Im Berliner " Hotel Augusta “ an der Ecke Kurfürstendamm/Fasanenstraße wird Hauptstadt-Biedermeier geboten. Großbürgerliche Fassadenpracht, die Freitreppe mit einem roten Teppich bespannt, hohe Decken und Fenster, das Mobiliar im "Laura-Ashley-Stil“, wie Danuta Lippoth sagt, die das Haus leitet. Mehr als die Hälfte der Gäste legt auf den Rezeptionstresen einen ausländischen Pass, viele kommen seit Jahren. In Italien muss das plüschige Hotel mit seinen 46 Zimmern Kultstatus besitzen, Gäste von dort seien immer da. "Wir wissen nicht genau, warum“, gibt Danuta Lippoth zu. "Kommen fünf Italiener ins Haus, tun sie es mit dem Lärmpegel von hundert! Sie sind uns willkommen.“

Italiener lieben deutsches Biedermeier. Es ist solide und verschafft ihnen offenkundig ein Gefühl von Geborgenheit, das sie derzeit in ihrem politisch unruhigen Land vermissen. Warum besuchen überhaupt immer mehr Ausländer Deutschland? Seit 2010 ist es die Nummer zwei in Europa, zehn Prozent Zuwachs in einem Jahr. Die Nummer eins, Spanien, verzeichnete letztes Jahr nur ein Plus von zwei Prozent. In deutschen Unterkünften jeder Art haben 2010 60,3 Millionen Ausländer übernachtet (2009: 56,5 Millionen). Wohin aber reisen Angehörige einzelner Nationen im Land, und warum?

Briten lieben Bayern, dort haben sie die Berge, die es auf ihrer Insel nicht gibt. Belgier mögen Rheinland-Pfalz, es grenzt so schön an ihr Königreich. Dänen zieht es nach Berlin, fast eine halbe Million kommt pro Jahr in die deutsche Hauptstadt. Auch Schweden favorisieren Berlin, im Schnitt bleiben sie vier Tage. Lieblingsbundesländer der Polen sind Bayern und Nordrhein-Westfalen. Auch Russen bevorzugen Bayern, gleich danach aber Berlin und Baden-Baden. Schweizer stehen auf Baden-Württemberg, denn Alemannen müssen zusammenhalten und dort brauchen Einheimische und Zugereiste kein Hochdeutsch zu können. Auch Österreicher, Italiener und Ungarn machen sich gern in Bayern gemütliche Tage. Und Niederländer sehen in Deutschland keineswegs nur den Transitkorridor in Richtung Süden und Sonne. Die Niederlande, so Norbert Tödter von der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), ist "Quellmarkt Nummer eins“. 3,9 Millionen Holländer (plus 6,1 Prozent) waren letztes Jahr hier, gefolgt von 2,2 Millionen US-Amerikanern (plus 13,8 Prozent), 2,0 Millionen Schweizern (plus 9,2 Prozent), 1,9 Millionen Briten (plus 13,5 Prozent), 1,5 Millionen Italienern (plus 5,5 Prozent) und 1,3 Millionen Österreichern (plus 10,8 Prozent). Gezählt sind alle Reisen, auch geschäftliche und private, reine Urlaubsreisen weist die DZT mit 56 Prozent aus.

Holländer mögen Berlin, aber 260.000 auch den Ort Medebach in Nordrhein-Westfalen, 175.000 Sonnenberg in Rheinland-Pfalz und 150.000 Willingen in Hessen – wegen der dortigen Ferienparks. Auch Kalkar in Nordrhein-Westfalen erscheint Holländern attraktiv, denn dort gibt es den Freizeitpark "Wunderland“. Die meisten Niederländer aber gehen ins Gebiet Mosel/Saar, weil dort der rustikale Camping- und Bungalow-Urlaub preiswert ist. Das Angebot im mittelgebirgigen Rheinland-Pfalz entzückt Holländer wegen der landschaftlichen Schönheit an Mosel und Saar!

