Irland

Warum diese Iren einfach irre sind

Sie sprechen das sonderbar klingende Gälisch, wohnen quasi in der Kneipe und schlagen auf dem Spielfeld mit dem Hurley zu. Einige Merkwürdigkeiten von der Grünen Insel.

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Es gibt viele Klischees über Irland. Einige stimmen nicht; etwa, dass alle Iren rote Haare und Sommersprossen haben. Andere ein bisschen, zum Beispiel, dass es die schon von Johnny Cash besungenen 40 Schattierungen Grün wirklich gibt – und dazu mindestens genau so viele Schlechtwettervarianten und noch viel mehr sagenumwobene Burgruinen, wie etwa auf dem Rock of Cashel im County Tipperary. Und wieder andere sind keine abgegriffenen Allgemeinplätze, sondern fest in Tradition und Kultur verankert. Allein in Irlands Hauptstadt Dublin lassen sich zwischen Trinity College und Temple Bar District, altehrwürdiger Universität mit dem berühmten Book of Kells und lauten Kneipen mit Touristen aus aller Welt fünf typische Beispiele entdecken:

Sprache

Baile Átha Cliath ist der andere Name von Dublin, denn offiziell ist das Land zweisprachig; Orts- und Straßenschilder, Gedenktafeln und Dokumente sind sowohl auf Englisch als auch auf Gälisch respektive Irisch. Selbst in die EU-Reisepässe hat es diese sonderbar klingende Sprache keltischen Ursprungs geschafft. Wer je auf die Idee gekommen ist, sich das Kleingedruckte auf der allerersten Seite seines Passes durchzulesen, und sich über die Zeile „An tAontas Eorpach“ gewundert hat: So heißt die Europäische Union in der Landessprache. Sie ist eine der 24 offiziellen Sprachen der EU, obwohl sie heutzutage nur von einem außerordentlich geringen Teil der 4,5 Millionen Einwohner Irlands, nämlich 1,8 Prozent, täglich gesprochen wird. Ein gutes Viertel aller Iren hat im Restaurant immerhin zumindest eine leise Ahnung, dass eine Fischplatte mit Wermutsauce auf den Tisch kommt, wenn sie „Bradán bácáilte le hAnlann Bormónta“ bestellen. Den Ausruf „Sláinte“ versteht dagegen jeder, denn es heißt „Zum Wohl“.

Schuld am Rückgang der Sprache ist ein Dahinschwinden der Bevölkerung durch Hungersnot und Emigration in die Neue Welt im 19. Jahrhundert sowie die jahrhundertelange Dominanz Englands. Sprachliche Wiederbelebungsversuche gibt es seit 1922, als Irland unabhängig von Großbritannien wurde – mit einigem Erfolg: Heute wird Gälisch in der Schule gelehrt; es gibt einen gälischen Fernsehsender, eine Radiostation, Zeitungen und Magazine; Polizisten und Lehrer müssen es fließend beherrschen – und die Zahl derer, die aus Traditionsbewusstsein regelmäßig Irisch sprechen, wächst.

Literatur

In eine Zeit, als noch jeder Ire Irisch sprach, führt ein Besuch von Marsh’s Library. Die Bibliothek liegt versteckt neben einem Dubliner Wahrzeichen, der St. Patrick’s Cathedral. Erbaut von Erzbischof Narcissus Marsh im Jahr 1701 ist sie die erste öffentliche Bücherei Irlands und eine der Ältesten der Insel. Zwischen den Regalreihen, die sich unter der Last ledergebundener Folianten biegen, befinden sich vergitterte Alkoven. Die besonders wertvollen Bücher durften nur in diesen Käfigen hinter Schloss und Riegel gelesen werden. Irlands berühmteste Schriftsteller gingen hier ein und aus: Bram Stoker fand in der Reiseliteratur Inspiration für seinen „Dracula“. Jonathan Swift, Autor von „Gullivers Reisen“, war von 1713 bis 1745 Dekan der Kathedrale und damit Verwalter der Bibliothek.

Auch James Joyce gehörte zu den Besuchern, wenn er denn nicht gerade selbst schrieb. In seinem bedeutendsten Werk „Ulysses“ beschreibt er auf knapp tausend Seiten den 16. Juni 1904 in Dublin. Auch wenn viele Iren offen zugeben, das Buch nicht komplett gelesen zu haben, wird dieser Tag heute von Fans aus aller Welt als „Bloomsday“ in Anlehnung an die Hauptfigur Leopold Bloom jährlich gefeiert, und die Schauplätze werden besucht. Einer davon liegt im malerischen Vorort Sandymount: Joyce lässt Stephen Dedalus am Strand der Dublin Bay „in die Ewigkeit hineinwandern“ und Leopold Bloom die junge Gertie beobachten und sich dabei mit sich selbst vergnügen. Hier steht auch ein Wachturm aus der Zeit der napoleonischen Kriege, in dem Joyce 1904 einige Nächte verbrachte und wo er seinen Roman beginnen lässt. Heute heißt der Turm James Joyce Tower und beherbergt ein kleines Museum für den Schriftsteller. Beginnt der Tag mit großer Weltliteratur, endet er meist in einem mindestens ebenso großen Besäufnis.

