Familienleben

Lieber Kind als Karriere

Männer haben Lust auf Familie. Aber wie viel Verantwortung übernehmen die „neuen Väter“ im Alltag wirklich? Wir haben uns umgeschaut-

Nach und nach trudeln sie ein. Väter, viele Väter. Ihre Kinder im Buggy oder im Tragetuch ganz nah bei sich. Jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr ist Kaffeeklatsch für junge Väter im Papaladen vom Väterzentrum an der Marienburger Straße im Prenzlauer Berg. Richtig pünktlich ist keiner. Im Beruf sind die Männer vorbildlich organisiert. Doch seit sie in Elternzeit sind und sich nach dem Rhythmus der Zwerge richten müssen, ist vieles anders.

Peter, 35, kommt regelmäßig mit dem acht Monate alten Max. Während der Vater mit Gleichgesinnten auf den Matten am Boden hockt und Kaffee schlürft, macht Max Sport. Unermüdlich hebt der kleine Blondschopf im Ringelshirt die Ärmchen und Beinchen in die Luft und strampelt. Dann und wann ändert er die Position und reckt den Po in die Höhe.

Peters Vaterherz schmilzt. Ist er mit dem Kleinen, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist, im Tragetuch unterwegs, wird er permanent angelächelt. Engagierte Väter haben ein gutes Image. Peter, von Beruf Diplom-Ingenieur und Software-Entwickler, hat für ein halbes Jahr Elternzeit genommen, um seiner Frau den Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen. Anfangs war es für beide nicht leicht. Der Mutter machte es zu schaffen, Max nur noch so wenig zu sehen. Peter hatte die Aufgaben eines Vollzeitpapas unterschätzt. Einmal traf er sich mit einem Freund zum Kaffee. Doch weil sich die Verabredung mit den Schlafzeiten von Max überschnitt, war der Kleine schließlich so übermüdet, dass er den ganzen Prenzlauer Berg zusammenschrie. Peters bisheriges Fazit von der Elternzeit: „Ich habe es immer gehört, aber nicht geglaubt. Mit einem kleinen Kind zu Hause kommt man tatsächlich zu nichts!“

Immer mehr Väter wollen sich aktiv um die Kinder kümmern. Sie übernehmen dabei auch klassische „Frauenaufgaben“. Sie füttern und wickeln das Baby, schmeißen den Haushalt und unterstützen die Frauen bei ihren beruflichen Ambitionen. Laut Bundesfamilienministerium hat bereits ein knappes Drittel der Väter von Kindern, die im Jahr 2013 geboren wurden (neuere Zahlen gibt es nicht), Elterngeld in Anspruch genommen. 2008 waren es erst 20,8 Prozent. Allerdings steigen die Männer viel kürzer aus dem Beruf aus als die Frauen. 78,3 Prozent erhielten das Elterngeld nur für zwei Monate und 21,1 Prozent für mehr als zwei Monate. Durchschnittlich haben die Väter für 3,1 Monate das Elterngeld in Anspruch genommen. Bei den Frauen dagegen sind es 11,6 Monate.

Nicht alle Väter sind vorbildlich. Die viel zitierten Mütter vom Kollwitzplatz haben auf dem dortigen Spielplatz schon Väter beobachtet, die mit Freunden bei einer Zigarre über Philosophie debattierten, während die Kinder sich selbst überlassen blieben. Auch hat wohl fast jede Mutter schon mal von Vätern gehört, die die Elternzeit zum Ausschlafen oder zum Tennisspielen genutzt haben sollen. Solche Väter sind im Papaladen nicht dabei.

Max macht eine Pause vom Sport. Zufrieden hockt er auf dem Schoß seines Vaters. Peter wollte nicht als Hahn im Korb in einer Schar von Müttern sein. Daher gab er bei Google die Begriffe „Männerkrabbelgruppe und Prenzlauer Berg“ ein und wurde im Papaladen fündig. „Leider gibt es noch viel zu wenig Angebote für Väter“, findet er. Darüber ärgert sich auch Eberhard Schäfer vom Väterzentrum. „Zwar gibt es viele Aktivitäten für die Familie. Doch wenn man genau hinschaut, sind die Väter nicht dabei.“ Für diese seien solche Anlaufstellen aber besonders wichtig, denn sie seien nicht so gut vernetzt wie die Frauen.

