Vor einiger Zeit war ich nach langer Abwesenheit wieder einmal in Tübingen zu Gast, in jener Stadt, in der ich als Student meine ersten beiden Jahre in Deutschland verbracht hatte. Bei dieser Gelegenheit stieg ich auch auf den Österberg hinauf, um das alte Verbindungshaus meines Corps wiederzusehen, in dem ich damals zusammen mit meinen Kommilitonen untergebracht war. Die Schlafzimmer, der Gemeinschaftsraum, die Terrasse, der Garten: Alles schien noch wie damals, als sei es mit meinem Weggang in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen.

Ich ging die Treppe hinunter in den Keller, wo sich die "Kneipe" befand, und sogleich schlug mir der altvertraute leicht süßliche Geruch des Bieres entgegen - und mit diesem kehrte die Erinnerung an meinen ersten Tag auf dem Österberg im Oktober 1969 zurück. An jenem Abend wurde ich als Fuchs renonciert, und meine Kommilitonen nutzten die Unerfahrenheit des Novizen mit dem Gerstensaft hemmungslos aus.

Vordem waren meine Kenntnisse über das deutsche Nationalgetränk hauptsächlich aufs Theoretische beschränkt. Wohl wusste ich - nicht zuletzt dank unserer Lehrer an der Deutschen Schule in Addis Abeba - Pils, Weiß- und Starkbier leidlich zu unterscheiden, aber von den wunderbar-feinen Verästelungen der deutschen Bierlandschaft hatte ich nicht die geringste Ahnung. In unserem Deutschbuch prangte unter weiß-blauem Himmel verheißungsvoll das Münchner Hofbräuhaus, und wir sahen ausgelassene Paare in Dirndl und Lederhosen in Bierzelten tanzen.

Von der Ferne aus betrachtet, schien es so, als stünden in jedem Ort Deutschlands neben dem Rathaus ein Hofbräuhaus und ein zünftiges Bierzelt, in dem die Plattlinger Isarspatzen aufspielen und ein dralles Biermädchen namens Zenzi, Resi oder Marie, fünf schäumende Masskrüge in jeder Hand, durstigen Kehlen "flüssiges Brot" kredenzt.

Und so ganz irrig war die Vorstellung ja nicht. 5000 verschiedene Biersorten soll es heute in Deutschland geben. Mögen auch viele kleine Brauereien verschwunden sein: Vielerorts und vor allem im Süden des Landes hat man sich den Stolz auf das Bier aus der heimischen Brauerei bewahrt. Fast jedes süddeutsche Städtchen feiert einmal im Jahr seine "Kirchweih", zu der ein Bierzelt selbstverständlich nicht fehlen darf.

Wer jemals eine der altehrwürdigen bayerischen Klosterbrauereien besucht hat, weiß, dass sich ein Leben im Dienste Gottes und ein Leben im Dienste des Bieres keineswegs ausschließen. Das Florieren der Klosterbrauereien verdankt sich den strengen Fastenregeln mancher Orden, die ihren Brüdern während der Fastenzeiten nur flüssige Nahrung gestatteten.

Wer einmal an einem sonnigen Frühlingsvormittag auf dem Münchner Viktualienmarkt ein Weißwurstfrühstück erleben durfte, vor sich auf dem Teller zwei Würste mit süßem Senf und eine Brez'n und dazu ein in der Morgensonne glänzendes schaumgekröntes Weißbier, dem wird es ganz selbstverständlich erscheinen, dass über viele Jahrhunderte hinweg in Deutschland Biersuppe das traditionelle Frühstück war, bevor diese vom Kaffee verdrängt wurde.

Wird das Bier im katholischen Süden Deutschlands mehr geschätzt als im protestantischen Norden? Man hüte sich vor allzu pauschalen Grenzziehungen. In den deutschen Weinregionen an Rhein, Main und Mosel wurde und wird zumeist dem Schoppen der Vorzug gegeben. Martin Luther in Wittenberg konnte sich glücklich schätzen, dass er eine tüchtige Frau besaß, die ihm nicht nur den Haushalt führte, sondern sich auch aufs Bierbrauen verstand. Nach kaum etwas sehnte sich der Reformator auf Reisen so sehr wie nach einer "Pfloschen Bier" aus dem heimischen Keller, gebraut von "Herrn Käthe", wie er seine patente Gattin zu nennen pflegte.

Im niedersächsischen Städtchen Einbeck lag einst das Zentrum der norddeutschen Braukunst mit Hunderten von Brauereien - aus dem Jahr 1351 sind die ersten Bierexporte des Einbecker Bocks belegt. In Bremen, wo man ebenfalls stolz ist auf seine Brautradition, wird bei der ehrwürdigen Schaffermahlzeit als dritter Gang das sogenannte Seefahrtsbier gereicht. Das dickflüssige, süße und alkoholfreie Bier, das einst die Matrosen auf hoher See gegen Skorbut schützte, wird heute ausschließlich für die Schaffermahlzeit gebraut und aus einem Silberhumpen getrunken.

Manchen Bayern mag es schütteln, wenn er in einem Biergarten der Hauptstadt eine Berliner Weiße serviert bekommt, aber die Berliner wissen sie seit Jahrhunderten zu schätzen, ob in der roten Variante mit Himbeer- oder in der grünen mit Waldmeistersirup - und nicht nur sie: Napoleons Soldaten, die Anfang des 19. Jahrhunderts mit ihr in Berührung kamen, adelten sie mit dem Titel "Champagne du Nord".

Vor allem an Rhein und Ruhr und im Norddeutschen ist die Sitte beheimatet, zum Bier einen Korn zu reichen, in Berlin spricht man von Molle und Korn. Und in Hannover ist nicht nur zur Zeit des großen Schützenfestes die Lüttje Lage, bestehend aus einem kleinen Glas Bier und einem Korn, beliebt. Deren Handhabung will gelernt sein: Man nimmt das Bierglas zwischen Daumen und Zeigefinger, den Korn zwischen Mittel- und Ringfinger. Die Gläser werden so angesetzt, dass das Schnapsglas ein paar Millimeter über dem Bierglas liegt, dann werden, den Kopf in den Nacken gelegt, Korn und Bier zusammen in einem Zug getrunken.

"Ein Prosit der Gemütlichkeit" wird also, wie ich feststellen durfte, keineswegs nur auf dem Münchner Oktoberfest angestimmt. Gemütlichkeit, das ist ein deutsches Wort und ein Lebensgefühl, für das es bekanntlich in anderen Sprachen keine Entsprechung gibt.

Auszug aus Asfa-Wossen Asserate: "Draußen nur Kännchen", Scherz, 189 Seiten, 18,95 Euro