Interview mit US-Filmproduzentin Schulberg

Nazis vor Gericht: Die Nürnberger Prozesse und was wir heute daraus lernen können

Bei den Nürnberger Prozessen standen 24 Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht: Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zum Beispiel oder „Reichsmarschall" Hermann Göring. „Nuremberg – Its Lesson For Today" heißt ein amerikanischer Film, der die Nazi-Verbrechen und die Prozesse genau dokumentiert. 1948 war er erstmals in deutschen Kinos zu sehen. Doch die Dokumentation von Regisseur Stuart Schulberg hatte im Lauf der Zeit schwer gelitten, Tonaufnahmen waren verloren gegangen. Seine Tochter, die US-Filmproduzentin Sandra Schulberg, hat den Film restauriert und ihn jetzt in Berlin vorgestellt. Ihre Fassung von „Nürnberg und seine Lehre" wird im Oktober beim „Human Rights Watch Film Festival" in Nürnberg laufen und soll im Herbst im Kino starten. Jugendreporter Jannik Lage (13) hat mit Sandra Schulberg über die aktuelle Bedeutung des Films gesprochen:

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Jannik: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem frühen filmischen Werk Ihres Vaters über den Aufstieg der Nazis, ihre Verbrechen und vor allem die Nürnberger Prozesse befasst haben?

Sandra Schulberg: Nach dem Tod meiner Mutter 2002 - mein Vater war leider schon 1979 gestorben - fand ich all diese Boxen mit Dokumenten über Nürnberg, die Prozesse und den Film, die mein Vater aufgehoben hatte. Aus den Dokumenten ersah ich, dass es die ursprüngliche Idee war, einen Vier-Mächte-Film zu produzieren. Es gab eine Abteilung, die sich „Documentary Working Party“ nannte und einen britischen, französischen, russischen und amerikanischen Delegierten hatte. Doch es kam zu großen Unstimmigkeiten zwischen dem Kriegsministerium in Washington und dem zuständigen Ministerium der Militärregierung in Deutschland. Pare Lorentz, ein bedeutender Dokumentarfilmer seiner Zeit und Chef des „Film at the War Department“ in Washington, entschied sehr früh, dass er die Kontrolle des Filmprojektes übernehmen wollte. Er war besorgt, dass aus den teilweise wilden Ideen, die zwischen den verschiedenen Parteien kursierten, kein guter Film entstehen würde. Ein Film, der die Nürnberger Prozesse nicht genau reflektieren würde. Um dies zu vermeiden, übernahm Pare Lorentz die Leitung des Projektes. Im Winter 1946 engagierte er meinen Vater zur Erstellung des Drehbuchs.

Jannik: Was war das Besondere am Drehbuch Ihres Vaters?

Sandra Schulberg: Das Skript meines Vaters folgte der Struktur der Prozesse als Erzählstruktur im Film. Pare Lorentz war sehr zufrieden mit dieser Art der Filmdokumentation, ebenso wie der amerikanische Hauptankläger Richter Robert H. Jackson. Auch er wollte einen Film, der die Geschichte und die Struktur der Nürnberger Prozesse so exakt wie möglich wiedergab.

Jannik: Welches Material recherchierte ihr Vater für den Film „Nürnberg“?

Sandra Schulberg: Mein Vater Stuart Schulberg wurde im Juli 1945 nach Berlin entsandt, um nach Original-Filmmaterial der Nazis zu suchen, das in den Prozessen als Beweismaterial verwendet werden sollte. Im August/September 1945 kamen die restlichen Mitglieder des OSS (Office of Strategic Services) War Crimes Filmteam nach Berlin. Zusammen erstellte man einen vierstündigen Film mit dem Titel „The Nazi Plan“, welcher den Aufstieg der NSDAP dokumentierte und einen einstündigen Film mit dem Titel „Nazi Concentration Camps“. Richter Robert H. Jackson sagte dazu: „Es gibt keinen Anklagepunkt, der nicht durch Bücher und Aufzeichnungen bewiesen werden kann und wir werden den Nazis ihre eigenen Propagandafilme zeigen.” Nachdem der Prozess vorüber war, wurden Stuart Schulberg und Joe Zigman erneut nach Berlin entsandt. Im Frühjahr 1947 begannen sie „Nuremberg“, basierend auf Schulberg's Skript, zu erarbeiten. Teile der Filme „The Nazi Plan“ und „Nazi Concentration Camps“ wurden in den Film „Nuremberg“ eingearbeitet. Damit sollte veranschaulicht werden, wie die Nazis an die Macht gekommen waren und welche Gräueltaten, sie während ihrer Herrschaft verübt hatten.

Jannik: Wann und wo wurde der Film „Nürnberg und seine Lehre“ erstmals gezeigt?

Sandra Schulberg: Der Film wurde 1948 in Deutschland gezeigt. In dieser Zeit, gab es in den Haushalten noch keine Fernsehgeräte. Deshalb war die einzige Möglichkeit, die Informationen zu verbreiten, einen Film zu drehen und in die Kinos zu bringen. Dann begannen Test-Filmvorführungen in Amerika, mit Regierungsbeamten und Journalisten. Die Journalisten sagten, es sei ein fantastischer Film, den alle Amerikaner sehen sollten. Doch den Regierungsbeamten kamen Zweifel, ob sie den Film tatsächlich zeigen sollten. Das politische Klima hatte sich bereits verändert. Man zweifelte vermutlich daran, ob es richtig sei, die Amerikaner weiterhin mit der Nazi-Vergangenheit zu konfrontieren oder ob es nicht besser sei, im Zuge des Wiederaufbaus Deutschlands im Rahmen des Marshall Plans nach vorn zu blicken. Der Film wurde jedenfalls nicht, wie ursprünglich geplant, in Amerika gezeigt.