Die größte Stärke bei den Vätern von heute sieht Eberhard Schäfer vom Väterzentrum darin, wie selbstverständlich sie mittlerweile einen aktiven Part im Leben ihrer Kinder spielen. Und wie gut das meistens gelingt. Für ihn selbst ist das Thema Väter-Engagement nicht neu. Schon in den 1980er-Jahren, zu Zeiten der Kinderladenbewegung im Westen, war er ein „bewegter Vater“. Auch in der DDR, wo die meisten Frauen arbeiten gingen und die Gleichberechtigung der Frau groß geschrieben wurde, war es normal, dass die Männer im Haushalt und bei der Kinderbetreuung mithalfen. Elternzeit für Väter gab es allerdings nicht. Und die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, gab es für Männer höchstens im Ausnahmefall, zum Beispiel nach der Geburt eines behinderten Kindes.

Heute wird die gerechtere Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit von der Politik unterstützt. Das neue Elterngeld Plus mit Partnerschaftsbonus will die gleichmäßige Aufteilung der Aufgaben fördern. Und die Unternehmen merken, dass sie punkten können, wenn sie den Vätern die Möglichkeit geben, mehr für die Familie da zu sein. So bietet jedes zehnte Unternehmen mittlerweile verschiedene Maßnahmen an, mit denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden soll. Für jeden zweiten Vater zählen verständnisvolle Vorgesetzte (50 Prozent) und flexible Arbeitszeitmodelle (53 Prozent) zu den wichtigsten Glücksfaktoren in der Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf, ergab eine Umfrage der Neue Väter gGmbH und care.com. Eine Selbstverständlichkeit ist das Väter-Engagement in der Arbeitswelt aber noch nicht: Nehmen Väter länger als die bisher üblichen zwei Monate Elternzeit in Anspruch, drohen berufliche Einschränkungen, berichten 52 Prozent der befragten Väter, die mindestens sechs Monate in Elternzeit waren.

Motivierte Väter

„Heutzutage sind viele Väter hochmotiviert, aber auch unsicher“, hat Eberhard Schäfer vom Väterzentrum beobachtet. Väter hätten viele Fragen. Sie brauchten Informationen und Unterstützung, vor allem, wenn sie sich in einer Trennungssituation befänden.

Alleinerziehende Väter sind allerdings rar. 90 Prozent der Ratsuchenden, die sich bei SHIA, der SelbstHilfeInitiative Alleinerziehender, melden, sind Frauen, sagt SHIA-Geschäftsführerin Martina Krause. Vielleicht auch, weil es ihrer Erfahrung nach alleinerziehende Väter einfacher haben. „Werden sie alleinerziehend, haben die meisten bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung und die Kinder sind schon größer“, sagt sie. Darüber hinaus erhielten Väter mehr Unterstützung von ihrem Umfeld. Während Frauen häufig im Stillen die ganze Arbeit machten, profitierten die Männer vom „Bonus des Besonderen“.

Die „neuen engagierten Väter“ findet Martina Krause wunderbar. Sie kennt aus ihrer Beratungstätigkeit aber auch genügend Väter, die sich weiter der Verantwortung entziehen und zum Beispiel keinen Unterhalt zahlen. Eine Onlinebefragung vom VAMV (Verband alleinerziehender Mütter und Väter) ergab: Nur ein Drittel der 1200 Befragten erhält den Mindestunterhalt für die Kinder.

Und sie kennt auch solche Väter, die nicht nur bereit sind, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, sondern dieses Recht massiv einfordern. Wenn nötig gerichtlich. Dieses sei nicht, was sich Frauen unter „gemeinsamer Sorge“ vorstellen, betont Martina Krause. Eine einvernehmliche Einigung der Eltern sei eine weitaus bessere Basis für das Gelingen der gemeinsamen Erziehung als eine erzwungene Entscheidung.

