Halbzeit! Die Hälfte der Sommerferien ist vorbei, drei weitere freie Wochen liegen vor den Berliner Schülerinnen und Schülern. Obwohl: frei? Viele Eltern packen auch die Ferienzeit voll mit Aktivitäten. Sie wollen ihren Kindern etwas bieten, ihnen die Welt zeigen, keine Gelegenheit des Förderns verpassen. Und so geht es für die Kids vom Familienurlaub ins Outdoor-Camp, dann in die Sprach- oder Computerschule und schließlich noch zu Oma und Opa. Dabei liegt das Geheimnis für eine glückliche und gesunde Entwicklung darin, nicht ständig verplant und kontrolliert zu werden, meint Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Buchautor („Wie Kinder heute wachsen – ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken“, gemeinsam mit Gerald Hüther). Was Kinder laut Renz-Polster wirklich brauchen, sind verlässliche Beziehungen und Gelegenheiten, sich zu bewähren. Wir sprachen mit ihm über Spielen und Lernen, kindlichen Stress und die Magie eines Lagerfeuers.
Berliner Morgenpost: Urlaubszeit ist Reisezeit. Nach einer Umfrage verreisen in diesem Jahr mehr als 50 Prozent der Deutschen jedoch nicht. Liegt im Zu-Hause-bleiben für die Familien auch eine Chance – nach dem Motto: Weniger ist mehr?
Herbert Renz-Polster: Das kommt ganz darauf an, wie man die Zeit nutzt. Tatsächlich muss man, um Abenteuer zu erleben, nicht weit weg fahren. Das Abenteuer liegt aus Kindersicht direkt um die Ecke! Wenn zum Beispiel das Zelt aus Nachbars Garten wegfliegt, kann das das spannendste Ereignis der ganzen Ferien werden. Wichtig ist vor allem eines: Freiheit. Gelungene Ferien aus Kindersicht sind nicht völlig verplant und dienen nicht dazu, irgendwelche Erwachsenenziele zu erfüllen.
Die meisten Kinder wollen in den Ferien ja sowieso nur eines: frei haben und spielen. Wie wichtig ist das Spielen?
Sehr wichtig! Nur leider ist es in Verruf geraten. Viele Eltern denken, wenn ihre Kinder spielen, voller Bedauern: Ach, was könnten sie in der Zeit alles lernen! Das ist totaler Quatsch. Ich unterscheide Spielen und Lernen nicht. Tatsächlich ist das Spiel eine intensive Art der Selbstförderung. Im Spiel erreichen Kinder sogar das höchstmögliche Leistungsniveau.
Können Sie das genauer erklären?
Ein Beispiel: In einem Experiment wurde Kindern gesagt, sie sollten so lange wie möglich stillstehen. Im Schnitt schafften sie das gerade mal zwei Minuten. Sagt man Kindern aber, sie seien Indianer auf der Lauer und müssten Wache schieben, dann schaffen sie es sieben Minuten. Das zeigt, wie Kinder von innen heraus motiviert sind und im Spiel über sich hinauswachsen. Und wenn Sie zum Beispiel beobachten, wie Kinder einen Bach aufstauen: Da gehen sie nicht anders heran als Ingenieure, es ist ihnen ganz ernst!
Was steckt dahinter?
Die Entwicklung des Kindes ist ein Prozess der Selbstbewährung. Sie wollen ihre Wirksamkeit spüren, sich ausprobieren, an ihr Limit gehen. Am liebsten gehen sie dorthin, wo es kribbelt. Man kann sagen, dass sie die Lust auf Angst antreibt oder auch eine Art Angst-Lust. Sie gehen immer gerade so weit, wie sie etwas schaffen. Ein Kleinkind etwa, das laufen gelernt hat, will als nächstes Treppen erobern oder das kleine Mäuerchen am Wegesrand. Und das wird dann so oft in Angriff genommen, bis es klappt. Im Spiel zieht es Kinder immer wieder in diese Kribbel-Zone. Wir Erwachsenen kennen das auch. Wir nehmen diesen Zustand aber eher als Flow wahr, als einen Moment, in dem man die Welt um sich herum vergisst.
Was passiert, wenn man Kindern das Spielen verbietet?
Das geht gar nicht. Auch zwischen Webstühlen wurde früher gespielt, selbst im Konzentrationslager. Das Spiel liegt dem Entwicklungsprogramm des Menschen inne. Auch junge Tiere müssen spielen, um sich gut zu entwickeln.
Wie viel Material und Anregungen brauchen Kinder zum Spielen?
Wenn es einem Kind gut geht, kann es aus nichts alles machen.
Und was braucht ein Kind, dass es ihm gut geht?
