„Ein Paradies. Zum Kotzen schön“, findet Otto Dix die Idylle am Bodensee. „Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh!“ Der Mann war ein Eigenbrötler und liebte es drastisch, malte Huren, Kriegskrüppel und das flirrende Berliner Nachtleben. Klar, dass den überzeugten Stadtmenschen die Abgeschiedenheit und die Stille erst einmal verstörten. Das Ehepaar Dix hatte ein Faible für Jazztänze, war gesellig, und nun dieses Dorf mit all den Bauern. Die konnten mit seiner Malerei so gar nichts anfangen. Zumal Dix nicht freiwillig dorthin gezogen war.

1933 hatten die Nazis ihn als ersten Professor aus dem Amt in der Kunstakademie Dresden entlassen. Er durfte seine Gesellschaftssatiren nicht mehr zeigen. 1936 kam er mit seiner Familie ins kleine Örtchen Gaienhofen auf die Halbinsel am westlichen Bodensee. Martha, seine Ehefrau, hatte geerbt und finanzierte den Neubau am Hang.

Die Gemeinde Gaienhofen mit den Ortsteilen Gaienhofen, Horn und Hemmenhofen wird bis heute gern als „Künstlerwinkel“ am Bodensee bezeichnet. Otto Dix ist ein gutes Aushängeschild für die Gegend. Das helle Licht lockt noch heute, die milden Temperaturen, kurz das mediterrane Klima.

Der Hintergrund ist tragisch: Viele von den Nazis bedrohte und verfemte Künstler wichen dorthin aus, die neutrale Schweiz war nah, das gegenüberliegende rettende Ufer schnell zu erreichen. Zur Not konnte man schwimmen. Wer hier lebte, konnte – wie Otto Dix – die Flucht ins Ausland antreten. Hier war man sicherer als in Berlin oder Dresden. Höri bedeutete wohl eine Art der inneren Emigration, von der politischen Kommunikation war man abgeschnitten.

Mit dem Rad zur Literatur

Beim Tourismusverband Untersee will man diese Geschichte(n) stärker beleben. Der Bodensee ist ein beliebtes Urlaubsziel, Konkurrenz gibt es rund um den See, da möchte man ein eigenes kulturelles Profil ausbilden. Verblüfft schauen wir auf unseren Rucksack voller Broschüren. Hier lässt sich einiges unternehmen, eine Dreitagestour ist allemal zu empfehlen. Da gibt es Touren „Rund um den Wein“, „Kirchen und Klöster“ oder „Per Pedal zur Poesie“.

Auf gleich zwei Routen radelt man auf den literarischen Spuren von Friedrich Glauser, Thomas Mann oder Hermann Hesse. Die „Kunstroute Untersee“ führt auf 14 Kilometern mit Hilfe von 31 Stelen an genau jene Orte, wo Künstler skizzierten und malten. Da sieht man Erich Heckels „Dorf am See“ als kleine Reproduktion an der Hauptstraße, Ecke Mühlbachweg. Heckel, einer der großen Künstler des Expressionismus, kam 1944, nach der Zerstörung seines Berliner Ateliers, auf die Höri. 1970 starb er in Radolfzell.

Kleiner Tipp: Man schnappt sich das Heft zum Thema und geht flanierend auf Spurensuche der Höri-Künstler wie Helmuth Macke, Max Ackermann, Walter Waentig, Curth Georg Becker und Jean-Paul Schmitz. Ein Spaziergang hinauf zum Höri-Museum lohnt, gemütlich gelegen am ehemaligen Dorfplatz mit der uralten Linde und der Rundbank. Im Haus sind Werke der regionalen Maler ausgestellt. Die Direktorin erklärt, dass für diese Künstler das einfache Leben Vorbild war. Allerdings sei die Höri nie Künstlerkolonie gewesen wie Worpswede, nur ein loser Verbund.

Otto Dix, der Womanizer

Wer mehr über Otto Dix und all die Anekdoten auf der Höri erfahren möchte, sollte das ehemalige Wohnhaus, das neu aufgestellte „Museum Haus Dix“ unbedingt besuchen. Es steht als Außenstelle in der Obhut des Museums Stuttgart. Die Gemeinde konnte das Projekt alleine nicht mehr stemmen. Mehr als zwei Millionen Euro flossen in den Kauf.

Wenn Dix nicht in seinem Atelier im ersten Stock arbeitete, wanderte er durch die Natur, die er in verschiedenen Stimmungen malte. Bei Sonnenschein kann es kaum malerischer sein auf der Höri. Es grünt und sprießt und blüht, als würde der Herrgott hier jeden Tag persönlich düngen. Wenn man seinen Spazierstock in den Boden steckt, gibt es bald Blüten – so sagt man hier.

