Leben

Wir lernen Latein!Nicht für die Schule, für das Leben lernen sie

Das Schuljahr ist vorbei. In Latein fallen die Noten regelmäßig enttäuschend aus. Wozu soll man eigentlich eine tote Sprache lernen? Ein Beispiel aus Neukölln

Dies ist eine Geschichte von zwei Verlierern, die sich zusammentun und im Duo zu Gewinnern werden, wie in einem Hollywood-Drehbuch. Wie in "Lethal Weapon", der Serie mit Danny Glover und Mel Gibson: Alter, müder schwarzer Cop, kurz vor dem Ruhestand, fast schon ausgemustert. Junger, ungestümer Polizist, der alles falsch macht, weil er viel zu forsch rangeht, ein schwer kontrollierbarer Chaot – ein Trinker, rücksichtslos gegen alle. Und dann räumen sie zusammen das verkommene L.A. auf. Weil sie ein Team werden. Weil einer vom anderen profitiert.

So ist es auch in diesem Fall. Hart gesagt, haben wir es mit zwei gesellschaftlichen Verlierern zu tun, zumindest auf den ersten Blick. Verlierer Nummer 1 ist die Sprache Latein, vor der es gemeinhin heißt, die brauche kein Mensch mehr. Eine tote Sprache, nirgendwo mehr gesprochen. Allenfalls auf weiterführenden Schulen noch ein Bildungshobby für versnobte Bürgerkinder, die nach der vierten Klasse die Grundschule verlassen. Nur die leisten sich diesen verkopften Quatsch, der im richtigen Leben nicht weiterhilft. Tatsächlich gehen die Zahlen der Lateinschüler deutlich zurück. Waren es vor einigen Jahren noch 850.000 in Deutschland, zählt man heute nur noch 730.000. Tendenz sinkend.

Und dann ist da Verlierer Nummer 2: Schüler mit Migrationshintergrund, von denen spätestens seit der Pisa-Studie klar ist, dass sie in ihrer Mehrheit schulisch deutlich hinterherhängen. Es zeigte sich, dass die Schere bei der schulischen Leistung stark auseinanderklafft zwischen Kindern aus Einwanderfamilien und "biodeutschen" Kindern – ein schein-ironisches Adjektiv, das Pädagogen gern nutzen, um die Trennlinie, die sie täglich spüren, unverdächtig ausdrücken zu können.

"Migrationshintergrund", das ist auch so ein sagrotan-soziologisches Wort. Wisch-und-weg, da bleibt nichts hängen. Thilo Sarrazin wollte sich vor einigen Jahren in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" nicht an diese klinische Wortwahl halten, er machte es konkret. "Im Kern ist das deutsche Bildungsproblem vor allem auch ein Problem der muslimischen Migranten", schrieb er damals. Gerade türkische und arabische Kinder hätten mit Sprachproblemen zu kämpfen, verstünden deshalb oft schon die Aufgabenstellungen in der Schule nicht und seien heillos überfordert. Für Schulen mit einem Anteil von 80 bis 90 Prozent muslimischer Schüler sah er schwarz. Keine Chance.

Das Ernst-Abbe-Gymnasium in Neukölln hat fast 90 Prozent Kinder mit nicht-deutschen Wurzeln, die meisten von ihnen sind türkisch, manche arabisch, albanisch oder aus dem Kosovo. Rund 500 Schüler gehen hier zur Schule. Der Bau liegt direkt an der Sonnenallee im Herzen des Stadtteils, zwischen Falafel- und Döner-Buden. Hinter dem Gymnasium ist Neukölln seit einigen Jahren ziemlich hip, tagsüber schleckt man veganes Eis, nachts hängt man in improvisierten Bars rum. Aber hier auf der Sonnenallee ist das Leben ziemlich orientalisch dominiert, genauso wie die Schülerschaft. Fast alle hier haben Deutsch als zweite Sprache gelernt, die Muttersprache zuhause ist ein andere.