Trinken

Die Iren sind ein trinkfreudiges Volk; der Pub ist, wenn schon nicht das verlängerte Wohnzimmer, dann doch ihre allabendliche Anlaufstelle, wo zu Livemusik und Irish-Dance-Vorführungen ordentlich gebechert wird. Wie Bier und Whiskey hergestellt werden, können Interessierte in Dublin erleben: Hier empfiehlt sich ein Besuch bei Guinness, wo das dunkel-cremige Bier gebraut wird. Öffentliche Touren durch die Brauerei gibt es aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen zwar nicht mehr, doch das „Guinness Storehouse“ am St James’s Gate gilt mittlerweile als Irlands beliebteste Touristenattraktion. Hier erfährt der Besucher alles über Arthur Guinness und die 250-jährige Geschichte seines Bieres. Nach dem Rundgang kann er dann in der „Gravity Bar“ bei einem Pint Guinness den 360-Grad-Panoramablick über Dublin genießen.

Hochprozentiger wird es bei Jameson. Gebrannt wird dieser Whiskey, der zu den weltweit bekanntesten gehört, mittlerweile nicht mehr in Dublin, sondern in Midleton im County Cork im Süden der Insel. Die Jameson Old Distillery in der Bow Street ist jetzt eine Schaubrennerei. Hier wird multimedial erklärt, wie aus Gerste, Mais und Wasser Whiskey wird – und anschließend getestet, ob die drei Destilliervorgänge die Spirituose wirklich so mild und ausgewogen machen, wie es behauptet wird.

Sport

Wie rau, kämpferisch und hart im Nehmen sie sind, zeigen die Iren am liebsten auf dem Spielfeld. Wer die irische Seele wirklich verstehen will, muss also ins Stadion gehen. Da wäre zum einen Gaelic Football. Diese Ballsportart wird, anders als es der Name vermuten lässt, mehr mit der Hand als mit dem Fuß gespielt. Rempeln und Schubsen ist dabei ausdrücklich erlaubt; wer stürzt, steht sofort wieder auf und spielt weiter, trotz etwaiger Verletzungen. Noch mehr draufhauen können die Iren beim Hurling (die Variante für Frauen nennt sich Camogie) – und das im wahrsten Wortsinn. Für dieses Spiel haben sie nämlich noch den Hurley. Mit diesem Schläger aus Eschenholz wird ein kleiner Lederball in oder über das gegnerische Tor befördert, beides bringt Punkte. Profis schaffen es, den Ball mit einer Geschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern um die 80 Meter weit über das Feld zu schlagen. Ansonsten erinnert die Mannschaftssportart, die angeblich die älteste und schnellste der Welt sein soll, an eine eigentümliche Mischung aus Hockey und Eierlaufen.

Gaelic Football und Hurling sind die wichtigsten Vertreter der ziemlich speziellen irischen Sportarten. Für die gibt es sogar eine eigene Organisation: die „Gaelic Athletic Association“ (GAA). Gegründet wurde sie 1884, um der Bevölkerung ein breites sportliches Betätigungsfeld zu bieten. Sie galt aber auch als politisches Signal an nationalistisch gesinnte Iren einerseits und die britischen Besatzer andererseits. 2200 GAA-Klubs gibt es mittlerweile in Irland, 93 davon allein in Dublin, damit ist sie die größte Amateursportvereinigung der Welt. Klubgründungen gibt es im Ausland überall dort, wo sich mehr als zwei Iren treffen, selbst in der Mongolei oder in Argentinien.

„Home of the GAA“ ist das 1913 eröffnete Croke Park Stadium in Dublin. Das nach GAA-Schirmherr Erzbischof Thomas William Croke benannte Stadion ist das größte Irlands und das fünftgrößte Europas mit Platz für mehr als 82.000 Zuschauer. Hier gibt es auch ein Museum mit zahlreichen Ausstellungsstücken vom Pokal bis zum Trikot sowie Fotos berühmter Spieler. Auf einer interaktiven Fläche können Besucher Bälle gegen eine Torwand schießen oder in einem abgegrenzten Bereich selbst den Hurley schwingen.

Musik

Um einiges komplizierter ist es, einem Dudelsack einen vernünftigen Ton zu entlocken. Da tröstet es nur wenig, dass man den kleinen Finger nicht dafür braucht: Ein Sprichwort lautet „Chomh díomhaoin le laidhricín píobaire“ und heißt übersetzt „Untätig wie der kleine Finger eines Dudelsackspielers“. Die „Uilleann Pipe“ gehört wie Fiedel, Flöte oder Trommel zu den traditionellen irischen Musikinstrumenten.

„Uilleann“ heißt Ellenbogen, denn im Gegensatz zum schottischen Dudelsack wird die Luft nicht mit dem Mund hineingeblasen, sondern über die Armbeuge hineingepumpt. Dadurch ist das Instrument leiser und kann auch in Innenräumen gespielt werden, ohne dass den Zuhörern die Ohren abfallen. Glaubt man der Legende, hat das seine Ursache in der Besatzungszeit. Damals verboten die Engländer die irische Kultur und damit auch das Spielen auf dem Dudelsack. Das nahmen die aufmüpfigen Iren natürlich nicht so ohne Weiteres hin und bauten das Instrument einfach um.

Wie dem auch sei: Bevor man einigermaßen vernünftig darauf spielen kann, vergehen drei bis vier Jahre harten Übens, für einen guten Dudelsack aus feinsten Materialien können bis zu 20.000 Euro fällig sein, die Billigvarianten beginnen bei 500 Euro. All das erfahren Besucher des „Piper’s Club“ in der Henrietta Street, wo es natürlich auch eine Kostprobe des „Sound of Ireland“ gibt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourism Ireland.