Sommerfrische

Von New York über den Highway ins Glück von Long Island

Entspannt nach außen, aber stets elegant: New Yorker besuchen die Halbinsel Long Island an den Wochenenden oder den ganzen Sommer über.

Blick von Hunter’s Point im South-Waterfront-Park in Long Island.

Blick von Hunter’s Point im South-Waterfront-Park in Long Island.

Foto: Pygmalion Karatzas / imago/Arcaid Images

Sag Harbor. Es wird der Punkt der Entscheidung kommen, sagt der wildfremde Mann mit dem Käppi. Oben entlang oder unten. In die stillere Gemütlichkeit oder den großen Luxus. „Wir sagen gern: Wenn die Leute eben kurz einkaufen waren, dann haben sie im Norden Gemüse in der Tasche. Und im Süden eine neue Rolex.“ Willkommen auf Long Island! Und viel Glück bei der Wahl.

Er lächelt und geht. Zurück bleiben der Wiegegesang der Wellen, die Möwen und der Klang des akkurat verlegten ­Boardwalks von Long Beach. Ein paar Dutzend Meilen ist der Wagen aus dem Wahnsinn von New York City durch ­Industrieland geruckelt, ab jetzt reihen sich kleinere Ortschaften mit geschwungenen Lettern auf kleinen Geschäften bis zu 300 Kilometer parallel zur Atlantikküste auf, bis zu jener entscheidenden Wegkreuzung am Ende – in die Nord- und Südgabel der Halbinsel.

Es ist der Highway ins Glück für die Großstädter, die Wall-Street-Banker, Schauspieler, Stars, Maler, Musiker. „Sie kommen her, wann immer es geht, wenigstens für das Wochenende und möglichst den gesamten Sommer, wenn New York City die Hölle sein kann“, sagt Reiseleiterin Maggie LaCasse, die hier aufwuchs, selbst in die Metropole zog und mit Kind und Mann zurück­kehrte.

Long Island könnte nicht nur ­äußerlich mühelos die weltgewandte Großtante der Nordseeküste sein. Entspannt nach außen, aber stets elegant; rauschend das Leben feiernd, aber ihre größten Schätze in simplen Holzschachteln hütend. Die beste Entscheidung lautet, beide Welten der Halbinsel nach­einander zu erkunden.

Im Magic Fountain gibt es absurd gut schmeckendes Eis

Der Entdeckergeist zieht zuerst die Hauptstraße hinauf in Richtung Mattituck im Norden. Ihr Schatzkästchen haben die Bewohner Love Lane genannt, eine kaum 500 Meter lange Straße, man sitzt dort entspannt im Hof bei Kaffee oder Burger, die Sonne bricht an den großen Bäumen.

In den Geschäften sind Spezialisten am Werk, beispielsweise im Village Cheese Shop, wo mal eben die ganze Bandbreite an Käsen mit verschiedenen Trüffelschichten aus aller Welt serviert wird. Ein paar Straßen weiter wartet ­Magic Fountain, ein halbinselweit sagenumwobener Eisladen; wer kein Narr ist, nimmt mindestens zwei absurd gut schmeckende Kugeln. Das Angebot atmet den amerikanischen Traum, der heutzutage heißt: sich alles zu gönnen, was man sich leisten kann, und dabei nur das Beste zu erwarten. Die Stars and Stripes wehen auf nahezu jeder Veranda.

„Lassen Sie uns bloß nicht über Politik reden“, hat Maggie LaCasse zu Anfang gesagt, es sind wilde Zeiten und man fürchtet, dass Touristen durch den orangenen Mann im Weißen Haus abgeschreckt werden. „Die USA sind nicht Trump“, sagt sie dann doch, „wir sind ­alle fassungslos über das, was geschieht.“

Long Island war eine der ersten besiedelten Gegenden der USA, da ist ein besonderer Stolz auf die feierliche Demokratie, den die Bewohner noch immer daraus ziehen. Und doch vergaß das offenbar eine knappe Mehrheit auf Long Island und stimmte 2016 für Trump – er versprach ja unter anderem Steuerkürzungen für Reiche.

Weingüter und Craft-Beer-Restaurants im Norden

Ihr Understatement haben sie im Norden der Halbinsel dennoch nicht verlernt, zum Beispiel nahe Greenport, wo es längst mehr um Wein als Politik geht, und die Anlage Sound View mit Hotel und gehobenem Restaurant zunächst wie ein ramschiges Motel am Straßenrand wirkt. Aber einen Schritt durch die Tür später ist da nur noch hellblaues Panorama mit Privatstrand hinter den Fenstern und gemütlichen Holzmöbeln zu sehen.

„Wir achten noch besonders auf Traditionen, auf die Gemeinschaft“, sagt Teach Mayer, der Manager. Nur dank einer Ausnahmegenehmigung darf der Betrieb so nah am Wasser liegen, sie haben die Holzhütten behutsam renoviert und Kooperationen mit Kulturschaffenden aus dem nahen Ort hergestellt.

Künstler stellen in den Räumen aus, Musiker sitzen wochentags am Piano vor dem Hotelpublikum. „Alles verändert sich, aber das muss hier nicht unbedingt wie die Hamptons im Süden werden“, sagt Teach. Das Gegenrezept ist gesunde Bodenständigkeit.

