oft erbitterte Kämpfe aus. Vordergründig geht es um die Finanzen, aber tatsächlich um die Frage: Wie sehr wurde ich geliebt?

Die dicken Mauern des Berliner Landgerichts schlucken viel Tageslicht. Sogar an diesem strahlenden Tag ist es dämmrig in Raum 14, wie in jedem anderen Raum des riesigen Gebäudes am Tegeler Weg in Charlottenburg. Am ovalen Tisch sitzen vier Herrschaften um die sechzig, die einander misstrauisch mustern, wenn sie es überhaupt wagen, einander in die Augen zu schauen. Per Skype ist die Witwe zugeschaltet, eine über 90-jährige Dame, die in New York lebt. Sie und ihr Sohn sind die Beklagten in diesem Erbstreit, die anderen drei die Kläger. Ihre Anwälte sind an ihrer Seite, die beiden Mediatorinnen sitzen zu Kopf. Die eigentlichen Erben sind längst tot.

An diesem ovalen Tisch im schmucklosen Raum 14 haben sich hinter den dicken Mauern des Landgerichts die Erben der Erben aus Island, Kanada und den Vereinigten Staaten nach einem halben Jahrhundert zusammengefunden. "In dem dringenden Wunsch, den Urkonflikt endlich aus der Welt zu schaffen", sagt Anne-Ruth Moltmann-Willisch, eine von 18 Güterichtern, die am Landgericht Berlin nicht nur richten, sondern auch schlichten. Seit 2013 gilt ein Bundesgesetz, wonach es an allen Zivilgerichten auch Güterichter geben muss – Richter mit einer speziellen Ausbildung als Mediatoren, die Konfliktparteien dabei helfen, einen Streit, der bereits vor Gericht anhängig ist, einvernehmlich zu lösen.

Vor diesem Gesetz war die Mediation bei Gericht, in der Berlin einer der Vorreiter ist, ein ungeregelter Graubereich der Justiz. Allerdings ein sehr erfolgreicher: Von den etwa 500 Mediationsfällen enden rund 70 Prozent mit einer Einigung, "die Quote halten wir seit 2009", betont die Güterichterin. "Das Erzielen eines Konsens hat immer Vorzug vor einem Verfahren", sagt sie. "Mediation geht bei weitem über das hinaus, was man im Gerichtsverfahren bewirken kann." Aus ihrer Begeisterung macht sie keinen Hehl. Doch Mediation sei nicht als Konkurrenz zum herkömmlichen Zivilprozess gedacht: "Es ist ein Angebot. Ein kostengünstiges dazu, denn die gerichtliche Mediation muss nicht extra bezahlt werden, sondern ist mit den Gerichtsgebühren abgedeckt."

Noch heute bekommt sie eine Gänsehaut

Auch Mammutmediationen wie diese: Eine ganze Woche lang, acht Stunden am Tag und in englischer Sprache, weil die Erben der Erben nur noch gebrochen Deutsch sprachen. "Das war mein schlimmster Fall", sagt die Güterichtern, die in den vergangenen zehn Jahren Hunderte von Mediationen geleitet hat, "und er hat mich sehr berührt." Am Ende wird es eine Einigung geben, einen Moment, der der Güterichterin im Rückblick immer noch eine Gänsehaut beschert.

"Die Stimmung war sehr schwierig", erinnert sie sich an die ersten Tage, in denen sich die Parteien erst einmal beäugen mussten. Immerhin hatten sie seit Jahrzehnten nicht miteinander, sondern höchstens übereinander gesprochen, sich zwei Mal in einen erbitterten Rechtsstreit um das zweistellige Millionenvermögen gestürzt, das ihr Großvater seinen vier Kindern zu gleichen Teilen vererbt hatte. Eines der vier Kinder, ein Jurist, hatte seine Geschwister übervorteilt und der Konflikt war da. Böses Blut begann zu fließen. Das Dritte Reich sprengte die Familie und verstreute die vier Erben in die ganze Welt. Sie verloren einander aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Jetzt kämpfen ihre Kinder um das Erbe.

"Der Streit war von einer Generation auf die andere übergegangen", sagt die Güterichterin, "und es ging um viel mehr als das Geld." Das gegenseitige Misstrauen sei stark und mit Händen zu greifen gewesen. Als später jede der Parteien ihre Sicht der Dinge darlegte, wurde schnell klar, dass jedes der Kinder sich ausschließlich mit der Sicht der Väter identifizierte, aber keinen eigene Haltung entwickelt hatte.