Kinder wollen emotional sicher und aufgehoben sein, sich angenommen fühlen. Das ist ihr Kapital, damit gehen sie auf die Welt los. Die Suche nach Sicherheit ist im menschlichen Bindungssystem genauso verankert wie die Suche nach Wirksamkeit. In der Kaiserzeit hat man Müttern, die im Gefängnis saßen, teilweise ihre Kinder weggenommen. Mäan steckte sie in Waisenhäuser, weil man die Umgebung eines Gefängnisses für Kinder unzumutbar hielt. Faktisch sind die Kinder, die bei den Müttern in den Gefängnissen verblieben, aber viel besser gediehen als die im Waisenhaus. Wenn die Bindung fehlt, verliert das Kind auch seine Wirksamkeit. Es zieht sich zurück, wird depressiv, verkümmert.
Also brauchen die Kinder nicht viel mehr als einen sicheren Rahmen?
Ja, den brauchen sie, absolut. Und dann brauchen sie Zeit, Raum und Gelegenheit, um diesen Rahmen zu füllen, also: um ihrem Drang nach Selbstbewährung nachzugehen. Je unstrukturierter dieser Raum ist, desto besser. Wenn nicht alles vorgegeben ist nach dem Motto „Du musst hier, du musst da“, dann organisieren sich die Kinder selbst. Wenn Eltern etwas tun wollen, dann machen sie ein Lagerfeuer an und schmieren Sandwiches. Und dann tun sie gut daran, sich zurück zu halten.
Und was passiert dann?
Beobachten Sie die Kinder. Sie machen ständig wichtige Sachen, orientieren sich an archaischen Motiven. Da geht es um Schutz, Behausung, Verstecken, Jagen, Sammeln, Kochen, Wärmen. Man muss nur mal ins Bücherregal schauen, was Kinder gern lesen, dann weiß man, was sie gern spielen. Der gemeinsame Kern ist, dass Kinder sich gegen Widerstände gemeinsam bewähren und daran wachsen – seien es nun die Bücher von Astrid Lindgren, die Fünf Freunde oder Pferde-Abenteuer.
Statt die Kinder einfach mal machen zu lassen, tendieren Eltern heute dazu, sie zu verplanen. Können wir überhaupt noch Leerlauf aushalten?
Es gibt solche und solche Eltern. Manche lassen ihre Kinder laufen, andere schnallen ihren Kindern ständig eine Mohrrübe vor. Das hängt stark mit den Eltern selbst zusammen. Wenn sie in sich nicht sicher stehen und selbst immer nur funktionieren, um den Anschluss nicht zu verpassen, dann übertragen sie das auf die Kinder. Dann fällt es ihnen schwerer, ihre Kinder gewähren zu lassen.
Erst einmal müssen also die Großen entspannen?
Wenn Erwachsene Entspannung suchen, buchen sie ein Fünf-Sterne-Hotel zum Chillen. Das ist natürlich nicht, was die Kinder sich unter Freiheit vorstellen! Sie möchten lieber mit den Eltern zelten gehen. Aber die Eltern brauchen vielleicht mehr Struktur, dann sollten sie sich nicht selbst überfordern. Es kann auch schon gut sein, gemeinsam ein Feuer in der Feuerschale anzumachen. Wichtig ist, raus aus dem getakteten Alltag zu kommen! Und das gilt auch für die Erwachsenen. Sie sollten sich selbst auch nicht Vorgaben machen wie „Ich muss im Urlaub fünf Bücher lesen“.
Worin liegt denn die Ursache für solchen Aktionismus, den die Erwachsenen sich selbst und ihren Kindern zumuten?
Eltern waren schon immer aktionistisch. Sie haben schon immer versucht, ihre Kinder dem jeweiligen Mainstream entsprechend bestmöglich auf das Leben vorzubereiten. Ein Rückblick: In den 1970er-Jahren herrschte großer Optimismus, die Löhne stiegen, die Mehrheit befand sich im Aufzug nach oben. In der damaligen Zeit war es leicht, auch mal loszulassen. Nur die Eliten haben auch damals schon ihre Kinder getriezt. Heute jedoch herrscht überall Existanzangst, und die wird auf die Kinder übertragen. Daher ist das Bestreben ganz stark auf die beruflichen Chancen ausgerichtet. Die Eltern spüren schon den kalten Griff des Arbeitgebers und neigen dazu, ihre Kinder schon früh unter Druck zu setzen. Früher hatten vielleicht fünf Prozent der Kinder Nachhilfe, heute ist es die Hälfte der Kinder.
Ist das denn sinnvoll?
Nun ja. Die Eltern liegen gar nicht so falsch, wenn sie sagen: „Mein Kind soll mal…“, denn das ist die gesellschaftliche Realität. Aber es ist natürlich paradox: Die Eltern sind selbst schon dem Burnout nahe und dann muten sie den Stress auch schon ihren Kindern zu. Dabei wird die Schule völlig überschätzt! Und so funktioniert es eben auch nicht.
