Karibik

Nach Hurrikan Irma: So schön ist es auf den Jungferninseln

Die British Virgin Islands wurden 2017 von Hurrikan Irma verwüstet. Jetzt kommen die Urlauber zurück und genießen das lässige Leben.

Katamarane sind beliebt auf den British Virgin Islands.

Katamarane sind beliebt auf den British Virgin Islands.

Foto: Marco Buch

Charlotte Amalie.  Wer in der legendären Strandbar Foxy’s nach dem Wi-Fi-Passwort fragt, der bekommt eine Antwort, die er so schnell nicht vergessen wird. Denn der Code fürs kostenfreie Internet-Surfen lautet irma2017.

Keine andere Kombination aus Buchstaben und Ziffern sagt zurzeit mehr aus über die British Virgin Islands, kurz BVI genannt. Denn irma2017 ist nicht nur die Losung der Smartphone-Jünger an diesem inzwischen wieder heiteren Ort, sondern zugleich die Chiffre einer Apokalypse, aus der mancher glaubte, niemals wiederauferstehen zu können.

Im September 2017 bahnte sich eine Katastrophe an

Am 30. August 2017 hatte sich westlich der Kapverden ein tropischer Sturm zusammengebraut, der sich im Laufe der folgenden Tage zum stärksten Hurrikan aufpumpen sollte, der jemals auf dem offenen Atlantik beobachtet worden war.

Als das Kategorie-fünf-Ungeheuer am 6. September auf Land traf, erwischte es vor allem die Kleinen Antillen mit St. Martin, Antigua und St. Kitts schwer. Kurz darauf waren dann die Jungferninseln und Puerto Rico dran, bevor der Wirbelsturm sehr langsam Richtung Florida weiterzog und auch dort für Panik und Zerstörung sorgte.

Zwar kamen auf den British Virgin Islands durch den Mega-Sturm „nur“ vier Menschen unmittelbar um, bis zu 60 aber sind seitdem an den Spätfolgen gestorben. „Und das nicht, weil sie körperlich so schwer verletzt waren, sondern weil sie keine Kraft für einen Neuanfang hatten“, sagt Ludger Hartz vom BVI Tourist Board.

Der gebürtige Duisburger und seine Lebensgefährtin Gabi Romberg fahren seit über zwei Jahrzehnten mehrmals im Jahr auf die Inseln und wissen deshalb genau, was die knapp 30.000 Einwohner der BVI alles durchmachen mussten. „Kein Gebäude blieb unbeschädigt, überall lagen zerstörte Yachten herum, selbst das Grün der Hügel hatte sich in ein tristes Braun verwandelt.“

„Nature’s little secret“ umfasst rund 60 Inseln

Und heute? Da wirkt „Nature’s little secret“, wie sich die insgesamt 60 Inseln nennen, wie ein Boxer, der schon mit dem ersten Gong ausgeknockt schien – um dann in der letzten Runde doch noch seinen Titel zu verteidigen. Zwar hat Irma den BVI beim Kampf Mensch gegen Natur gleich zwei dunkelblaue Augen, einige Cuts und dazu noch manchen fiesen Tiefschlag verpasst, aber gewonnen haben letztlich die Leute auf Tortola, Virgin Gorda und Jost Van Dyke, wo auch das Foxy’s zu finden ist.

Zwar ist noch lange nicht jede Wunde verheilt, doch wer das Vorher nicht kannte, ist überrascht, wie gut das Jetzt schon wieder aussieht. Will man die British Virgin Islands in einer Woche erkunden, kann man das zwar auch zu Lande versuchen, aber schon vor dem großen Sturm gab es viele Urlauber, die sich dafür lieber eine Segelyacht, einen Katamaran oder ein Motorboot gemietet haben.

Denn das Leben auf dem Wasser bedeutet nicht nur größere individuelle Freiheit, sondern ist – verglichen mit den ambitionierten Hotelpreisen – unter dem Strich oft sogar noch etwas günstiger. Einer, der das Revier seit vielen Jahren kennt und schätzt, ist Hartmut Holtmann, Geschäftsführer der KH+P Yachtcharter GmbH aus Stuttgart.