Wie es zum Durchbruch kommen kann? Dabei spielen auch die Kaffeekanne, die Teekanne, die Wasserflaschen und die Keksdosen, die bei jeder Mediation im Gericht auf dem Tisch stehen, eine Rolle. Sie sind weit mehr als nur Erfrischungen. Sie können zu einer Art Lackmustest werden.

"Wenn hoch zerstrittene Parteien einander einen Kaffee einschenken oder die Wasserflasche reichen, wissen wir Mediatoren, dass die wütende Erstarrung zwischen den Menschen aufbricht. Kleine Gesten sind häufig Ansatzpunkte für große Wendungen." In diesem Fall war es die Keksdose, die am dritten Tag ein Cousin der Cousine rüberschob. Und das Gespräch begann: Geschichten über Geschichten, erinnert sich Anne-Ruth Moltmann-Willisch, und Geschichte dazu. Die Naziherrschaft, die Kriegswirren, die Flucht – in diesem jüdischen Erbe spiegelte sich auch ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte und das, was sie mit dem Leben der einzelnen Menschen gemacht hatte.

Streit bei jeder sechsten Erbschaft

Bei jeder sechsten Erbschaft in Deutschland kommt es zum Streit. Am häufigsten, weil einige Hinterbliebene sich benachteiligt fühlen (73 Prozent). 57 Prozent der Befragten nennen als Streitursache, dass die Hinterbliebenen schon vor dem Erbfall zerstritten sind. Deutlich seltener wird ein fehlendes Testament als Streitgrund angegeben, tatsächlich liegt ein gültiges Testament bei 53 Prozent der Erbfälle vor. Das ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank im Jahr 2012. Drei Viertel aller Erbschaften werden demnach für die Kinder der Erblasser geplant. An zweiter Stelle stehen Ehegatten mit 37 Prozent, gefolgt von Enkeln, Geschwistern und Lebenspartnern. Als häufigstes Motiv für die Vergabe einer Erbschaft wird der Wunsch genannt, Angehörige versorgen zu wollen. Erst an zweiter Stelle steht die Absicht, bestimmten Menschen eine Freude machen zu wollen.

Die Studie ermittelte auch, dass die Deutschen mit Vererbungsplänen nur zu acht Prozent davon ausgehen, dass es unter den Erben zum Streit kommt. Die potenziellen Erben sehen das anders: 26 Prozent rechnen mit einem Erbschaftsstreit. Gespräche täten also not. Doch mehr als die Hälfte der Menschen, die planen zu vererben, hat noch nie mit den vorgesehen Erben darüber gesprochen.

Tiefgreifende Verletzungen

Erbschaftsangelegenheiten sind so konfliktträchtig, weil Familienmitglieder eine besondere und hochemotionale Beziehung zueinander haben. Was den Konflikt ausmacht, liegt meist lange zurück. Geschwister oder Angehörige fühlen sich oft deshalb benachteiligt, weil negative Gefühle, Erlebnisse aus der Kindheit, tiefgreifende Verletzungen oder unbewältigte Probleme das Verhältnis zwischen den Erben belasten. Vordergründig werde über Geld und Immobilien gesprochen, aber dann koche schnell die Kindheit der Erben wieder hoch, sagt Anne-Ruth Moltmann-Willisch.

Selbst scheinbar klare Fälle bergen Zündstoff. Ein Beispiel: Zwei Geschwister erben ihr Elternhaus, keiner will darin wohnen und den anderen auszahlen. Man ist sich sogar einig über den Verkauf, doch nicht über die Höhe der Verkaufssumme. Der wirtschaftlich schlechter gestellte Bruder beharrt auf einer halben Million, die Schwester, die das Geld nicht braucht, würde einen deutlich geringeren Verkaufserlös akzeptieren, damit der Streit vom Tisch ist. Über dieser Konstellation vergehen die Jahre, der Konflikt eskaliert und jetzt reden nur noch die Anwälte der Geschwister miteinander.

Der Streitwert, um den es bei den Verfahren am Landgericht geht, beginnt bei 5000 Euro. Manchmal wird aber auch um zweistellige Millionenwerte gerungen. "Aber es ist keineswegs so, dass der Streit mit der Höhe des Erbvermögens zunimmt", sagt Anne-Ruth Moltmann-Willisch. "Erbittert gestritten wird auch, wo es um wahnsinnig wenig Geld geht", erinnert sie sich an einen Fall, in dem auch die Mediation nicht zum Erfolg geführt hat.