Und jetzt der Hammer. Ausgerechnet dieses Gymnasium an der Sonnenallee setzt – neben Englisch und Französisch – auf Latein. 67 Prozent der Schüler verlassen die Schule am Ende mit einem Latinum. Ausgerechnet hier im orientalischen Neukölln zeigt sich eine ungeahnte Zukunft für Latein, denn die ach so tote Sprache hilft den Schülern ungemein weiter. Egal, ob sie mit Latein in der 7. oder in der 8. Klasse beginnen, der Effekt ist groß. Denn wer Latein lernt, der macht eine Lehre im Maschinenraum aller europäischen Sprachen – ob Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch oder Spanisch, um nur mal die großen zu nennen. Und diese Lehrzeit im Maschinenraum ergänzt den Deutschunterricht ganz vorzüglich – ja, sie erschließt ihn erst. Endlich kapieren die Schüler wirklich, wann man den Genetiv und wann den Dativ einsetzt. Was ein Partizip ist. Und was ein Adverb. Dinge, die man auf dem Gymnasium wissen muss. Die Voraussetzung für das Abitur sind.

Ein Beispiel aus dem Leistungskurs Latein, eine elfte Klasse. Alle Schüler hier sind 17 oder 18 Jahre alt. Eigentlich hat der LK elf Schüler, aber heute sind nur neun gekommen. Es ist einer der letzten Schultage vor den Ferien, Berlin ächzt unter der Hitze. Die Fenster zum Klassenzimmer sind weit aufgerissen, von draußen dringt der Lärm der Sonnenallee herein. Viel Autoverkehr, immer mal laute Stimmen, ab und zu jault ein Krankenwagen vorbei.

Heute übersetzt man Cäsars Bericht über die Gallier. Die Gallier, das waren für die Römer damals die Fremden, die Barbaren, die Unbekannten. Andere Sitten, andere Gebräuche, andere Götter. Und Cäsar berichtet von spektakulären Dingen im fernen Gallien: Dort baue man aus Reisig riesige Menschenpuppen, in die man lebende Menschen hineinstecke, meist Verbrecher, und danach zünde man die Puppen an. Ein Opfer für die Götter. Aber das muss man erst mal herauslesen, schließlich ist der Text in Latein und will übersetzt werden. Zehn Minuten haben alle Zeit für zwei lange Schachtelsätze, gearbeitet wird in Zweiergruppen. Danach sollen die Schüler mehrere deutsche Übersetzungsmöglichkeiten vorstellen. "In einem schönen deutschen vollständigen Satz", so Lehrer Paffrath.

Das Gemurmel geht los. Mal deutsch, mal türkisch. "Code Switching", nennt Stefan Paffrath das. Ja, das sei schon in Ordnung, meint der 34-Jährige, wenn die Schüler so weiterkämen. Aber die Unterrichtssprache sei, daran gebe es nichts zu rütteln, Deutsch, genauso wie die Umgangssprache.

Die zehn Minuten sind um, nun werden zwei Varianten des Satzes vorgestellt. "Nachdem sie angezündet worden sind, sterben diese Menschen, die von Feuer umgeben waren." Oder: "Nach dem Anzünden dieser sterben die Menschen, weil sie von Feuer umgeben worden sind."

Auweia. Wir befinden uns wirklich tief im Maschinenraum der deutschen Sprache. Umständlicher Plusquamperfekt. Relativpronomen. Substantivierung.

"Huseyin", fragt der Lehrer. "Welchen von den beiden Sätzen finden Sie schöner?"

"Den ersten."

"Warum?"

"Keine Ahnung. Der zweite hörte sich halt für mich voll eklig an." Und Huseyin betont dabei das Wort "eklig" dramatisch.

Wenn man beim Bild des Maschinenraums bleibt, dann muss man sagen, Huseyin hatte eine richtige Ahnung, aber kann es nicht ausdrücken. Ihm fehlen die Werkzeuge. Deshalb greift er auf das Adjektiv "eklig" zurück, das ein starkes Gefühl, in diesem Fall seine Abneigung ausdrückt. Es ist, als sei im Maschinenraum ein Keilriemen gerissen und man repariert ihn mit einer Nylonstrumpfhose. Damit kommt man zur Not einige Kilometer weiter. Aber so richtig weit halt nicht.

