Flusskreuzfahrt

Auf dem Mekong durch Kambodscha – ein Land voller Schätze

Eine Tour mit dem Luxusschiff „RV Indochine II“ durch Kambodscha. Das Land und seine Kultur öffnen sich verstärkt für den Tourismus.

Die Tempelanlage Angkor Wat liegt wenige Kilometer vom Mekong entfernt und ist das Ziel einer der Landausflüge, die zu der Kreuzfahrt gehören.

Die Tempelanlage Angkor Wat liegt wenige Kilometer vom Mekong entfernt und ist das Ziel einer der Landausflüge, die zu der Kreuzfahrt gehören.

Foto: TAMVISUT / Getty Images

Siem Reap.  Rund 500 Meter per Motorboot in die Provinzhauptstadt Kampong Chhnang, dann vom See-Ufer 20 Minuten mit einem polternden Minibus an bunten Markständen vorbei in die Tiefen des Tropenwalds, zuletzt noch ein Fußmarsch über grauen Staub eines ausgetretenen Pfads. Man wähnt sich fernab jeden Fortschritts.

Doch als wir im 20-Einwohner-Dorf unter das mit Palmenblättern ausgelegte Dach einer Werkstatt treten und kurz darauf eine Kamera hervorholen, springen prompt die zehn- und zwölfjährigen Töchter der Töpferin selbstbewusst ins Bild, posieren mit Victory-Zeichen und Schmollmund. Genau so, wie man es von Millionen Internetbildern der Jugendlichen zwischen New York und Paris kennt. Ganz klar: Kambodscha hat Verbindung aufgenommen zur westlichen Welt.

Weniger Sightseeing, mehr Erleben

Es gibt „Reisen“ und „Urlaub ­machen“. Kambodscha ist „Reisen“. Denn wo tagsüber Badehosen-Wetter herrscht, aber selbst ausgebuffte Guides nie genau wissen, wann in der Monsunzeit der nächste Regenguss kommt, und wo nach Jahrzehnten politischer Unruhen das Land versucht, wirtschaftlich wieder in Bewegung zu kommen, da ist eine Tour durch Kambodscha weniger entspanntes Sightseeing als aufmerk­sames Erleben.

Unterwegs auf dem Luxusschiff „RV ­Indochine II“ erfährt man beides. 31 Kabinen, 62 Passagiere. Jedes „Zimmer“ hat einen eigenen Balkon. Treffpunkte sind das Oberdeck mit Pool und einer Lounge wie aus dem James-Bond-Film, samt Panoramafenstern, asiatischen Vasen und szenigen Metallleuchtern an der Decke. Eine Crew von 29 Einheimischen kümmert sich dort und im lichtdurchfluteten Restaurant zuvorkommend mit asiatischen Gerichten von französischer Qualität und Lieblingsweinen der Straßburger Eigentümerfirma Schmitter um die Gäste.

Das 1976 gegründete Unternehmen Croisi Europe ist mit 45 Schiffen auf Seewegen in Europa, Asien und seit ­Dezember 2017 auf dem Sambesi in ­Afrika unterwegs. An der ersten Woche einer Mekong-Flussfahrt, zu der für ­Privatreisende anschließend noch vier Tage Vietnam gehören, nehmen wir teil.

Angkor Wat: Zwei Millionen Touristen jährlich

Die Stadt Siem Reap ist Abfahrtsort. Von dort starten Touren ins acht Kilometer entfernte Angkor, das zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert politisches und religiöses Zentrum des Khmer-Reichs war. Mit den Tempelanlagen von Angkor Wat und der von Wurzeln überwucherten Stadt Angkor Thom ist es seit 1992 Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Mehr als zwei Millionen Touristen wollen das jährlich sehen – auch wegen Angelina Jolie, die dort den Actionfilm „Tomb Raider“ drehte. „Es gibt 117 ­Hotels in der Stadt“, sagt unser Guide Sakhoeun und schmunzelt. „Rund 90 Prozent haben irgendwie das Wort Angkor im Namen.“

Ein warmer Wolkenbruch geht nieder, als wir Angkor Wat entgegenlaufen. Menschen und die eben noch umherstreifenden Makaken-Affen retten sich ins Trockene. In den Tempelgängen, ­deren Wände Schlachtenbilder und die anmutigen himmlischen Apsara-Tänzerinnen zieren, verläuft man sich gern. Wasser stürzt wie seit Jahrhunderten auf die Sandsteinkonstruktionen, aus einem Innenhof hallt ein kristallenes Echo wider. Ein Mönchs­anwärter im Teenageralter fegt schicksalsergeben mit langem Besen den ­Regen aus einem Säulengang.

Die Wachstumsrate des Landes liegt bei 6,8 Prozent

Die Tempelanlage ist das Aushängeschild einer Tourismusbranche, die ­neidisch auf Jahreseinnahmen von 48,1 Milliarden Dollar (2015) des Nachbarn Thailand blickt. Nach Regierungsdaten wuchs immerhin auch die Zahl von Kambodscha-Reisenden: in den ­vergangenen zehn Jahren von zwei auf fünf Millionen 2016. Sie brachten 3,2 Milliarden Dollar ins Land.

Aus der Bundesrepublik kamen von Januar bis April 2017 mit 58.000 Deutschen gut zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die World Bank Group bescheinigt dem Land eine Wachstumsrate von 6,8 Prozent. Vor allem durch Textilindustrie und Tourismus.

