Für einen kurzen Gänsehautmoment denkt man, Elvis habe das Gebäude nie verlassen. Vielmehr fühlt es sich an, als wäre man auf Zeitreise im Studio B gelandet und der King stünde gerade vorn am Mikro. Schließlich ist das Licht aus, und in die Dunkelheit hinein singt er mit gefühlvoller Stimme seine Ballade „Are you lonesome tonight“. Ganz so wie damals im April 1960, als er in ebendiesem Studio die Lichter ausknipsen ließ bei der scheinbar perfekten Aufnahme des Klassikers – sieht man von einem kleinen Schönheitsfehler ab. „Elvis stolperte am Ende des Songs“, verrät Guide Brenda auf der Tour durch die heiligen Musikhallen. Und tatsächlich ist während der letzten Takte ein dumpfes Geräusch zu hören, das man vorher nie bemerkt hat.
Es ist eine von zahlreichen Anekdoten über Studio B, wo auch viele andere Legenden ihre Platten aufnahmen. Mehr als 35.000 Songs wurden hier eingespielt, darunter Klassiker von Dolly Partons „Jolene“ bis Johnny Cashs „I walk the Line“. „Und 1000 waren Hits“, berichtet Brenda. So wie in Studio B führen überall in Nashville Spuren in die reiche Geschichte der Music City, die ihre Helden feiert und voll ist von Museen und Huldigungsorten wie der Country Music Hall of Fame, die sehr anschaulich die Geschichte von Country und Folk bis in die Gegenwart erklärt.
Nashville wird so zur perfekten Einstimmung für einen Roadtrip durch die Südstaaten, in denen Blues, Country, Rock ‘n’ Roll ihre Ursprünge haben. Von dort aus geht es auf dem Highway nach Westen in Richtung des nächsten Musik-Epizentrums: Memphis, die Stadt des Blues, des Soul von Stax Records und natürlich von Elvis. Letzteres allein schon wegen der Villa Graceland, die den Fokus aufs glanzvolle Gedenken und die Erfolge lenkt. Die wohl schönste Möglichkeit, dessen Spuren zu folgen, ist aber eine Tour in Tad Piersons Cadillac. Im Neonlicht der legendären Sun Studios, wo Elvis einst entdeckt wurde, erscheint sein Wagen fast so pink wie der, den der King einst seiner Mutter schenkte. Doch der Künstler Tad steuert auch unbekanntere Orte an– er fährt beispielsweise zur einstigen Sozialwohnung der Presley-Familie, in der man heute in Elvis’ Jugendzimmer übernachten kann. Er stoppt vor der Humes Highschool, wo Elvis zur Schule ging, und erzählt vom Teenager und dessen, wie er sagt, fast schon krankhafter Schüchternheit. „Wenn man nur ein wenig tiefer gräbt, kommt der Mensch zum Vorschein.“
Der Highway 61 führt zur Wiege des Delta Blues: nach Mississippi
Nach ein paar Stunden endet die Fahrt nahe der Beale Street am einstigen Haus des Komponisten und Trompeters W. C. Handy, der als Vater des Blues bezeichnet wird – jener Musik, die an der berühmten Straße noch immer aus Musikschuppen und Touristenkneipen dringt. Früher, zur Zeit der Rassentrennung, war dies das Zentrum der Schwarzen und ihrer Musik. Zahlreiche Blues-Legenden spielten hier, die auch Elvis und viele andere weiße Musiker beeinflussten. B. B. King eröffnete dort sogar seinen eigenen Club. Im Club gegenüber hat heute Big Don Valentine einen Auftritt. Der ist tatsächlich ziemlich „big“ und heizt der Nacht mit seinem kräftigen Organ und dem herrlich schmutzigen Sound seiner Blues-Coversongs ein, bevor der Roadtrip am nächsten Morgen tiefer in den Süden führt. Dorthin, wo viele schwarze Musiker wie Muddy Waters und B. B. King herkamen: über den Highway 61 nach Mississippi, wo im frühen 20. Jahrhundert der Delta Blues entstand.
Die Landschaft ist flach und weit. Baumwollfelder, auf denen früher afroamerikanische Arbeiter schufteten, erstrecken sich bis zum Horizont. „Der Blues wurde aus der Verzweiflung der Menschen geboren“, erklärt Vickie Jackson vom neuen Grammy Museum in Cleveland/Mississippi, das in einer interaktiven Ausstellung durch die Pop-Rock-Hip-Hop-Historie rauscht, aber auch Infos zu Künstlern bietet. „Die Musiker hier hatten einen großen Einfluss mit ihren Liedern, mit denen sie auch auf soziale Ungerechtigkeiten hinwiesen.“ Finanziell hätten sie aber selten von ihren Songs profitiert, da ihnen als Schwarze die Rechte an ihrer Musik nicht gehörten.