"Es ging um zwei etwa 60-jährige Erben, die um die Gunst der verstorbenen Mutter stritten. Und immer wieder um die Frage, wer die Mutter mehr gepflegt habe und wer die Schenkungen mehr als der andere verdient habe." Sie hat sich ausführlich die Mutter zu Lebzeiten von ihren beiden Söhnen beschreiben lassen. "Es war keine faire, ausgleichende, sondern eine emotionale, impulsive Mutter, die ihre Söhne auch gegeneinander ausgespielt hat. Nun wollten beide die Bestätigung, dass die Mutter ungerecht war, konnten sich aber nicht einigen, wer ungerechter als der andere behandelt wurde." Die Sache ging zurück ans Gericht und wurde dann durch ein Urteil entschieden. Auch das kann eine Lösung sein. Man mag sich danach aus dem Weg gehen oder ignorieren. Aber für die meisten Erbengemeinschaften bleibt der Konflikt mit all seinen negativen Gefühlen bestehen, und die beschädigte Geschwisterbeziehung kann nicht heilen.

Unangenehme Fragen

Wenn die Parteien in der Mediation an einem Tisch sitzen, versucht der Mediator den Urkonflikt herauszuarbeiten. Zuerst sagt jeder Beteiligte dem Mediator, wie er den Konflikt sieht. Das muss sich die andere Streitpartei anhören. "Oft bringt schon dieses Zuhören festgefahrene Positionen ins Wanken", sagt die Güterichterin. Dieser erste Teil der Mediation ist oft unangenehm für die Beteiligten, denn es kommen Gefühle hoch, die lange verdrängt wurden. Das auszuhalten lohnt sich aber: Die Streitenden haben die Chance, nicht wie bisher auf der eigenen Position zu verharren, sondern sich auch in die andere Seite zu versetzen. Wenn das gelingt, kann der Weg frei und eine Lösung gefunden werden, mit der alle leben können. "Das Ergebnis ist kaum logisch und voraussehbar, die Erben sind dann oft auch großzügig miteinander. Sie sagen dann, nimm das doch, und das wolltest du doch schon immer haben", sagt Anne-Ruth Moltmann-Willisch.

Die Alternative, einen Erbstreit vor Gericht auszufechten, ist nervenzehrend, langwierig und teuer. Spitzenreiter ist der teuerste Erbstreit des 20. Jahrhunderts um den Thyssen-Enkel Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza. Er endete 2002 nach vielen Jahren Schlammschlacht der Erben. Zwischenzeitlich hatte der zuständige Richter angesichts von 120.000 vorgelegten Dokumenten und einem 66-tägigen Plädoyer des Chefanwalts entnervt das Handtuch geworfen. Der Streit verschlang über 120 Millionen Euro Anwalts- und Gerichtskosten.

Was den Streit um Geld, Gegenstände und Gefühle so explosiv macht, ist auch, dass es beim Erben nicht zuletzt um das Aufteilen von Erinnerungen geht. Mit dem Begräbnis ist Mutter oder Vater zwar aus dem Gesichtsfeld verschwunden. Doch der Abschied dauert länger. Unverkennbar lebt ein Mensch in den Dingen, die ihn umgaben, weiter.

Heftig und heikel sind die Gefühle, wenn etwa die Wohnung der Eltern leergeräumt und über die Gegenstände aus dem Alltag entschieden wird. Plötzlich stecken die Nachkommen mitten in der Vergangenheit. Um einzelne Stücke entbrennt ein erbitterter Streit zwischen Geschwistern, Enkeln, Neffen und Nichten.

Die Beziehung verteidigen

Dabei geht es gar nicht um die Kaschmirjacke oder das Milchkännchen an sich, sondern um die Erinnerung. "Ich habe damals das Milchkännchen mit Mama zusammen ausgesucht, es gehört mir", heißt es dann von der Schwester – die Chiffre für eine besondere Situation, die nur die Mutter und diese Tochter miteinander teilen. Jetzt, wo die Mutter gestorben ist, macht sich die Tochter diese Erinnerung zu eigen und ist bereit, ihr Anrecht um jeden Preis gegen die Schwester durchzusetzen.

Jedes Service, jede Uhr, jedes Bild wird zum Teil der verstorbenen Eltern, weil sie mit ihm gelebt haben. Am Ende wird zwar die Wirklichkeit siegen: Die Toten sind tot. Wir behalten sie im Herzen und können den Krempel loslassen – der kleinen Schwester ihr Milchkännchen gönnen, friedlich mit den anderen Geschwistern das Elternhaus verkaufen und den Erlös teilen. Doch bis es so weit ist, sickert der Verlust nur langsam und schmerzhaft ins Leben.