Wenn es nicht regnet, herrscht die Hitze eines Dampfbades

Dieser fällt während der regnerischen Monsunzeit jedoch nicht sehr ins Auge. So nehmen Straßenszenen in Siem Reap und später Phnom Penh ganz unverfälscht die Sinne des Gastes gefangen: Da steckt eine Blumenfrau unter einem Sonnenschirm bündelweise zarte Lotusblüten zusammen, die Bäume sind schwarz vor Fledermäusen, die wie ein Haufen streitender Hexen im Gruselfilm kreischen. Aus dem kleinen Tempel auf einer Verkehrsinsel weht uns der Duft von Räucherstäbchen entgegen.

Tiefe Trommelschläge künden von ­einer heiligen Periode im Kalender frommer Kambodschaner. Man begeht das Totenfest der Pchum-Ben-Tage, an denen mindestens drei Tempel zu besuchen und dort Blüten oder als Speise der Geister Reis über den Boden auszubreiten sind. „Selbst die Toten aus der Hölle bekommen Ausgang“, erklärt uns Guide Sakhoeun. Um den heiligen Ort sausen die Motorräder, darauf oft Familien. ­Vater vorn, Mutter hinten, in der Mitte die Kinder. Frauen, die nicht steuern, nehmen den Damensitz ein, beide Beine auf einer Seite. Das sieht züchtig aus. Aber auch lebensmüde.

Dampfbad-Hitze und Dengue-Fieber

Wenn es nicht regnet, herrscht hier die Hitze eines Dampfbades. Nie waren wir vor einer Reise in der Bekanntschaft so oft vor drohenden Gefahren gewarnt worden. Insektenspray als Schutz vor Dengue-Fieber ist allerdings tatsächlich zwingend. Sakhoeun dagegen, der gern von seinen fünf Magdeburger Jahren als Student im Wohlstand der DDR erzählt, berichtet Verwunderliches über das ­lokale Ungeziefer: „Ich brauche kein ­Insektenspray. Die Mücken wollen nur Blut von Europäern.“

Auf dem Weg nach Phnom Penh, zum Silbertempel und den Goldschätzen im Königspalast, nimmt die „RV Indochine II“ das Tempo aus der Tour. Vor dem Fenster unserer Kabine zieht in Schritt­geschwindigkeit das Ufer des Mekong vorbei. Fischer mit kreisrunden geflochtenen Hüten werfen ihre Netze aus. Zwischen Mangroven und Palmen springen Kinder von den verwitterten Pfahlbauten ins Wasser und winken.

Eine Reise mit viel Unvorhersehbarem

In dem behüteten Umfeld von ­Luxusschiff und Tourprogramm bemerkt der Reisende nichts vom politischen Klima der Einschüchterung, das das Land derzeit beherrscht. Im Juni 2018 stehen Wahlen zur Nationalversammlung an, und nach 32 Jahren an der Macht ist Regierungschef Hun Sen, einst selbst Kader von Pol Pots mörderischen Roten Khmer, nicht bereit, nur ein Stück davon aufzugeben. Opposi­tionelle werden weggesperrt, kritische Medien ausgeschaltet.

Die unlautere Einflussnahme dringt offenbar in jeden Winkel des kambodschanischen Alltags vor. An einem Morgen in Phnom Penh wollen wir auf das Internet von „Gloria Jean’s Coffeeshop“ im Hafen ausweichen. Der Latte kostet für den Normalbürger unerschwingliche vier Dollar, der Einrichtung nach würde der Laden in jede westliche Großstadt passen. Was nicht passt, ist ein Hüne im orangefarbenen Uttarasa, dem Gewand der buddhistischen Mönche, der sich an einem Lounge-Tisch ausruht.

Das einzig Vorhersehbare ist der Regen

Der fast kahle Mann mit wasserblauen Augen und dem sonor-warmen Tonfall tiefenentspannter New Yorker stellt sich als Brother Mark vor. Die Hände des 54-Jährigen sind außen und innen mit religiösen Symbolen tätowiert. „Früher hatte ich in den USA eine Werkstatt, ich restaurierte wertvolle Möbel für reiche Leute“, sagt er. Vor 15 Jahren gab er es auf, ging nach Südostasien und ist heute: Mönch. „Aber die hiesige Regierung griff ins Leben meines Tempels ein.“ Er sei im Streit gegangen.

Als wir einige Minuten später aufschauen, ist der Amerikaner im Gedränge verschwunden. Über dem Mekong geht ein Wolkenbruch nieder. Wir hasten die Rampe zum Schiff hinunter, binnen Sekunden durchnässt bis auf die Haut und doch bestens gelaunt: Auf einer Reise, die uns an jeder Ecke mit Unvorhersehbarem konfrontiert, ist auf den täglichen Regenguss Verlass.

Tipps & Informationen

Die Tour Die Flusskreuzfahrt von Siem Reap nach Ho-Chi-Minh-Stadt und umgekehrt auf der „RV Indochine II“ kostet in der Doppelkabine auf dem Hauptdeck inkl. VP p. P. ab 2572 Euro. Termine und Buchung unter www.meinfluss.de, in jedem Reisebüro und direkt beim Reise-veranstalter Anton Götten unter der Tel. 0681/ 30 32 555.


(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch CroisiEurope.)

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