Jubiläum

Ostseeinsel Fårö: Auf den Spuren von Ingmar Bergman

Der schwedische Oscarpreisträger Ingmar Bergman verhalf der Insel Fårö zu Weltruhm. Im Sommer feiern Fans dort seinen 100. Geburtstag.

Das ehemalige Wohnhaus von Ingmar Bergman auf Fårö ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Das ehemalige Wohnhaus von Ingmar Bergman auf Fårö ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Foto: Simon Paulin

Fårö.  Seine drei Oscars hat er auf dem Klo aufbewahrt. Mit dem rostigsten Auto der Insel fuhr er ganz in Gedanken oft auf der falschen Straßenseite, und sein Haus baute er am denkbar deprimierendsten Strand: Kinolegende Ingmar Bergman liebte die Reduktion auf das Wesentliche und fand auf der kleinen Ostseeinsel Fårö sein Paradies. In diesem Jahr wäre der Schwede, der 1997 in Cannes zum „Besten Filmregisseur aller Zeiten“ gekürt wurde, 100 Jahre alt geworden.

Die schwedische Insel Gotland, irgendwo in der Mitte zwischen Schweden und Lettland, ist ein Ort, wo Kinder noch auf Bäume klettern und selbst die Prinzessin unbehelligt von Paparazzi im Restaurant essen kann.

Wer auf Fårö vom Festland redet, meint Gotland

Rund 57.000 Menschen wohnen auf dem zweitgrößten Eiland umgeben von knapp 100 Kirchen und zigmal so vielen Kilometern Sandstrand, die meisten davon in der hübschen Inselhauptstadt Visby zwischen Kopfsteinpflaster, märchenhaften Ruinen und mittelalterlicher Stadtmauer. Wenn die Leute hier über das Festland sprechen, meinen sie Schweden. Wer auf Fårö vom Festland redet, meint Gotland.

Fårö, die kleine Insel im rauen Norden, ist von Gotland nur durch einen schmalen Sund getrennt. Gerade mal sieben Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre. Und doch ist hier alles ein bisschen anders: Der lokale Dialekt hat mehr mit der isländischen Sprache gemein als mit dem Schwedischen. Es gibt weder Straßennamen noch Gehwege oder Ampeln.

Landschaft wirkt wie mit Photoshop verschönert

Und alles wirkt so kontrastreich, als hätte jemand in Photoshop die Szenerie am Computer bearbeitet: Knallgrünes Moos glitzert in den schattigen Kiefernwäldern, dunkelrote Holzhäuser wachsen hinter grellgrauen Mauern aus groben Steinen empor, die weißen Kalksteinkiesel am Strand werfen das Licht hell zurück, ja, sogar der Asphalt scheint in der Sonne fast zu leuchten.

Wenn dagegen Wolken aufziehen, kommt man sich vor wie in einem von Bergmans alten Schwarz-Weiß-Filmen: Dann geht das dunkle Grau des Steinstrandes über in das hellere des Meeres, in das dunklere Grau des Himmels.

Ingmar Bergman war Fårös wichtigster Arbeitgeber

Licht, Farben, Formen – Fårö ist die Welt, wie Ingmar Bergman, der vor allem mit seinen düsteren Dramen („Licht im Winter“, „Das Schweigen“) in Erinnerung geblieben ist, sie sah. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, soll der Regisseur gesagt haben, als er an einem regnerischen, kalten Apriltag auf der Suche nach einem Drehort für seinen später oscarprämierten Film „Wie in einem Spiegel“ 1960 zum ersten Mal auf die Insel kam.

Und er hielt Wort: Noch in derselben Dekade baute der Meisterregisseur ein Haus am Strand. Das Beziehungsdrama „Passion“ wurde hier gedreht, auch die überaus erfolgreichen „Szenen einer Ehe“ – Bergman wurde für die Einheimischen zum wichtigsten Arbeitgeber. Seit 2007 ist er auf „seiner“ kleinen Insel, die nur 7,5 Kilometer schmal und 18 Kilometer lang ist, auf dem Friedhof an der Kirche begraben.