Der Lehrer lässt deshalb nicht locker. "Eklig. Was meinen Sie mit eklig? Sie benutzen eklig für alles Mögliche."

"Ich mag ihn nicht..."

Da meldet sich sein Sitznachbar Ibo zu Wort. "Es ist unpassend. So viele Substantive in dem Satz."

Bingo. Substantivierung, eine Spezialität der deutschen Sprache, auch Beamtendeutsch genannt. Die hat Huseyin gestört, die ist Ibo aufgefallen. Die Formulierung: "Nach dem Anzünden". Stefan Paffrath macht den Schülern klar, was ihr Vorteil ist: viel Information auf engem Raum. "Das Deutsche kann das."

Für Professor Stefan Kipf von der Humboldt-Universität ist diese Szene bezeichnend. Er ist Professor für Didaktik der Alten Sprachen. Seit 2008 arbeitet er eng mit dem Ernst-Abbe-Gymnasium zusammen, weist wissenschaftlich den Erfolg von Latein als "Brückensprache" bei Schülern nichtdeutscher Herkunft nach. Es zeigt sich in Untersuchungen, dass so deutlich weniger Fehler beim Gebrauch der Zeiten und in der deutschen Grammatik gemacht werden – der Fehlerquotient sinkt bis zu 60%.

Genau der Punkt, eine "tote Sprache" zu sein, bringt die Vorteile. Der ganze "kommunikative Bereich" falle weg, all die Hör-CDs und Sprachlabore, das dauernde Nachspielen von Alltagssituationen: "When does the bus for London leave?" – "It leaves at nine o'clock." Die Reformen der letzten Jahrzehnte haben die Fremdsprachen lebendiger, alltagstauglicher gemacht. Aber wir reden hier über Schüler, die eher ein Zuviel als ein Zuwenig an Alltagssprache haben. Für die es wichtig wäre, Deutsch als Sprache des Landes, in dem sie leben und aufwachsen, richtig zu beherrschen, in seiner Tiefe. Latein helfe ungemein, sagt Professor Kipf, einen tieferen Zugang zum Deutschen zu finden. Und überhaupt zur europäischen Kultur.

Wir stehen im Treppenhaus des Ernst-Abbe-Gymnasiums, wo der 50-jährige Professor zusammen mit seinen Studenten eine Projektwoche leitet. Die Achtklässler starten zu einem Ausflug ins Stadtbad Neukölln, einem Bau von 1914 mit vielen architektonischen Bezügen zur Antike. Die sollen die Schüler gleich herausarbeiten. "FF", ruft Professor Kipf einem Schüler hinterher, der grinsend an ihm vorbeigeht. "Viel Vergnügen!"

Professor Kipf nennt Latein eine "gerechte Sprache", denn hier fangen alle bei Null an. Keiner hat jemals in einem lateinsprachigen Land gelebt, es gibt keine Austauschprogramme mit dem Römischen Reich. Gleichzeitig, auch das verschweigt er nicht, sei das Fach knallhart. "Latein bringt schlechtere Noten als die anderen Fächer", sagt Kipf und muss dabei grinsen, denn selbst er, der große Latein-Professor, hat mal als Schüler zwischenzeitlich in Latein auf Fünf gestanden. Damals ging er aufs Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf. Lateinunterricht, da macht Professor Kipf keinen Hehl draus, kann grauenhaft sein. Generationen traumatisierter Bürgerkinder hat das Fach hervorgebracht, die sich mit Grausen daran erinnern. "Das ist ja Alles Unsinn! Nur um Einen zu chikanieren...", lässt Thomas Mann seine Figur Hanno Buddenbrook seufzen, der sich durch den Lateinunterricht quält.

