Ich habe einen kleinen Bruder, der es liebt, wenn ich ihm tolle Jungs-Klamotten aussuche und ihn style. Er ist mein größter Fan. Wenn ich singe, lauscht er andächtig und freut sich riesig, wenn ich aus der Schule komme. Doch bevor es jetzt Tauschangebote von anderen großen Geschwistern gibt, noch eine Info – er steht leider auch mitten in der Nacht, also sonntags gegen 13 Uhr, vor meiner Tür und möchte mich freudestrahlend und mit Geklopfe gegen die Tür zum Essen abholen. Ein Bruder also wie viele andere auch. Und dennoch eine kleine Sensation, weil er es trotz einer Schwangerschaftsabbruchrate von über 90 Prozent – das ist leider so beim Down-Syndrom – geschafft hat, sich ins Leben zu mogeln. Und weil sich der Wunsch seiner Eltern nach einer Familie, die den Kleinen so liebt, wie er ist, erfüllt hat.
Und jetzt gibt es da einen neuen Test, der es noch einfacher und sicherer machen soll, Babys mit Down-Syndrom im Mutterleib zu erkennen. Und weil sich viele werdende Eltern dann nicht mal mehr mit dem zu großen Risiko einer Fruchtwasseruntersuchung „rausreden“ können, wird es für sie immer schwerer zu erklären, warum denn „so etwas“ – gemeint ist das Down-Syndrom – überhaupt passieren musste, wenn sie sich ganz bewusst für ihr Baby entscheiden. Denn niemand entscheidet sich für eine Behinderung, sondern für das Leben seines – in den Augen anderer nicht perfekten – Kindes. Dabei sind die Hauptprobleme, die Kindern das Leben mit Down-Syndrom schwer machen, in den allermeisten Fällen gut behandelbar. Herzfehler werden erfolgreich operiert, für die oft schwache Muskulatur gibt es Physiotherapie usw. Solche Besonderheiten treten auch bei anderen Kindern auf, denen deshalb niemand das Recht zu leben absprechen würde.
Folgendes macht mir immer wieder zu schaffen: Frühchen etwa werden unter größtem ärztlichem Aufwand schon ab der 23. Woche gerettet, leider müssen viele von ihnen später mit schweren Gesundheitsproblemen ihren Weg meistern. Organisch völlig gesunde Kinder mit Down-Syndrom hingegen dürfen von genau diesen Medizinern legal abgetrieben werden – ohne eine Frist.
Viele Menschen sagen, dass Kinder mit Down-Syndrom eine zu große Belastung sind und man an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, weil die anderen einen ausgrenzen. Dazu ein vielleicht verrückter Vergleich: Vor einigen Jahren hatten nur wenige ein Smartphone – es war also etwas besonderes und alle schauten hin. Heute sind Handys so alltäglich, dass keiner mehr neugierig hinsieht. Wenn alle Kinder mit Down-Syndrom geboren werden dürften, würde vielleicht niemand mehr hinterher schauen, weil es ganz alltäglich wäre, ihnen überall zu begegnen.
Ich würde mir wünschen, dass es völlig normal ist, verschieden zu sein. Und vor allem, dass viel mehr Menschen diese völlig bedingungslose Liebe erleben dürften, die mir mein Bruder gibt.
Kl. Med 11-12, Akademie für Internationale Bildung, Charlottenburg


