Berlin gilt als tolerante Stadt. Wie man aussieht, welche sexuelle Orientierung man hat und welcher Religion man angehört – im Prinzip kümmert das niemanden. Die Pelzträgerin auf dem Ku'damm ist ebenso normal wie der Rentner, der in Jogginghosen und Adiletten zum Zeitungskiosk schlappt.
Wenn es um Homosexualität geht, ist die Meinungen in allen Altersklassen sehr ähnlich, allerdings gibt es Unterschiede in verschiedenen Berliner Bezirken, wie zumindest eine von uns durchgeführte Umfrage ergibt. „Is’ schon n’ Problem“, sagt ein 17-jähriger Steglitzer. Seiner Meinung nach sind Mann und Frau füreinander geschaffen. Wer schwul sei, der sei nicht normal, sagt er.
Wir haben zum Thema Homosexualität verschiedene Menschen in Schöneberg am Nollendorfplatz und im Steglitzer Einkaufszentrum „Boulevard“ befragt. Die meisten waren offen und tolerant. Eine etwa 60 Jahre alte Frau im Boulevard, die mit ihren kurzen grauen Haaren und ihrer eckigen roten Brille zunächst sehr streng wirkte, erklärte, dass sie etwas an den Rechten für Homosexuelle ändern würde. Sie sagte, es sollte keinen Unterschied bei einer Adoption von Kindern in einer heterosexuellen oder einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft geben. Auch Homosexuelle sollten in Deutschland heiraten können.
Am Nollendorfplatz gibt es besonders viele (öffentliche) Orte, die zur Schwulenszene gehören. Dort beginnt seit 1972 jedes Jahr eine Demonstration zum „Christopher Street Day“ (CSD). Alle befragten Passanten dort sind der Meinung, dass die CSD-Parade ihren ursprünglichen Sinn verloren hat – bei dem es um den Einsatz für die Rechte von Schwulen ging – und heute kein politisches Ereignis mehr ist, sondern nur noch eine Spaßveranstaltung. Auch in Steglitz sehen junge und alte Menschen die Parade kritisch. Ein etwa 50-jähriges Paar sagt, es gehe nur noch um Drogenkonsum und Partymachen.
Zwei 17-jährige Schülerinnen, die gerade von der Schule kommen, finden: „Wenn man schwul ist, muss man nicht gleich halbnackt rumlaufen.“ Eine Passantin erzählte uns von einer alternativen Parade, die zeitgleich zur GayParade in Kreuzberg stattfindet, sich „Der Transgeniale CSD“ nennt und einen politischeren Anspruch hat.
Zwei junge Männer, jeder mit einem Döner in der Hand, wollen nicht mit uns über Homosexualität sprechen. Auf die Frage, was sie von dem Thema halten, murmeln sie: „Verbrennen sollte man diese Leute“, und gehen schnell weiter. Der Großteil der Befragten zeigt sich offen: „Jeder sollte so leben, wie er es möchte“. Oder: „Wir sind absolut tolerant“, hieß es meistens.
„Homosexualität ist einfach nur eine andere Art von Liebe“, sagte eine blonde Mittvierzigerin. Wenn eines ihrer Kinder homosexuell wäre, würde sie sich freuen: „Ich würde es unterstützen!“ Ein älterer Herr, Mitte 60, den wir am Nollendorfplatz befragten, sagte – mit Verweis auf die deutsche Geschichte – immer wieder: „Die Gesellschaft ist homophob!“ Offenbar sehen das am Nollendorfplatz aber die wenigsten so. „Ich fühle mich akzeptiert“, sagt ein 30-Jähriger, der sich als homosexuell zu erkennen gab. „Ich glaube, in einer Stadt wie Berlin ist es kein Problem mehr schwul zu sein.“
Insgesamt konnten wir feststellen, dass das Alter bei der Toleranz gegenüber Homosexualität keine Rolle spielt – zumindest bei unseren Befragten. Allerdings gab es bei unseren Interviews in Steglitz mehr Menschen, die Homosexualität nicht tolerieren. Für den Großteil der Befragten ist Homosexualität Teil des Alltags und unproblematisch.
Naneïssa Maïga, Corinne Mark, Samia Saad & Lola Starke, Klasse 10a, Französisches Gymnasium, Tiergarten