In der Kleinstadt Clarksdale erinnern das Delta Blues Museum und die umfangreiche Sammlung eines enthusiastischen Musikfans aus Holland im Rock and Blues Museum an die Geschichte dieser essenziellen Musikform. An der Kreuzung von Highway 61 und 49 stehen zudem zwei Gitarren in Erinnerung an einen berühmten Deal: Robert Johnson verkaufte hier für sein Ausnahmetalent im Gitarrenspiel seine Seele an den Teufel – das besagt zumindest der Mythos. In den 1920ern und 30ern war Johnson Pionier, gilt als bedeutender Vertreter des Delta Blues.
Im großen Club Ground Zero, den Oscar-Preisträger Morgan Freeman in der Kleinstadt eröffnete, finden mehrmals in der Woche Konzerte statt. Heute Abend bringt eine junge Blues-Rock-Band die Wände zum Zittern. Eine ganz andere Atmosphäre herrscht ein paar Straßen weiter in Red’s Lounge. Wohnzimmergefühl, Schummerlicht. Wortlos reicht der bärige Betreiber Red ein kühles Bier hinüber. Ein Schnauzbartträger mit Cowboyhut und schweren Stiefeln schiebt bei einem Tanz seine deutlich jüngere Begleitung über die Tanzfläche, während Muleman Massey – ein stämmiger Weißer Mitte 40 – in melancholischen Songs von Gefühlen singt.
Als hätten die Rolling Stones gerade noch „Wild Horses“ aufgenommen
Weniger für Blues als für Southern Soul wurden die Studios in Muscle Shoals im Norden des benachbarten Bundesstaats Alabama bekannt. In den 60er- und 70er-Jahren kamen viele Stars hier ins ländliche Nirgendwo und produzierten Hits. Dann geriet das musikalische Erbe in Vergessenheit, bis es vor wenigen Jahren durch einen Dokumentarfilm wiederentdeckt wurde. Verantwortlich war auch eine Studioband namens The Swampers – eine Gruppe weißer Musiker, die den Aufnahmen oftmals schwarzer Sänger den besonderen Muscle-Shoals-Sound verlieh. Spooner Oldham war in den Fame Studios dabei und ist an Klavier oder Orgel bei Klassikern wie „When a Man loves a Woman“ von Percy Sledge zu hören. Die Liste berühmter Musiker, mit denen er zusammenarbeitete, sorgt bei ihm nur für Schulterzucken. „Ich bin da durch Zufall hineingestolpert; es war ein Job“, sagt der 73-Jährige, der es als Sideman in die Rock and Roll Hall of Fame geschafft hat.
Nicht nur die Fame Studios sind für Touren geöffnet. Auch das Muscle Shoals Sound Studio wurde kürzlich wieder so hergerichtet wie in den 70ern: Vor dem Schild an der Fassade kann man sich fotografieren wie Cher auf dem Album-Cover von „3614 Jackson Highway“. Darin sieht es aus, als wären die Rolling Stones gerade erst abgereist, nachdem sie „Brown Sugar“, „You gotta move“ und „Wild Horses“ aufgenommen haben.
Nach Muscle Shoals schließt sich der Kreis auf dem Roadtrip schließlich beim letzten Stopp im trubeligen Nashville. Zur Music City wurde die Stadt durch die Radiosendung „Grand Ole Opry“: Die zog viele Musiker an, wodurch sich nicht nur auf der berühmten Music Row die Musik-Industrie entwickelte. Bis heute ist Musik überall präsent. Viel Country, aber auch Bluegrass, Jazz, Indierock. Am Broadway dringen selbst tagsüber Live-Songs aus den Clubs, und an den Abenden dominiert der Party-Tourismus: laut, promillehaltig. Warum die Stadt auch „Nash-Vegas“ genannt wird, hat man schnell verstanden.
Viel intimer ist die Atmosphäre im Station Inn, einem beliebten Bluegrass-Club. „Warum die Akustik hier so gut ist, weiß niemand, aber selbst bei vollem Haus hört man alles perfekt von der Bühne“, sagt Thomm Jutz, ein deutscher Musiker mit großer Leidenschaft für Bluegrass. Vor 15 Jahren verschlug es ihn aus Süddeutschland in die Stadt, die bis heute auf Musiker einen ähnlichen Sog ausübt wie Los Angeles auf Schauspieler. Heute findet im Station Inn eine Jam-Session statt, mit der der Roadtrip ausklingt.