Allerdings können Väter nichtehelicher Kinder seit 2013 auf Antrag die gemeinsame elterliche Sorge auch gegen den Willen der Mütter vom Familiengericht übertragen bekommen.

Die neue Rechtslage öffne mitunter auch solchen Vätern Tür und Tor, die zwar keine Pflichten übernehmen, aber bei allem mitentscheiden wollen. Dieses sei häufig nicht zum Wohle des Kindes. Martina Krause ist auch erschrocken über den Ton, in dem Väterrechtsbewegte sich im Internet über Mütter äußerten. Doch nicht nur Väter, sondern auch Mütter kämpfen für das Recht, ihr Kind sehen zu dürfen. „An manchen Tagen sind 50 Prozent der Hotline-Anrufer weiblich“, berichtet Vera Gardhoff vom Väteraufbruch für Kinder Berlin-Brandenburg. Sie versteht, wie es Vätern und Müttern geht, die sich nicht um ihre Kinder kümmern dürfen. „Es ist, als wenn man ein Stück von sich selbst verliert.“

Ömer Türk ist ein Vater, der gern Verantwortung übernimmt. Er hat ein großes Herz für Kinder. Die Geburt seines ersten Kindes wird er nie vergessen. Nachts fuhr er mit seiner Frau im Krankenwagen in die Klinik und war überwältigt: „Es ist ein Wunder. Man geht zu zweit in die Klinik und zu dritt nach Hause!“ Heute hat der 44-Jährige mit seiner Frau Nuray vier Kinder: die 18-jährige Leman, den 16-Jährigen Ozan-Baris und die 12-jährige Ayda. Nesthäkchen Sena ist zweieinhalb.

Beim ersten Kind hat seine Frau noch alles gemanagt. Ömer, der Vollzeit als Telefonist arbeitete, schmiss dafür den Haushalt. Und dass, obwohl er wegen einer angeborenen Sehschwäche nur einen Sehrest von fünf Prozent hat. Als seine Frau wieder anfing zu arbeiten, kümmerte er sich genauso um die Kinder wie sie. „Für meine Kinder mache ich alles – außer Stillen“, scherzt er inzwischen. Indirekt tat er auch das, indem er sie mit Muttermilch fütterte, die seine Frau ihm in Fläschchen da gelassen hatte. Das gestaltete sich allerdings manchmal schwierig, weil er aufgrund seines extrem verschwommenen Sehens den Mund nicht richtig traf.

Er selbst wuchs nicht so behütet auf. Zusammen mit neun Geschwistern lebte er im ländlichen Anatolien in einem Lehmhaus ohne Heizung. Bei schlechtem Wetter regnete es durch und überall mussten Eimer aufgestellt werden. Die Eltern schufteten in der Landwirtschaft. Jede Hand wurde benötigt. Spielzeug gab es nicht. Die Arbeit stand im Vordergrund. Die Kleinen waren für die Schafe zuständig. Ömer erinnert sich, wie er schon als Vierjähriger mit seinem jüngeren Bruder und einem Cousin auf der Weide Lämmer hütete.

Mit neun Jahren kam er zusammen mit seinem Vater und dem ältesten Bruder nach Berlin. Bald ging der Vater zurück in die Türkei zu seiner Frau und den anderen acht Kindern. Ömers Erziehungsberechtigter war nun sein 18-jähriger Bruder, der in einem Restaurant als Koch arbeitete. „Unser Vater hat uns nicht im Stich gelassen“, sagt er trotzdem. Er hat Verständnis für das harte Leben seiner Eltern.