Entlang der Hauptstraße stehen die Fabrikhäuser der mehr als ein Dutzend Weingüter neben Erlebnisbauernhöfen und Craft-Beer-Restaurants in die Landschaft gewürfelt, im satten Grün probiert man ein Glas, beim anschließenden Bummel durch das kleine Zentrum von Greenport warten Figuren, die einem Comic entstammen könnten.

Da ist ­Waldo, der schrullige Barista mit zuckerwattenem Haar, der einst seine Kaffeerösterei abbrannte und neu eröffnet hat. Er macht den besten Cappuccino, und man bemerkt ihn, wenn er mit seinem Kleintransporter vorbeihupt – das ist hier so sicher wie die Nationalhymne.

Viele Prominente sind auf den Straßen von Long Island zu sehen

Und dann sind es plötzlich nur noch eine Fährenfahrt und ein Zwischenstopp bis zu den berühmten Hamptons: Es geht über Shelter Island, der Name ist Programm. Hier geben die Häuser Schutz, sie sind schon wirklich riesig. Jeder Rasen ist exakt getrimmt, und nur drei Geschäfte lenken die maximal 2000 (Ferien-)Bewohner von dem Tagtraum ab, in dem sie leben.

Auf der Südseite von Long Island empfängt dann Sag Harbor, einst Weltzentrum des Walfangs, heute ein ruhiges, oft nebliges Örtchen mit Harry-Potter-Charme die Besucher – die Yachten wanken ­gemütlich im Wasser, große Straßen­uhren zeigen die Zeit, die hier langsamer zu vergehen scheint.

An der Main Street braucht man keine Paparazzo-Ausbildung, um spätestens nach einigen Tagen Prominente zu erblicken; Mariah Carey zum Beispiel, Alex Baldwin, Bill Clinton, Rap-Star P. Diddy, Sänger Billy Joel oder Designerin Donna Karan. Das bedeutet freilich nicht, dass sie herausgeputzt über die Bordsteine spazieren. Lässigkeit ist Trumpf und die Themen im Ort der Prominenten wie in jedem anderen Dorf – zurzeit der neue Pizzaladen Sag Pizza.

In den Schaufenstern wird hausgemachter Rum aus dem Ort feilgeboten, mit Wal und handgeschriebener Nummer auf dem Etikett. Nicht nur der Kontostand scheint hier noch höher zu sein als im Norden der Insel, sondern auch der Wunsch nach stillem Luxus.

Ein Weg führt unten um die spektakuläre Klippe herum

Das ganze unaufgeregte Spektakel komprimiert sich auch in der „Art Barn“, wie es hier die Menschen nennen, es ist ein Kunstmuseum von internationalem Rang in einem langgezogenen Gebäude, das einer Scheune nachempfunden ist. Die schweizerischen Star-Architekten Herzog & de Meuron haben es in die Landschaft von Water Mill gestellt; und das Innere kann einen für Stunden mühelos verzaubern und verschlingen.

Das Tageslicht flutet die Scheune großzügig, hier frönen sie ebenso dem expressionistischen Stil des ehema­ligen Long Islanders Jackson Pollock wie den Ideen von Kunstinstallateuren aus Afrika, China und Europa.

Selbst wer den ganzen Weg von New York bis an die Ostspitze von Long ­Island im Eiltempo zurückgelegt hat, kann spätestens danach nicht anders, als sich gleichzeitig verlangsamt und erfrischt zu fühlen. Bevor das Land in den Ozean kippt, thront der Leuchtturm von Montauk auf, der die Geburtsstunde der USA miterlebt hat. „Der Bau war zunächst umstritten“, erzählt der Museumsführer. Es brachte gute Beute, ­einfach zu warten, bis englische Schiffe gegen die Felsen prallten und plünderreif waren.

Musikfestivals am Leuchtturm von Montauk

Getragen vom Willen des ­großen George Washington wurde der Leuchtturm eines der ersten öffentlichen Bauwerke der USA. Eine gedrun­gene Treppe führt nach oben, der Wind pfeift herein und füttert die alte Legende, dass es in dem Leuchtturm spuke. Die Belohnung ist der Ausblick und die Gewissheit, dass es von Anfang an keine falsche Entscheidung bei der Reiseplanung auf Long Island geben konnte.

Ein Weg führt unten um die spektakuläre Klippe herum, die Wellen prallen und der Museumsführer erzählt noch, dass der grüngeschwungene Hügel am Leuchtturm auch ein Treffpunkt für die ganz normalen Leute sei. Oft finden dort auch kleinere Musikfestivals statt, im vergangenen Jahr schnappte sich ein Nachbar seine Gitarre und legte einen Spontanauftritt hin. Er hört auf den Namen Paul Simon. (Christoph Heinemann)

Tipps & Informationen

Anreise zum Beispiel mit Delta Airlines oder United ab Berlin nonstop nach Newark, alternativ mit Wow Air über Keflavik oder KLM über Amsterdam.


Die Zugverbindung von den Flug­häfen New Yorks nach Montauk dauert etwa drei Stunden Fahrzeit und kostet rund 30 Euro pro Person, nähere Auskunft unter www.mta.info


Gut zum Übernachten ist zum Beispiel der Hero Beach Club Montauk, 626 Montauk Hwy; www.herobeachclub.com, Doppelzimmer ab 191 Euro pro Nacht – oder das Sag Harbor Inn, 45 W Water St, Sag Harbor; Doppelzimmer ab 145 Euro, www.sagharborinn.com

Auskunft www.discoverlongisland.com

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Discover Long Island.)