Sondern?
Kinder brauchen ja ein Lebensfundament, ihr Entwicklungshaus muss sicher stehen. Egal, was da dann nachher rein kommt. Dieses Fundament entwickeln die Kinder nicht unter Druck. Man kann Kinder nicht stark machen, sondern sie müssen selbst ihre Persönlichkeit entwickeln, kreativ und stark werden. Und je früher man den Aspekt der Funktionalität in die Kindheit einbringt, desto mehr beschränkt man auch das Entwicklungspotenzial des Kindes: Das Kind will doch Sich selber werden, also seine Individualität ausbilden! Ich sage Eltern immer: Sie müssen gar nichts machen, kein Kind scheitert an Talenten. Sie können Ihrem Kind nur Steine in den Weg legen. Mit anderen Worten: Die vornehmste Aufgabe von Eltern ist, ihre Kinder nicht zu beschädigen. Unbeschädigte Kinder werden im Leben ihr Ding machen. Das ist vielleicht nicht das, was die Eltern sich vorgestellt haben, aber die Zukunft der Kinder liegt nicht bei den Eltern.
Und, gelingt Ihnen das Beruhigen?
Ich stelle fest, dass ich Eltern am besten beruhigen kann, wenn ich ihnen erkläre, wie Kinder sich entwickeln und was normal ist. Ich erkläre ihnen, wo die Stärken von Kindern liegen und wie sie es geschafft haben, sich über die Jahrtausende der Evolution zu behaupten und zu überleben. Müssen Kinder nicht allein schlafen? Da sage ich: Warum denn, Nähe ist ok, ohne die hätten die Kleinen doch über 99 Prozent der Menschheitsgeschichte gar nicht überlebt. Natürlich sind Kinder früher lange gestillt und getragen worden und haben ganz nahe bei ihrer Mutter geschlafen, sonst hätten sie sich unterkühlt oder wären von Hyänen verschlungen worden. Und trotzdem sind sie stark und selbständig geworden! So kann ich Eltern von ihren Sorgen befreien und beitragen, dass sie sich entspannen. Eigentlich ist es traurig: Wir leben in nahezu absoluter Freiheit, aber in der Erziehungsszene herrscht eine Diktatur der Angst: Was, wenn mein Kind an der Brust einschläft, es soll doch lernen, selbständig einzuschlafen. Was für einen Kitsch wir da glauben! Was für einen Stress wir uns und den Kindern machen!
Wie merkt man, dass ein Kind gestresst ist und was kann man dagegen tun?
Das äußert sich unterschiedlich. Ein gestresstes Kind erstarrt oder es ist sehr fordernd, es hat vielleicht Schlafstörungen. Gestresste Kinder verhalten sich im Prinzip wie der Stereotyp des „verwöhnten“ Kindes – ohne Rücksicht sozusagen. Dann braucht es mehr Sicherheit, und die gewinnt ein Kind nur über verlässliche, achtsame, authentische Beziehungen.
Noch mal zurück zu den Spielen. Spiele, heißt es, seien eine Art Generalprobe für das Leben. Wenn das stimmt: Mit welchen Spielen proben Kinder denn für welche Situation?
Das kann man so nicht sagen. Wenn Kinder spielen, spielen sie ganzheitlich. Wenn sie zum Beispiel in die Rolle von verschiedenen Tieren schlüpfen und diese gemeinsam mit anderen Kindern darstellen, entwickeln sie sich motorisch, sie gehen auf eine Sprachreise, sie verhandeln Regeln mit anderen Personen, sie machen Resilienzerfahrungen. Nur vordergründig ist das Spiel zweckfrei, aber genau diese Zweckfreiheit ist es auch, die den eigenen Wert des Spiels ausmacht. Auch hier gibt es diese Tendenz: Ich muss dies und jenes tun, um das Kind aufs Leben vorzubereiten. Ich sage: Auf welches Leben denn? Das Leben, das am Arbeitsplatz beginnt? Eine gute Kindheit ist ein Lebensschatz. Es gibt nichts Tolleres, als einem Kind eine gute Kindheit zu ermöglichen.
Welches Rüstzeug brauchen Kinder wirklich?
Lassen Sie mich ein Bild verwenden. Die Entwicklung ist wie ein Haus. Jedes Haus ist anders, jede Generation hat eigene architektonische Vorlieben. Aber jedes Haus braucht ein festes Fundament, sonst helfen auch die schönsten Erkerchen nichts! Und das Fundament sind die Persönlichkeitsmerkmale. Es braucht Selbstkontrolle, soziale Kompetenz, innere Stärke, Kreativität. Das müssen Kinder aufbauen und das gelingt im Spiel.
Zum Weiterlesen: www.kinder-verstehen.de