Bei einer türkischen Lehrerin lernte er in einer Klasse, die auf die Schule vorbereitete, zwei Jahre Deutsch. Mit viel Mühe gelang es ihm, große Buchstaben zu lesen. Danach bekam er einen Platz auf einer Berliner Schule für Sehbehinderte. Zu Hause gab es kein Arbeitsmaterial und keinen Schreibtisch. Der Bruder war die meiste Zeit arbeiten. Aber dafür schmeckte das Essen, das der Bruder zu Hause zubereitete, fantastisch. Das Kochen hat er von ihm gelernt. Noch heute ist er dem Bruder extrem dankbar, dass er, selbst fast noch ein Kind, ihn groß gezogen hat.

„Wir haben es ohne Eltern geschafft“, sagt Ömer heute und kann es selbst kaum glauben. Irgendwann war sein Weg klar. Er wollte die Schule zu Ende machen, dann eine Ausbildung. Danach wollte er arbeiten und heiraten. Alle diese Ziele hat er verwirklicht. Am Stadtrand hat er jetzt sogar ein Haus gebaut. Im Garten wachsen Kichererbsen, die ihn an seine Heimat erinnern.

Heute arbeiten er und sein Frau im Schichtdienst und passen wechselseitig auf die Kinder auf. „Im Leben zählt, dass man solide und fleißig ist“, versucht er ihnen zu vermitteln. Das wollen sie aber nicht immer hören. Die Großen möchten ein iPhone, um dazu zu gehören. Die zweieinhalbjährige Tochter zeigt schon auf den Laptop und fragt nach dem Passwort. Ömer wundert sich, wie ahnungslos er dagegen als Kind war. „Früher waren wir alle nur gleich arm und schon froh, wenn die Schuhe dicht waren und wir uns bei klirrender Kälte im Stall aufwärmen konnten.“ Rückblickend erscheint ihm seine Kindheit trotzdem fast unbeschwert. „Wir stellten uns nicht die Frage, ob wir glücklich oder unglücklich waren. Wir hatten einfach nichts.“

Seinen Kindern hat er erklärt, dass sie sich nicht alles leisten können. Aber eines hat er ihnen versprochen: „dass ich euch meine Zeit schenke und meine Liebe“. In seinem Umfeld hat er beobachtet, dass Kinder extrem teure Sachen geschenkt bekommen, die am nächsten Tag achtlos in der Ecke liegen. Er setzt lieber eigene Prioritäten. Wenn er viel Geld hätte, würde er die Kinder in sehr gute Schulen schicken. Bildung ist ihm wichtig.

Nachhilfe mit Hindernissen

Daran lässt er auch andere teilhaben. Als seine älteste Tochter Leman in der zweiten Klasse war, gab er ihren Klassenkameraden mit Lese-Rechtschreib-Schwäche ehrenamtlich Nachhilfe. Und das sah so aus: Weil er die Schrift nicht erkennen konnte, las die kleine Leman vor. Er schrieb anschließend den Text mit der Punktschriftmaschine in Blindenschrift ab und übte dann mit den Kindern buchstabieren. Es waren deutsche Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, erinnert er sich. Familien, in denen sich häufig die Väter nicht kümmerten. Undenkbar für den Telefonisten. Die Familie kommt für ihn an erster Stelle. Das gelte übrigens für alle seine Landsleute. Weil die meisten Frauen mittlerweile mitverdienten, würden die türkischen Männer heutzutage engagiert im Haushalt mithelfen, sagt er.

Auch für den Marzahner Norman Heise war es immer selbstverständlich, für die Familie da zu sein. Als er kürzlich zum „Spitzenvater des Jahres 2015“ gewählt wurde, fiel der 37-Jährige aus allen Wolken. Erstmals wurde im Juni in einem Berliner Bezirk ein Väterpreis, der „Kienbär“, vergeben – an engagierte Männer, die nicht nur ihre eigenen Familien unterstützen, sondern auch Alleinerziehenden helfen oder sich in Sport- und anderen Vereinen für Kinder und Jugendliche engagieren.