Die begehrten Erbstücke offenbaren dabei eine innere Verwandtschaft mit den Übergangsobjekten aus der Kindheit, erklärt der Berliner Psychoanalytiker Horst Petri: Wie Schmusetuch oder Teddybär als Objekte für die Kontinuität der Beziehung zu den abwesenden Eltern stehen, garantieren auch die Erbstücke die Verbindung zu den Eltern, wenn diese uns mit dem Tod verlassen haben. "Sie lassen ihren Besitz symbolisch als Liebespfand zurück, als Teil von sich selbst, das die Kinder sich einverleiben sollen", erläutert Petri den häufig irrationalen Kampf von Geschwistern um scheinbar unbedeutende Erbstücke. Dieser symbolischen Bedeutung des elterlichen Besitzes entnimmt er den Hinweis auf "einen unvollständigen Loslösungs- und Individuationsprozeß, eine starke innere Bindung und letztlich den Ausdruck einer mangelhaft erfahrenen Liebe."

Das Ausmaß des Erbstreits zeigt also, wie tief wir noch in die alten Familienkonflikte verstrickt sind – und umgekehrt: Am Erbstreit oder seinem Ausbleiben können wir ermessen, ob wir tatsächlich erwachsen geworden sind. Vor allem für Geschwister wird das Erben dabei zur Belastungsprobe. Denn Geschwister fallen schnell in alte Verhaltensweisen zurück, besonders in Krisenzeiten, wenn die Gefühle stärker und ihre Kontrolle schwächer werden. Geldsorgen, Ehekrisen, Krankheiten und der Tod der Eltern spülen alte Verhaltensmuster nach oben, die zeigen, wie sehr Geschwister füreinander bleiben, was sie immer schon gewesen sind: die Großen und die Kleinen, die Starken und die Schwachen, die Fürsorglichen und die Egoisten.

Testfall Testamentseröffnung

Die Testamentseröffnung als Ritual des letzten Willens enthüllt das lange gehütete Geheimnis, ob die Liebe der Eltern zu ihren Kindern gerecht verteilt war. "Es geht beim Erben nicht um Teetassen und alte Teppiche, Wertpapiere und Geld, auch wenn es schön ist, das alles zu besitzen", sagt Horst Petri. "In der tiefsten Schicht geht es bei der Erbschaft ein letztes Mal um die Gretchenfrage jeder Eltern-Kind-Beziehung: Wie sehr wurde ich geliebt? Wenn es darüber keine innere Gewissheit gibt, und die gibt es relativ selten, dann können nur die Geschwister den Vergleichsmaßstab für diese Liebe bilden."

Dass die Erbquote ziemlich genau widerspiegelt, wie sehr Vater oder Mutter ihr Kind geschätzt haben, bestätigt auch Güterichterin Anne-Ruth Moltmann-Willisch. "Eine Zurücksetzung im Testament ist deshalb so schwer zu ertragen", erklärt sie. Dass nun ein für alle Mal festgeschrieben sei, weniger als seine Geschwister geliebt worden zu sein, beschreiben viele Erben in der Mediation als unerträglich. Außerdem kann ein Vermächtnis der Eltern unterschwellige Botschaften vermitteln: "So, wie du jetzt bist, bist du nicht gut", "Du sollst anders sein, als du jetzt bist" oder "Das, was du jetzt tust, ist falsch." Immer dann, wenn der Erbe stellvertretend für den Erblasser etwas darstellen soll, kann ein Vermächtnis zur schweren Last werden. Elternwünsche aus dem Leben gerinnen zu Lebensaufträgen über den Tod hinaus.

Da kann es durchaus zum Guten führen, sich über den Willen der Verstorbenen hinwegzusetzen. Güterichterin Moltmann-Willisch schildert einen typischen Fall: Zwei Schwestern erbten nicht zu gleichen Teilen, sondern die eine wurde im Testament der Mutter auf ein Viertel herabgesetzt, weil sie sich weniger um die Mutter gekümmert habe. Nach vier Stunden Mediation kamen beide zur Einsicht, dass dies ungerecht sei. Sie einigten sich darauf, das Erbe zur genau zur Hälfte zu teilen. In Sachen Gerechtigkeit kommt es nicht nur auf den Erblasser, sondern auch auf die Erben an.

Durch Gespräche und Einsicht konnte schließlich auch der Konflikt der jüdischen Familie gelöst werden. Eine Regelung der finanziellen Dinge war relativ einfach, nachdem die Beteiligten in der Lage waren, nicht nur ihre, sondern auch die Position des Gegenübers zu verstehen. In ihrem Dankesbrief an den Präsidenten des Landgerichts bezeichnete die kanadische Erbin die Mediation als Wunder – und dankte vor allem dafür, dass sie nun wieder mit ihrer Familie in guter Verbindung stehe.

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