Jannik: Was inspirierte Sie, den Film ihres Vaters zu restaurieren?

Sandra Schulberg: Ich war 2004 hier in Berlin, um meine 40 Filme umfassende Retrospektive der Marshall-Plan- Filme zu zeigen und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick wollte mit dem Film meines Vaters „Nürnberg“ beginnen. Doch obwohl ich meine Zweifel hatte, weil dort die schreckliche Nazi Vergangenheit gezeigt wurde, stimmte ich schließlich zu. Darin bestand auch die Chance, die große Veränderung aufzuzeigen, die Deutschland seitdem vollzogen hatte. Dann begann ich zu recherchieren, was mit der englischen Version passiert war. Ich musste feststellen, dass die so genannte englische Version nie ganz fertig gestellt wurde: Man konnte die englische Originalsprache nicht hören, sondern sie war überlagert durch einen Sprecher, der erklärte, was gesagt wurde. Dadurch konnte man die Verhandlungen nicht im Original verfolgen und das machte keinen Sinn. Es gab nie eine internationale Fassung oder einen internationalen Soundtrack. Ich entschied mich, dieses Problem zu lösen. Und begann, Geld für die Fertigstellung des Films zu beschaffen.

Jannik: Hielten sie es für ihre Pflicht den Film zu restaurieren?

Sandra Schulberg: Ja. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Erbe meines Vaters dazu legitimiert sei und dass ich etwas tun sollte. Und da ich eine professionelle Filmproduzentin bin, hätte ich wohl auch kaum eine Entschuldigung gehabt, nichts zu tun. Ich konnte den Film einfach nicht in diesem Zustand lassen. Die Dokumente zeigten, dass die amerikanischen Regierungsbeamten und Richter Jackson vorhatten, den Film überall zu zeigen und sie hatten nach den Filmaufführungen in Deutschland das Gefühl, dass dies ein wirklich guter Film sei. Im Film wurde die Arbeit des Gerichtshofs gezeigt. Wie die Kriegsverbrechen und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit dokumentiert und bewiesen wurden. Der Film zeigt die auch die Verteidigung der Angeklagten. Drei der Angeklagten wurden frei gesprochen. Dadurch wurde auch gezeigt, dass die Richter ihre Entscheidungen tatsächlich aufgrund der Beweise getroffen haben und nicht jeden automatisch verurteilten. Alle Nationen, die an den Verhandlungen in Nürnberg beteiligt waren - die Briten, die Franzosen, die Russen und die Amerikaner - waren zufrieden und fühlten, dass sie eine gute Arbeit geleistet hatten.

Jannik: Und sie waren begierig, die Geschichte des Gerichtsverfahrens zu zeigen.

Sandra Schulberg: Mit der Restaurierung und Verbreitung des Films helfe ich, den ursprünglichen Plan zu verwirklichen.

Jannik: Welches war die größte Schwierigkeit bei der Restaurierung des Films?

Sandra Schulberg: Die Original-Musik war fast vollständig verloren. Dort, wo Musik zu hören war, war diese von der Sprache überlagert und wir konnten diese beiden Tonspuren nicht trennen. Ich wollte keine neue Musik, weil das den Film wirklich verändert hätte. Wir mussten also die bestehende Musik neu zusammensetzen. Wir mussten die exakten Noten und die Komposition heraushören. Es war sehr schwierig, die verbliebene Musik unter der Sprache überhaupt zu identifizieren. Dem Komponisten John Califra gelang es, die Noten herauszuhören, aufzuschreiben und die Komposition wiederherzustellen. Zusammen mit dem Soundmixer Ken Hahn hatten wir hier die besten Leute für diese Arbeit.

"Ihr jungen Leute seid die Hoffnung Deutschlands"

Jannik: Welche Botschaft transportiert der Film Ihres Vaters?

Sandra Schulberg: Mein Vater ließ den Film enden mit den Worten des amerikanischen Hauptanklägers Richter Robert H. Jackson: „Lasst Nürnberg all jenen eine Warnung sein, die einen Angriffskrieg beabsichtigen.” Er war sehr, sehr betroffen über die Kriegsverbrechen und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und über die schlimme Entscheidung, Krieg zur Lösung irgendwelcher Probleme zu nutzen. Ich denke, das ist die tiefste Botschaft des Films: Krieg ist das eigentliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist wichtig, Gerichtsverhandlungen nicht nur abzuhalten, sondern sie auch einem Publikum zu zeigen, als Akt der Abschreckung. Die Menschen sollten sehen, dass man mit solch schweren Verbrechen, wie sie von den Nazis begangen wurden, nicht davon kommen kann. Außerdem wurde gezeigt, dass Individuen für ihre Handlungen verantwortlich sind, nicht nur Nationen. Man kann nicht einfach irgendwelchen Befehlen folgen. Manchen Befehlen darf man nicht folgen, selbst dann nicht, wenn sie von einem Vorgesetzten kommen.

Jannik: Der Filmtitel lautet „Nuremberg - Its Lesson For Today“. Welche Lehre genau vermittelt der Film in heutiger Zeit?

Sandra Schulberg: Ihr jungen Leute, die ihr den Film gesehen habt – Ihr seid die Hoffnung Deutschlands, die Hoffnung Europas und die Hoffnung der Welt. Genauso wie die gleichaltrigen Jugendlichen in Amerika, in Palästina, im Irak oder Israel – überall auf der Welt. Wir schauen auf Euch, wie Ihr Probleme friedlich löst, die Kommunikation und die Verständigung untereinander verbessert und kulturelle Toleranz übt. Ihr seid fähig, die Vielfalt der Kulturen und Rassen auf diesem Planeten als Bereicherung zu sehen und anzuerkennen.

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