Norman Heise hat durchaus „Spitzenqualitäten“. Als Sohn Jared vor elf Jahren zur Welt kam, gab er, um näher bei der Familie zu sein, seine Arbeit im Saisongeschäft an der Ostsee auf, in dem er in den Sommermonaten tätig war. Stattdessen machte er sich mit einem kleinen IT-Unternehmen selbstständig. Zusätzlich arbeitete er in einem Großhandel.

Weil er die Möglichkeit hatte, von zu Hause zu arbeiten, konnte er seine Frau während der Elternzeit viel entlasten. Er fuhr das Baby im Kinderwagen umher und machte Einkäufe. Arzttermine nahm er mit seiner Frau gemeinsam wahr. Zusammen freuten sie sich, wie groß der Kleine schon war.

Den Löwenanteil leistete aber trotzdem seine Frau, muss er zugeben. Zu seinen Lieblingsaufgaben gehörte das Windelwechseln nicht. Lieber putzte er Fenster und spielte mit dem Kleinen. Heute ist „der Kleine“ 1,45 Meter groß, lernt Schlagzeug und trainiert im Schwimmverein. Sein fünfjähriger Bruder Kendrick ist der Künstler der Familie und malt gerne. Die vier unternehmen viel: Spaziergänge im Wald, Tretbootfahren auf dem Müggelsee oder Spieleabende zu Hause. Wenn die Kinder im Bett sind, widmet sich Heise einer weiteren Leidenschaft: Er will auf gesellschaftlicher Ebene für Kinder und Familien etwas bewegen und engagiert sich dafür in verschiedenen Gremien. Unter anderem als Vorstandsvorsitzender im Landeselternausschuss Schule sowie im Landeselternausschuss Kita.

Dabei hat Heise immer wieder Gelegenheit, mit Politikern zu diskutieren. Die Familie unterstützt ihn. Während seine Frau in einer Leitenden Position arbeitet, steckt er beruflich zurück und arbeitet im Schnitt nur drei Tage die Woche. Als Exot sieht er sich nicht. Auf dem Weg zur Kita oder auf dem Spielplatz trifft er viele Männer, die denken und handeln wie er. Männer, die sich nicht für die Familie interessieren, kennt er nicht. Wohl aber solche, die es sich finanziell nicht leisten können, Elternzeit zu nehmen oder beruflich runterzufahren. Um dieses Problem zu lösen, hat er an die Politik ein Anliegen: Frauen und Männer müssten gleich viel verdienen.

Diesem Ideal, über einen finanziellen Spielraum zu verfügen, kommen die Eltern der Krabbelkinder vom Papacafé schon ziemlich nahe. Mit ein Grund, warum es ihnen leichter fiel, länger in Elternzeit zu gehen als der Durchschnitt der Männer.

Der kleine Simon ist noch keine elf Monate alt, hält seinen Vater Johannes, 30, aber schon ordentlich auf Trab. Blitzschnell krabbelt der Latzhosenträger durch den Raum, hangelt sich an allen Stühlen entlang und rüttelt energisch an der Lego-Kiste. Johannes’ Frau, die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin ist, hat ein Jahr Elternzeit genommen, der selbstständige IT-Spezialist fünf Monate. Zwei Monate davon sind die jungen Eltern durch Australien und Neuseeland gereist. Auf ihren langen Wanderungen trugen sie Simon im Tragetuch, wie die Känguruhs, die ihnen immer mal wieder über den Weg liefen. „Es war uns wichtig, mal aus dem Alltagstrott zu kommen“, erzählt Johannes. Die Auszeit mit vielen unvergesslichen Eindrücken habe die jungen Eltern noch fester zusammen geschweißt.

Mittlerweile arbeitet Johannes wieder 80 Prozent. Das kann er als Freiberufler selbst entscheiden. Will er wieder fest arbeiten, könnte es schwierig werden: Teilzeitstellen im IT-Bereich werden nicht angeboten. Um Zeit mit seinem Kind verbringen zu können, nimmt Johannes den Verdienstausfall in Kauf, obwohl er eigentlich gern für die Zukunft sparen würde. Simon ist das egal. Er ist vom vielen Toben müde und bekommt das Fläschchen.

