Zu morsch, zu flach, zu langweilig: Viele der alten Seebrücken in den deutschen Ostseebädern sind in die Jahre gekommen und müssen nun ersetzt werden. Mit teilweise spektakulären Neubauten geraten die einstigen Anleger der Kaiseryachten zu Tummel- und Serviceplätzen für Wassersportler – mit asiatischem Teehaus in Timmendorfer Strand, mit Sonnen- und Badedecks in Heiligenhafen oder mit Spiel- und Ruhebereichen in Niendorf. Das alte Travemünde könnte sogar eine Brücke geschenkt bekommen, die der im südenglischen Seebad Brighton ähnelt.

Ein Geschenk wird auch die neue Seebrücke von Timmendorfer Strand krönen: Der Hamburger Unternehmer und ehemalige HSV-Präsident Jürgen Hunke spendiert seiner Wahlheimat am Ostseestrand ein gläsernes Teehaus über den Wellen, mit abgestuften Sitzplätzen ringsum. Eine Million Euro gibt der Liebhaber asiatischer Kultur dafür aus. Und er schießt noch einmal 200.000 Euro für die tempelgerechte Erhöhung des Unterbaus zu.

Ein überaus großzügiges Geschenk, und doch hatte es auch einigen Widerstand im Ort gegen Hunkes Offerte gegeben. Ein Pagodendach passe nicht zur schleswig-holsteinischen Bäderarchitektur, argumentierten die Gegner des Baus, fanden aber dann doch keine Mehrheit für ihre Haltung.

Wirklich verwundern kann indes das zustimmende Ergebnis des Bürgerentscheids nicht, denn letztlich ist ein asiatischer Tee-Tempel über dem Flachwasser des Ostseestrandes nur eine konsequente Krönung einer luxuriösen Anleger-Meile für Spaßsegler an der Lübecker Bucht. Die sollen hier anspruchsvolle Alternativen zur Bordküche finden sowie ein schickes Ambiente für Partys mit deutlich mehr Gästen, als das eigene Boot aufnehmen kann.

So exotisch wie in Timmendorfer Strand wird die neue Seebrücke im benachbarten Gemeindeteil Niendorf kaum ausfallen, finanziell leiden solle sie aber nicht unter dem Pagodenbau, sagt Bürgermeister Volker Popp. In Niendorf wird die neue Plattform für den Gang übers Wasser exakt dort entstehen, wo die alte Brücke nun so marode geworden ist, dass sie schon bei einer Wellenhöhe von 1,50 Metern nicht mehr betreten werden darf. Sie muss abgerissen werden.

Wie die neue Seebrücke aussehen soll, ist noch nicht entschieden. "Eine schlichte Brücke, auf der man rauf- und wieder runterläuft und die außer frischer Luft und Meerblick nichts bietet, wird bei uns nicht mehr gebaut", sagt Popp. Eine Brücke müsse heute Inhalte bieten. Für Niendorf, das sowohl Familien als auch etwas ältere Menschen als Hauptklientel hat, bedeutet das: originelle Spiel- und gepflegte Rastplätze.

Um all das bieten zu können, muss Niendorfs neue Brücke auch eine stattliche Größe haben: etwa 160 Meter lang, fünf Meter breit und um die 4,80 Meter hoch. Dies ist auch dem Klimawandel geschuldet - die Brücke wird gewissermaßen auf Vorrat gebaut, ihre Höhe soll ein mögliches Ansteigen des Ostseepegels in den nächsten Jahren berücksichtigen.

Im Lübecker Stadtteil Travemünde spielt Geld lediglich eine Nebenrolle - die Hansestadt hat sowieso keins, und Wünschenswertes wird gewöhnlich gestiftet oder geschenkt. Zum Beispiel von Lisa Dräger, der Grande Dame des örtlichen Mäzenatentums, die ihrer Heimatstadt neben vielem anderen auch schon ein seetüchtiges Hanseschiff beschert hat. Bereits vor drei Jahren war sie davon überzeugt, dass Travemünde eine richtige Seebrücke brauche und nicht nur einen schlichten Schlendersteg mit Sitz- und Guck-Bänken, wie er nun im Zuge der laufenden Erneuerung der Seepromenade entsteht.

Um aus "Lübecks schönster Tochter" wieder "die Nummer eins der Ostseebäder" zu machen, ließ sie etwas Großes und Historisches wie im südenglischen Brighton planen, wo die Mutter aller Seebrücken steht: Eine 500-Meter-Brücke hat Lisa Dräger vom italienischen Architekten Roberto Pirzio-Biroli und dessen Lübecker Kollegen Mattias Menzel entwerfen lassen. Obendrein kündigte sie an, die Baukosten in Höhe von zehn Millionen Euro beschaffen zu wollen - bei sich selbst und weiteren Sponsoren.

Als Lisa Dräger mit dieser Idee in die Offensive ging, lange bevor die Pläne bei den Konkurrenten an der Küste reiften, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Inzwischen hat Travemünde begonnen, seine 1,7 Kilometer lange Promenade aufwendig zu sanieren, und eine politische Mehrheit findet die Dräger-Vision in der rot-rot-grünen Bürgerschaft derzeit nicht.

Aber: "Die Pläne gibt es ja", sagt Architekt Menzel. Die hält er nach wie vor für "großartig und zukunftsfähig": eine Brücke parallel zur Promenade, mit geschützten Anlegern und Liegeplätzen auf der Strandseite, mit Bade- und Spielplätzen auf der Seeseite, mit einem Tag- und Nacht-Café, von dem aus der Skipper sein Boot im Blick behalten und es auch nach ausgedehnten Feiern komfortabel erreichen kann. Eine schöne Vision, für die man, wie es aussieht, aber andere politische Mehrheiten braucht.

Anders als Lübeck dreht Heiligenhafen schon am großen Rad: Im September ist Baubeginn für die 5,3 Millionen Euro teure Erlebnis-Seebrücke, die als das spektakulärste Bauwerk an der Küste gilt: Auf einem 3,50 Meter breiten Steg geht es zunächst schnurgerade 210 Meter auf die Ostsee hinaus.

In einem Winkel wird dann ein Flanierbereich in einer Länge von 100 Metern angedockt, der sich verbreitert und in seinem Verlauf um 2,65 Meter ansteigt. Auf diesem Weg geht es zum Sonnen- und Ruhedeck mit Liegen und Hängematten. Der gesamte Bereich wird durch Glasscheiben und Überdachungen wettergeschützt gestaltet.

Abermals im Winkel zweigt dann der dritte Teil der Brücke ab, an dessen Ende sich eine Art Freibad auftut - mit Umkleidekabinen, Liegebänken, einer Wasserrutsche und einer Badeinsel. Da muss der Skipper aufpassen, dass er hinterher seine Familie wieder an Bord bekommt.