Selbst für eine Insel steht Bergmans Haus an einem isolierten Ort

Die Suche nach der einstigen Bergman-Residenz, die nicht öffentlich zugänglich ist, gestaltet sich schwierig. Wer fündig wird, erhascht so etwas wie einen kleinen Blick in Bergmans Seele: Ausgerechnet da, wo der Steinstrand besonders dunkel, breit und trostlos ist, wo sich der Schotter zu einem einzigen harten Felsen verdichtet hat, versteckt sich das Haus im Kieferndickicht. Selbst für eine Insel mit nur 505 Einwohnern ein isolierter Ort.

„Er hat immer über den Horizont gesprochen“, erinnert sich Arne Carlsson, der erst Statist, dann Lkw-Fahrer und schließlich Kameramann für den Oscarpreisträger war, darunter auch beim zweiten Dokumentarfilm über seine Heimat Fårö. „Vor seinem Haus am Strand hat er einen Stuhl aufgestellt und den Horizont betrachtet. Er sagte: So kann ich gute Manuskripte schreiben.“

In Bergmans Haus dürfen heute Künstler wohnen

Heute sollen die karge Aussicht und die asketischen Räume anderen als Inspiration dienen: Bis zu drei Monate dürfen Künstler aus aller Welt mit einem Stipendium in Bergmans Haus und seinen übrigen von einer Stiftung verwalteten Immobilien wohnen und arbeiten.

Zwar gibt es auf Fårö auch sanft geschwungene Buchten mit goldgewellten Dünen und feinen Sandstränden, die im Ruf stehen, Gotlands beste zu sein, und in der warmen Jahreszeit gut 15.000 schwedische Urlauber anziehen. Aber die passten nicht in Bergmans Bild.

„Er war immer, ob privat oder beim Filmdreh, an den Steinstränden“, weiß Kerstin Kalström vom Bergman Center. Das Museum, das in der ehemaligen Schule untergebracht ist, führt in Schwedisch, Englisch und Deutsch durch Bergmans Liebe zur Insel.

Filmvorführungen, Lesungen und Drehort-Safaris

Im Sommer, wenn Touristen und Film-Enthusiasten zur alljährlichen Bergman-Woche – in diesem Jahr vom 25. Juni bis zum 1. Juli – strömen, finden auf Fårö Filmvorführungen, Vorlesungen und Meisterkurse von internationalen Gästen statt. Ang Lee oder Wim Wenders waren schon da. Dieses Mal hat sich die deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta angekündigt.

Weltweit wird Ingmar Bergman rund um seinen Geburtstag am 14. Juli, aber auch über das ganze Jubiläumsjahr verteilt gefeiert: Zwischen Singapur und Moskau, Chicago und Berlin kommen seine Filme wieder in die Kinos, die Filmfestspiele von Cannes zeigten Dokumentationen, es gibt Ausstellungen, Theateraufführungen, eine Buchreihe.

Auf Fårö werden auch Drehort-Safaris angeboten. Zu dem Strand, an dem Harriet Andersson als Karin in „Wie in einem Spiegel“ mit ihrer Schizophrenie ringt. Zu dem Küstenstück, an dem die Krankenschwester Alma (Bibi Andersson) und ihre Patientin Elisabet Vogler (Liv Ullmann) in „Persona“ einen Kampf um ihre Identität führen.

Und zu den bizarren Kalksteinsäulen an der Westküste, den Raukar, die dem Film „Schande“ als apokalyptische Kulisse dienen.

Tipps & Informationen

Anreise Ab Berlin z. B. mit Scandinavian Airlines (www.flysas.com) über Stockholm nach Visby und weiter mit dem Mietwagen. Oder ab Stockholm/Nynäshamn mit
der Gotland-Fähre (www.gotlandfaehre.com) in drei Stunden nach Visby. Die Fähre zwischen Gotland und Fårö ist kostenlos und fährt mindestens im Halbstundentakt.

Ingmar Bergman Die Bergman-Woche auf Fårö findet immer in der Woche nach Mittsommer statt, in diesem Jahr vom 25. Juni bis 1. Juli. Das Programm ist online unter www.ingmarbergman.se auch in Englisch zu lesen. Das Bergman Center ist bis zum 31. Mai sowie vom 3. bis zum 16. September donnerstags bis sonntags von 12 bis 16 Uhr und vom 2. Juni bis zum 2. September täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter www.bergmancenter.se.

Kontakt Destination Gotland, www.destinationgotland.se/de

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