Bei den 61 Millionen Briten hat das Land des immerwährenden Fußballfeinds gute Karten. Nach Bayern und Berlin mögen Briten besonders Nordrhein-Westfalen. Juliane Hildebrandt von Düsseldorf Marketing & Tourismus sagt, die Landeshauptstadt habe 2010 so viele Besucher gehabt wie noch nie (1,4 Millionen, plus elf Prozent), allen voran Briten (136.600), die das Bier, die entspannte Atmosphäre der Rheinmetropole und die futuristische Architektur – in dieser Reihenfolge – schätzen. Wichtigster Anlaufpunkt: Düsseldorfs Altstadt. Briten sind aber auch in Dortmund, Bochum und anderswo im Ruhrpott, sie mögen den morbiden Industriecharme.

Die Belgier, ein Zehn-Millionen-Volk, sickern mit mehr als einer Million beim Nachbarn ein. Die Dänen sind nur 5,5 Millionen, dennoch scheuen 1,2 Millionen der reisefreudigen Wikinger-Nachfahren weder Mühen noch Kosten, um Deutschland von Nord bis Süd kennenzulernen. Schweden, eine 9,1-Millionen-Bevölkerung, schickt 860.000 Landsleute, Tagesbesuche mitgerechnet.

Für US-Amerikaner ist Deutschland als Reiseziel in Europa auf Rang vier, das reicht für 2,2 Millionen Touristen, die sich freuen, dass hierzulande so viel Englisch verstanden wird und es so viele Altertümer gibt, die älter sind als unglaubliche 300 Jahre. Chinesen, die meist weder Englisch noch Deutsch radebrechen, schaffen es dennoch auf 510.000 Neugierige. Japaner auf knapp 605.000, die Südkoreaner auf 144.000. Auch Australier, Neuseeländer und Südsee-Insulaner bringen es auf insgesamt 320.000 Ankünfte in unserem Land.

Auffällig sind die Besonderheiten. Der China-Tourismus nach Deutschland verzeichnet jährliche Rekordzuwächse, aber nicht bei Sehenswürdigkeiten. Mindestens 12.500 Chinesen besuchen im Rahmen von Gruppenreisen Trier. Nicht wegen der Porta Nigra, sondern wegen des Geburtshauses von Karl Marx. Er genießt im Reich der Mitte höchste Anerkennung. An der Hauswand prangt das Konterfei von Karl Marx. "Die meisten Besucher aus China lassen sich dort fotografieren“, sagt Patricia Ellendt von der Tourist-Information Trier . Selbst auf Reisen Richtung Paris wird die Route so gelegt, dass es für einen Fotostopp reicht. Zudem legen Chinesen Wert darauf, am letzten Tag vor der Abreise in Frankfurt genügend Zeit zu haben, um durch Kaufhäuser zu streifen und um bei "Zwilling“ Scheren und andere Stahlwaren zu erwerben. Kirsten Alici von Zwilling darf nicht sagen, wie viele Chinesen Kunden sind, entringt sich aber den Satz: "Sie sind sehr gern gesehene Gäste.“

Kulturtouristen zieht es neuerdings nach Chemnitz, in die kleine Dritte im sächsischen Städtebund mit Dresden und Leipzig. Über 81.000 ausländische Gäste waren in der einstigen Industriestadt, die einen guten Kultur-Dreh hinbekommen hat. Sie hat sich den Titel "Stadt der Moderne“ verpasst, in einem verlassenen Fabrikareal das Industriemuseum mit ersten Loks und Autos – Chemnitz ist Wiege des deutschen Automobilbaus – hallenweit eingerichtet, und es gibt ein Theater und ein neues Kunstmuseum. Sylvia Haase von Chemnitz-Tourismus freut sich über den Zuwachs der Auslandsgäste um 19,9 Prozent 2010. Sie kommen aus ganz Europa, aber auch aus Asien und den USA. Das Sächsische Burgen- und Heideland hat spezielle Auslandsgäste: Das liegt an Colditz, überragt von einer massiven Burg, in der im Zweiten Weltkrieg Offiziere der Alliierten gefangen waren. In England gibt es darüber Heldenbücher und TV-Serien, Veteranen reisen mit Urenkeln an. Und zum Elbe-Day in Torgau – auf der Brücke gaben sich 1945 Sowjets und US-Soldaten die Hand – kommen Tausende, sogar aus Übersee.