Er und sein Team organisierten im November 2018 eine Karibik-Trophy, bei der Crews und Einzelbucher auf angemieteten Segelyachten und Katamaranen die schönsten Plätze der BVI erkunden konnten und sich dabei auch einige spannende Regatten lieferten. „Unser Fokus liegt bei den Trophys mehr auf dem Spaßfaktor und dem gemeinsamen Erlebnis als auf den reinen Ergebnissen, deshalb sollte man den Wettfahrtcharakter nicht überbewerten. Aber völlig frei von Ehrgeiz sind die Skipper natürlich auch nicht.“

Deutsche Segler starten zur Karibik Trophy

Eigentlich sollte Karibik-Trophy Nummer 28, zugleich die 16. im Gebiet der British Virgin Islands, schon im Herbst 2017 stattfinden. Doch dann zog den Teilnehmern die wilde Irma einen dicken Strich durch die Rechnung. „Wir haben im November 2017 eine erste Erkundungsfahrt unternommen, um zu sehen, was hier überhaupt noch geht“, sagt Holtmann.

Die kurzen Entfernungen zwischen den Inseln und die meist berechenbaren Winde waren natürlich geblieben, die gute Infrastruktur aber hatte schwer gelitten. „Dass wir 2018 trotzdem hier und nicht woanders segeln wollten, war auch als Zeichen der Solidarität zu verstehen.“

Vieles läuft wieder im Normalbetrieb

Inzwischen ist vieles wieder aufgebaut, so dass vor allem BVI-Neulinge mitunter verdutzt fragen, was früher denn wohl anders gewesen sein mag. Die Marina in Road Town, Basis der Charteryachten von Moorings und Sunsail, läuft ebenso im Normalbetrieb wie der nahe Supermarkt, in dem sich die Crews mit dem Nötigsten versorgen.

In der Soggy Dollar Bar auf Jost Van Dyke erinnert nur noch ein abgegriffener Ordner mit Fotos aus dem vergangenen Herbst an die Katastrophe, auch auf Scrub Island sind Stege und Hotel wieder in Schuss.

Im Cooper Island Beach Club – aktuell vielleicht der lässigste Ort, um einen schönen Segeltrip ausklingen zu lassen – gibt es wunderbare Zimmer, auch im Sebastian’s oder in einem der Pusser’s-Restaurants schmeckt das Carib-Bier wieder. Doch es gibt Narben, die nicht so schnell verheilen – zum Beispiel am Gorda Sound, wo von Bitter End und Saba Rock noch immer nur die Grundmauern zu sehen sind.

Besser sieht es zum Glück in der Leverick Bay aus, wo am Abend ein karibisches BBQ-Büfett lockt und der eine oder andere „Painkiller“ gemixt wird. Dieser Cocktail enthält Rum, Orangensaft, Ananassaft und gesüßte Kokosnuss-Creme, obendrauf kommt dann noch eine Prise Muskat.

Painkiller-Cocktail wurde in den 1970ern erfunden

In den 1970er-Jahren wurde das wirkungsstarke Kaltgetränk in der Soggy Dollar Bar auf Jost Van Dyke erfunden, heute bekommt man den Drink fast überall, da er als offizieller BVI-Cocktail gilt. Der Alkohol darf allerdings nicht irgendeiner sein, sondern sollte Pusser’s Bri­tish Navy Rum heißen.

Dafür, dass die Fabrik das offizielle Label der Royal Navy führen darf, zahlt sie für jede verkaufte Flasche einen Anteil in den Sozialfonds der britischen Marine ein. Der Hintergrund: Seit den ersten Tagen der königlichen Seefahrt erhielten deren Ma­trosen vom jeweiligen Purser eine tägliche Ration Rum, die sie irgendwann schlicht „Pusser’s“ nannten. Diese Tradition wurde erst 1970 aufgegeben.