Viele Politiker seien bis heute von ihren eigenen negativen Erfahrungen geleitet, wenn es um die Frage Latein gehe, meint Professor Kipf. Der Frontalunterricht. Das Pauken. Ein staubtrockener Cäsar-Text, "Gallia est omnis devisa in partes tres". Danach übersetzte man monatelang nur die Kriegsbeschreibungen eines unersättlichen Feldherren. Dabei gehen die neuen Lateinlehrer mit viel Herzblut an die Sache. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Noch ist Latein in Deutschland die drittstärkste Fremdsprache.

Im Latein-LK des Abbe-Gymnasiums zumindest, das steht fest, geht es lebendig zu. Vokabeln werden mit Fußball-Latein abgefragt, schließlich ist der Lehrer Stefan Paffrath sehr fußballaffin, bildet in seiner Freizeit in Kreuzberg Jugendliche zu Schiedsrichtern aus. An die Wand ist ein Fußballfeld projiziert, jeder Schüler hat seine Position. Wer schneller antwortet, ist am Zuge. Manchmal rufen die beiden Gegenspieler zeitgleich in den Raum. "Ich hab wirklich vorher gesagt", protestiert Mariam. Das "ich" klingt wie "isch". So etwas passiert in der Hitze des Gefechtes. Wer hier Lehrer ist, darf nicht zu früh aufgeben. Stefan Paffrath arbeitet seit sechs Jahren hier. Er, der als Schüler am Canisius-Kolleg sein Abitur gemacht hat, möchte als Lehrer nicht tauschen.

Mariam sei eine wirklich gute Schülerin, sehr leistungsstark mit einer Begabung für die Sprache, sagt ihr Lehrer über sie. Zuhause spricht sie mit ihrer Großmutter arabisch, mit ihrer Schwester deutsch, "aber es kommt eigentlich immer so eine Mix-Sprache raus", erzählt sie lachend. Genau wie Ayse-Nur und Emine trägt Mariam Kopftuch, die Farbe wechselt jeden Tag und ist immer auf den Rest ihrer Kleidung abgestimmt. Über das Kopftuch hat sie eine gestickte florale Bordüre gelegt, das sieht sehr sommerlich aus. Trotz der Hitze tragen diese Mädchen immer lange Ärmel. Seher, Merve und Fatma sind dagegen ohne Kopftuch. Anne sowieso. Sie ist der Exot der Klasse, vor einigen Jahren vom Gymnasium Steglitz zugewandert. Dort hätte sie nämlich auch noch Alt-Griechisch belegen müssen, das war Anne dann doch zu viel. Aber auf Latein lässt sie nichts kommen, "das ist eine Denksprache". Außerdem ist der eigene Vater Lateinlehrer.

Es ist eine andere Welt, in die Anne hier eintaucht. Und auch Lehrer Stefan Paffrath erlebt immer wieder Überraschungen. Das Wochenende ist vorbei, er greift wieder den Cäsar-Text auf. Alle Klausuren sind für dieses Jahr geschrieben, die Noten stehen fest, da hat man auch mal Zeit, Themen zu vertiefen. Die Gallier und die Menschenopfer – reden wir doch mal über die Todesstrafe. Wo gibt es sie heute noch auf der Welt? In welcher Form? Er wirft einen Auszug aus dem islamischen Gesetz an die Wand, in dem Tod durch Steinigung beschrieben wird. Welche Größe die Steine haben müssen, wer wann wirft. Die Diskussion ist lebendig.

"Menschenopfer", sagt Huseyin, die seien heute natürlich unvorstellbar. Aber es gebe Opfer, die heute noch akzeptabel seien. Stefan Paffrath schaut irritiert. "Wenn man sehr krank ist und wird gesund, dann opfert man ein Tier", sagt Mariam. "Oder wenn einem ein Sohn geboren wurde oder eine Tochter. Dann opfert man ein Lamm", meint Ibo. "Oder nach einem großen Streit, wenn man sich versöhnt hat." – "Ernsthaft?", fragt Stefan Paffrath verwundert. "Ja", rufen seine Schüler einstimmig zurück. Im Lateinunterricht findet man zu ganz neuen Themen, die doch uralt sind. Glaube. Opfer. Krieg. Friede. Neid. Familienzwistigkeiten. Alles Teil der antiken Erzählungen.