Weil der „Entertainment-Faktor“ mit Kleinkind begrenzt ist, freut Johannes sich auf Gespräche mit anderen Vätern. Mit Fabian war er schon zusammen auf dem Spielplatz. Der 36-jährige Anwalt ist mit Valentina gekommen. Auf dem T-Shirt der Anderthalbjährigen prangen rosa Herzchenluftballons. Sabbernd schaut sie sich ein Käpt’n Blaubär-Buch an. Ihr Vater hat sieben Monate Elternzeit genommen, die langsam zu Ende geht. Bald beginnt die Kita-Eingewöhnung.

Seine Frau sollte wieder arbeiten gehen können – ohne Stress, sagt Fabian. Schon Fabians eigener Vater hat sich viel um die Familie gekümmert. In der Großkanzlei, in der der Anwalt arbeitet, gibt es viele Wochenend- und Feierabendväter. Fabian will mehr sein. Er wollte die Elternzeit dazu nutzen, intensiv Zeit mit seiner Tochter zu leben. Das hat funktioniert. Mittlerweile lässt sich der kleine Wirbelwind sogar nachts von ihm trösten. Sie hat den Schnuller wieder im Mund und versucht, sich an einem Stuhl hochzuziehen. Fabian hält ihn fest, damit er nicht umkippt. Er ist gespannt, wie es wird, wenn er wieder arbeiten geht – und hofft, dass er es schafft, sich mindestens zwei Nachmittage pro Woche freizuschaufeln, um Valentina von der Kita abzuholen.

Vier Monate Elternzeit

Max brüllt wie am Spieß. Die sportliche Betätigung hat hungrig gemacht. Peter versucht den Kleinen mit Brötchenkrumen bei Laune zu halten. Auch die anderen haben langsam Kohldampf. Die Väter machen in der Mikrowelle Gläschen warm. Die einjährige Hannah mit der Blondhaartolle und den blauen Augen bekommt von Papa Martin Fencheltee.

Seit zwei Monaten ist der 34-Jährige in Elternzeit. Zwei Monate liegen noch vor ihm. Eine kreative Auszeit, in der der erfolgreiche Software-Ingenieur mit Gleichgesinnten über Babybrei fachsimpelt. Obwohl Hannah schon neun Zähne hat, muss der immer gut durch püriert sein. Fabian weiß, wovon Martin spricht. Auch Valentina macht Terror, wenn Klümpchen im Essen sind. Fabian war mit Valentina sogar schon mal allein über das Wochenende weg. Er muss aber zugeben, „dass es ganz schön anstrengend war“. Doch wenn es klappt und die Kinder strahlen, ist das für die Väter die schönste Belohnung.

Und was sagen die Frauen zu ihren engagierten Männern? „Erst einmal sind sie begeistert“, berichtet Eberhard Schäfer vom Väterzentrum und schränkt ein: „Dann möchten sie doch nicht ganz die Fäden aus der Hand geben.“ Dabei sind es häufig die Frauen, die ihre Männer zu Aktivitäten im Papaladen anmelden. Martin, Fabian, Peter und Johannes werfen sich wissende Blicke zu. „Anfangs wusste meine Frau alles besser“,sagt Martin nachsichtig lächelnd. „Bis sie merkte, wie sehr es nervt.“ Heute versucht der, der gerade nicht zuständig ist, sich rauszuhalten und nicht ständig gute Ratschläge zu erteilen. Die Besserwisserei kennt auch Fabian von zuhause. Zeitweilig sah er sich zum „Wickelvolontär“ degradiert. Das habe sich aber inzwischen eingespielt, meint er. Die anderen Väter nicken.

Johannes bringt es auf den Punkt: „Die Konkurrenz findet übrigens nicht nur zwischen Müttern und Vätern statt. Oftmals konkurriert auch das Kind mit uns Eltern. Da ist es schwer, noch Zeit für uns als Paar zu finden.“