Wir folgen also dem geschwungenen Höhenweg von Otto Dix, hier marschierte er täglich mit der Milchkanne entlang, ein fantastisches Panorama vor Augen: das gegenüberliegende Schweizer Ufer mit dem Dorf Steckborn und dem hübschen Kirchturm, den glitzernden See, die saftigen Wiesen und die bewaldeten Hänge. Die verwitterte Holzbank steht heute noch. Wer weiß, wen er an diesem pittoresken Eckchen Erde getroffen hat. Dix war ein Womanizer, alle wussten das.

„Triumph des Todes“ beim Essen

Die Familie lebte mit Ottos Gemälden. „Einen freien Platz an den Wänden gab es nicht“, sagt Dix-Sohn Jan, der gleich in der Nachbarschaft wohnt und seine Erinnerungen im Audioguide lebendig festgehalten hat. Da hängt die laszive „Anita Berber“ direkt am Treppenaufgang, so als wollte die „femme fatale“ in die oberen Schlafgemächer locken.

Beim Essen am runden Tisch schauten die drei Kinder auf den „Triumph des Todes“. Und Martha, die guckte beim Spielen am Flügel auf den See – und das „Großstadt-Triptychon“. Eines der Hauptwerke ihres Mannes. Alle Gemälde sind als Schattenbilder dort platziert, wo die Originale einst hingen.

Wir steigen die Treppen in den Keller hinab, dort, wo die wackeligen Weinregale stehen und in den Sechzigern wild Fastnacht gefeiert wurde. Mit heftiger Geste malte der Hausherr Harlekine und einen paffenden Ludwig Erhard – damals war er Bundeskanzler – als Kentaur auf die Wände. 2012 legten Restauratoren im Wäschekeller weitere Wandbilder frei: Füße, Frösche und einen Feigenbaum mit männlichen Früchten.

Hesse entdeckte die Höri als erster

Hermann Hesse übrigens war der erste, der die Höri für sich entdeckte. 27 Jahre alt war er, als er 1904 dorthin zog, nicht mal 300 Einwohner zählte Gaienhofen. Der Mann war ein Gartenanfänger, aber ein begnadeter. Über all die Blumen und Bäume samt Wurzelgemüse hat er in vielen Briefen berichtet. So haben wir uns zu einer Gartenführung im Hesse-Haus angemeldet, das in Privatbesitz ist. Die Gartenpforte besitzt keine Klinke. Geöffnet ist, wenn die Hausherrin Eva Eberwein es möchte, die Familie lebt ja im einstigen literarischen Refugium.

Wir stehen mitten in einem kräftig leuchtenden, nur scheinbar wild gewachsenem Paradies aus Nieswurz, Jungfernreben, Mohn, Blauregen, Iris und Rittersporn. Ach ja, die Stadt ist so fern. Im verwachsenen Birnenbaum, dem 150 Jahre alten „Wächter des Hauses“, wohnt eine Eule, erzählt Frau Eberwein. Und dass sie in Hesses Briefen einen peniblen Gartenplan von 1907 gefunden hat. Die Biologin leistete über Jahre archäologische Kleinstarbeit, um selbst die Gemüsereihen zu rekonstruieren. Hesse war zeitweise Vegetarier. Neben der Pflege von Erbsen und Spinat brachte der Meister natürlich auch etwas aufs Papier: 25 Erzählungen und der Roman „Gertrud“ fallen in die Gaienhofener Zeit.

Vom „Hoeri“ zum „Hirschen“

Idealer Startpunkt für diese Touren ist das direkt am See gelegene „Hotel Hoeri“, von hier sind es nur wenige Minuten zu Fuß zum Dix-Haus und weiter ins Höri-Museum. Auf der weiten Wiese mit den Gänseblümchen und den Kuschel-Muscheln lässt sich herrlich entspannen – inklusive Seeblick. Wer Spaß an tollem, zeitgemäßen Design hat, also Schindeln, Fell und ganz viel Holz mag, der ist im etwas höher gelegenen „Hotel Hirschen“ auf der Spitze der Halbinsel gut versorgt.

Auf unserem letzten Fußmarsch durch die Streuobstwiesen erreichen wir die Kunstfabrik am See in Horn, die direkt ans Naturschutzgebiet grenzt. Als die Künstlerin Beate Bitterwolf und ihr Mann auf der Suche nach einer neuen Heimat im Grünen waren, stießen sie auf das einstige Industriegebäude. Mittlerweile hat es sich in ein einladendes Kunsthaus mit Ateliers, einigen Zimmern und zwei Appartements verwandelt. Man muss nicht Otto Dix sein, um sich einige Tage dort einzumieten. Jedenfalls lässt sich drinnen wie draußen wunderbar malen, werkeln und quatschen. Die „Malstrasse“ an der Schafwiese lädt dazu ein. Schade, wir müssen weiter, zurück nach Berlin.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Landkreis Konstanz.