"Ich mag die antiken Geschichten", sagt Ibo. Latein habe ihm zumindest im Geschichtsunterricht geholfen. Nein, von zuhause hat er keine Unterstützung. "Ich habe noch acht Geschwister. Von denen kann keiner Latein."

Seher meint dagegen, sie sei noch genauso schlecht wie früher. Daran habe sich durch den Lateinunterricht nichts geändert. Und für Emine bedeutet Latein, zumindest im Moment, das Ende eines Traums. Eigentlich wollte sie Pharmazie studieren, Latein spielt ja bei Medikamenten eine große Rolle. Aber: "Ich kann Latein nicht." Vokabeln zu lernen, das fällt ihr leicht, "aber das Übersetzen. Das fällt mir schwer." Ibo dagegen hat lange keine Vokabeln gelernt, das Übersetzen klappte dagegen immer ganz gut. "Aus dem Kontext." Nur zu frei dürfe es nicht werden, dann gebe es Ärger vom Lehrer Stefan Paffrath.

Beim Ernst-Abbe-Gymnasium nimmt man auch Scheitern in Kauf. Denn Latein gehört neben Mathematik zu den Fächern, die ein gymnasiales "Auslesefach" sind. Die Rückläuferquote nach dem Probejahr, der 7. Klasse, ist hoch. Auf Latein zu setzen, heißt: Nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen, der in der Bildungspolitik so oft gegangen wird. Den Mut haben, das Niveau nicht zu senken. Sondern die Schüler stärker zu fordern. Aber auch nachhaltig zu fördern.

Das Gymnasium als Sprungbrett – das ist in dieser Stadt nicht unumstritten. Während sich die CDU-Fraktion unter Frank Henkel bis zuletzt ganz klar für Gymnasien als traditionelle Akademiker-Kaderschmiede aussprach, eine "Erfolgsgeschichte" laut Henkel, setzen die SPD und die linken Fraktionen verstärkt auf Sekundarschulen. Nur sind die in Stadtteilen wie Neukölln häufig unbeliebt, einfach, weil dort die Schülerschaft anders ist. Der Umgang untereinander ist rauer. Die Schüler von Ernst-Abbe haben sich bewusst für das Gymnasium entschieden. Es ist auch die Hoffnung auf ein besseres Leben danach. Elitenbildung mal anders gedacht. "Chancengleichheit für alle Schülerinnen und Schüler besteht auch darin, dass in Berlin die weiterführende Schule, also Sekundarschule oder Gymnasium, frei gewählt werden kann", sagt Schulsenatorin Sandra Scheeres deshalb diplomatisch. Migrantenkinder aufs Gymnasium! Früher wäre das eine SPD-Parole gewesen.

Die Schulpolitik ist ein ideologisches Feld. Hoch aufgeladen. Große Erwartungen. Große Sprüche. In den letzten Jahren wurde in Berlin viel reformiert. Immer geht es bei diesen Reformen um die Zukunft, immer soll ein radikaler Weg hinaus aus der Vergangenheit gefunden werden. Gymnasien allerdings, die stehen für das Gestern. Latein sowieso.

Aber was ist, wenn etwas Gestriges richtig gut funktioniert? Ganz pragmatisch gesehen. Wenn Latein als Fremdsprache vielen Schülern nichtdeutscher Herkunft zu besserer Bildung verhelfen kann?

Die Schüler aus dem Latein-LK ahnen kaum, wie leidenschaftlich viele Schuldiskussionen im Berliner Abgeordnetenhaus geführt werden – bis hin zu der Forderung, den Unterricht nicht zwingend in Deutsch abzuhalten. Warum nicht Englisch? Französisch? Türkisch? Die Welt ist ein Dorf, alle sollen alles sprechen. Wie in Babel. Wir sind alle multi: multikulturell, multi-tasking, multifunktional, multilingual. Doch um miteinander klarzukommen, ohne Missverständnisse, brauchen wir eine gemeinsame sprachliche Basis.