Tourismus gewinnt immer mehr an Bedeutung

Ein bisschen Seemannsgarn macht sich gut, wenn man im Gebiet der BVI von Insel zu Insel segelt. Schließlich gilt die Gegend seit Jahrhunderten als ein Revier der Geschichtenerzähler, Piraten und Glücksritter, und nicht jeder Dollar, der hier irgendwo auf einem Offshore-Konto versteckt ist, war von Anfang an sauber.

Doch das Geschäft mit Briefkastenfirmen und Steuerschlupflöchern wird international schwieriger, so dass die zweite Säule der BVI-Wirtschaft, der Tourismus, immer größere Bedeutung gewinnt. Das hat selbst Sir Richard Branson erkannt – und seine 1979 erworbene Insel Necker Island schon vor Jahren zu einem sündhaft teuren Luxusresort umgebaut. Google-Gründer Larry Page hat dort geheiratet und sich quasi nebenan eine eigene Insel zugelegt.

Richard Branson gehört Necker Island

Nun ist es aber auch nicht so, dass sich Leute wie Branson in ihren Luxushütten verschanzen. Nein, der lebenslustige Unternehmer mischt sich genauso unters Volk wie Supermodel Kate Moss oder andere Prominente, die einfach mal barfuß am Strand schlendern wollen. Richtig bunt wird es rund um Silvester, wenn nicht nur die großen Privatjets den Airport auf Beef Island verstopfen, sondern Hunderte Boote in der Bucht vor dem Foxy’s ankern.

1968 hat Philicianno „Foxy“ Callwood, der sich selbst als Poet und Entertainer bezeichnet, seine Strandbar auf Jost Van Dyke eröffnet. Als die „New York Times“ die Bar als einen der besten Plätze bezeichnete, um den Jahrtausendwechsel zu verbringen, war es mit der Ruhe endgültig vorbei.

Legendäre Feten wurden auch auf Norman Island gefeiert, dort lag bis 2017 die „Willy T“, ein in Skipper-Kreisen sehr bekanntes Party-Schiff. Irma blies den Rumpf an Land, wo das Wrack noch immer liegt. Ein Nachfolgeschiff wurde inzwischen eingerichtet, aber noch gibt es Ärger um die Frage, wo dieses langfristig vor Anker gehen darf.

Wem das alles zu viel Trubel ist, der setzt die Segel und nimmt Kurs auf Anegada, das etwa 25 Seemeilen von Tortola entfernt ist. Anders als die übrigen British Virgin Islands ist Anegada eine flache Koralleninsel, und sie wurde von Irma auf wundersame Weise weitgehend verschont. Zu sehen gibt es hier fast weiße Strände und, mit einem Fernglas, auch Flamingos.

Eine Inselrundfahrt führt zu keinen nennenswerten Sehenswürdigkeiten, hier setzt man sich am besten mit einem kühlen Drink an den Strand, etwa am Cow Wreck Beach, genießt die Farben von Himmel und Meer und wartet auf das Dinner. Denn dann kommt eine Spezialität auf den Tisch, für die Anegada berühmt ist: die vielleicht schmackhaftesten Lobster der Karibik, serviert nur mit Butter und Zitrone.

Weitere Informationen Rund 60 der Jungferninseln gehören als British Virgin Islands (BVI) zum Gebiet der British Oversea Territories, die anderen sind US und Spanish Virgin Islands. Die BVI sind assoziiert, aber werden nicht von Großbritannien regiert. Zahlungsmittel ist der US-Dollar, für Autos gilt Linksverkehr. Anreise z. B. über Puerto Rico oder St. Martin, weiter mit kleinen Maschinen karibischer Airlines. Segelyachten und Katamarane bieten z. B . Moorings (moorings.de) und Sunsail (sunsail.de), je nach Bootstyp, Belegung und Reisezeit ab ca. 100 Euro. Internet: www.bvitourism.com.


(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Moorings und BVI Tourism).