Im Unterricht versucht Stefan Paffrath klarzumachen, für wen Cäsar seinen Text über die Gallier schreibt. Für die Menschen zuhause in Rom, denen er seine Feldzüge erklärt. Man solle sich doch auch ein Wort in Türkisch überlegen, um denen in der Heimat klarzumachen, wie man die Berliner beschreiben würde. Links wird gekichert. Emine hat Ayse-Nur etwas auf Türkisch zugeflüstert. Was heißt das? "Versuchen Sie doch mal zu übersetzen."

"Kann man nicht", windet sich Emine raus. "Zurückgeblieben", ruft Huseyin rein. Kein politisch korrektes Wort. Die Berliner, die Deutschen, sie sind die Zurückgebliebenen im Sinne von geistig minderbemittelt, irgendwie schräg. Das kann man Emine kaum verdenken, denn schon beim Kaffee in der Bäckerei um die Ecke schluffte an diesem Morgen ein Deutscher ohne Schuhe herein und schrie laut nach Frühstück. Zwei andere Deutsche kommen einem um kurz nach zehn Uhr mit Bierflaschen entgegen. Und die größte Liebe der waschechten Neuköllner scheint den Hunden zu gelten. Nicht den Kindern. Nein, Deutsch-Neukölln zeigt sich nicht in seinem allerbesten Zustand. Von Leitkultur muss man hier gar nicht erst reden.

Lehrer Stefan Paffrath meint später, mit den "Zurückgebliebenen" habe Emine womöglich die Berliner Türken gemeint. Die ja wortwörtlich in Deutschland zurückgeblieben sind. Aber so ganz sicher ist er sich nicht. Bei Sprachmix ist Verwirrung vorprogrammiert. Ohne Lingua Franca geht es nicht, sagt er deshalb ganz klar. Ohne die Sprache, die alle sprechen, die alle verstehen. Ohne eine Sprache, die gilt. Und die sei halt Deutsch. Wie sonst sollen die Schüler zusammenkommen mit ihrem deutschen, türkischen, arabischen, albanischen Hintergrund? Latein, das hat sich gezeigt, funktioniert übrigens auch in vielen anderen Ländern hervorragend als Brückensprache. In Frankreich lernen nordafrikanische Schüler in den Banlieues von Paris besser französisch, wenn sie Latein in der Schule haben. In England profitieren die Emigranten-Kinder genauso von der alten Sprache. Es handelt sich also nicht nur um ein deutsches Phänomen.

Und was sagt die Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres abschließend zu dem Projekt? "Ja, das Konzept 'Latein als Brückensprache' ist bekannt. Wir verfolgen mit Interesse die Erkenntnisse, die sich aus der Zusammenarbeit dieses Neuköllner Gymnasiums mit der Humboldt-Universität ergeben. Das Konzept ist in sich stimmig und sinnvoll, die Ergebnisse sind ermutigend."

Die alte Sprache Latein und die Schüler eines Gymnasiums an der Sonnenallee haben sich zusammengetan – anders als im Hollywood-Film wird das Modell wohl nicht bei jedem ein Erfolg werden, aber doch bei einigen. "Man kann hier eine Menge reißen. Das Potenzial ist groß", bringt es Professor Kipf auf den Punkt. Und die Lehrer an dieser Schule sind mit Leidenschaft dabei. Ach so, eine Reise nach Rom hat der Latein-LK dieses Jahr auch unternommen. Da standen sie plötzlich auf dem Forum Romanum, an der Via Appia, sogar beim Papst waren sie. Wie war die Rom-Reise?

"Ahhh", antworten neun Oberstufenschüler begeistert. Mit Sehnsucht in der Stimme. Einmal ganz weit weg, raus aus Neukölln. Ins Herz Europas.

Von wegen tote Sprache.

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