Türkei

Was man an einem Wochenende in Izmir erleben kann

Es muss nicht immer Istanbul sein: Izmir, an der Ägäis-Küste gelegen und drittgrößte Stadt der Türkei, ist modern, weltoffen und steckt zudem voller antiker Schätze.

"Izmir ist wie Berlin", sagt der Taxifahrer, selbst in der mit 3,9 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt der Türkei geboren, auf dem Weg zum Flughafen Berlin-Tegel. Modern, tolerant, westlich orientiert und eher regierungskritisch seien die Menschen dort. Mehr kann er mir nicht auf den Weg geben; leider sind wir erst spät ins Gespräch gekommen.

Gleich bei der Ankunft wird der bedeutendste Unterschied zwischen beiden Städten klar. Denn Izmir hat etwas, was Berlin nie haben wird: die Lage am Meer. Wie ein Band zieht sich die Stadt, im Hinterland von Hügeln begrenzt, um eine tiefe Bucht an der westtürkischen Ägäis-Küste.

Schon morgens herrscht Leben auf der kilometerlangen begrünten Uferpromenade, die im Zentrum Atatürk-Straße heißt, kurz auch Kordon genannt. Angler werfen ihre Leinen aus, andere führen Hunde aus, frühstücken in einem der Cafés am Wasser, spielen Backgammon oder joggen.

In der monotonen Reihe eher unansehnlicher Neubauten, die die Promenade säumen, fällt ein Gebäude auf: Es ist das Haus, in dem Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen türkischen Republik, in den 1930er-Jahren wohnte, wenn er in der Stadt war. Heute ein Museum mit Räumen, die noch so eingerichtet sind wie zu Zeiten Atatürks (bis hin zum Handtuch, das über der Badewanne hängt), wirkt das Gebäude aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Vergleich fast niedlich – ein Anachronismus, der von architektonisch glanzvolleren Zeiten zeugt.

Erdbeben und Kriege haben nur wenige historische Gebäude in Izmir verschont. Und beim Wiederaufbau scheint Funktionalität wichtiger als Form gewesen zu sein. Dass die Stadt dennoch Charme hat, liegt vor allem an den Menschen. Nicht nur am Kordon, auch andernorts ist ein lässiges, mediterranes Lebensgefühl zu spüren. Eben erst angekommen, fühlen wir uns kaum fremd und tauchen sofort in einen unverfälscht türkischen Alltag ein.

160 Kreuzfahrtschiffe legen jährlich an

Das erstaunt zunächst, weil jährlich 160 Kreuzfahrtschiffe in Izmir anlegen, Tendenz steigend: 2011 werden mehr als 400.000 Gäste allein von Luxuslinern erwartet. Von Touristen überrannt ist die Stadt dennoch nicht. Die meisten Urlauber kommen nur nach Izmir, um die berühmten antiken Stätten wie Ephesus oder Pergamon – beide etwa 80 Kilometer entfernt – zu besuchen. Ein guter Teil der Touristen spart sich sogar gleich die Fahrt in die Stadt und steigt in der Nähe des Flughafens ab.

Das soll sich ändern. In den letzten Jahren hat die Stadt viel unternommen, um ihr Image als laute und hässliche Metropole loszuwerden und sich zu einer attraktiven Mittelmeermetropole zu entwickeln. Dass sich Izmir für 2020 als Austragungsort der Expo bewirbt (nach einem gescheiterten Versuch für 2015), dürfte die Motivation stärken. Gepflegte Grünanlagen entstehen, und die wenigen historischen Gebäude werden restauriert. Stolz ist man darauf, nach Ankara die zweite Stadt in der Türkei mit einer Metro zu sein - ihr Ausbau soll den Verkehr weiter entlasten.

Folgt man der Uferpromenade in Richtung Süden, kommt man zum Konak-Platz. Hier steht ein Uhrenturm, das Wahrzeichen der Stadt. Erbaut wurde er 1901 zum 25. Jubiläum der Thronbesteigung des Sultans Abdulhamid II. Die Uhr selbst war ein Geschenk des deutschen Kaisers Wilhelm II. als Zeichen der türkisch-deutschen Freundschaft.

Der Turm wirkt – ebenso wie die im 18. Jahrhundert errichtete Yali-Moschee auf demselben Platz – eher zierlich. Weil für seinen Bau Eisen und Blei verwendet wurden, ist er erdbebensicher. Und von der Uhr heißt es, sie sei noch nie stehengeblieben.

"Das sind alles echt türkische Fälschungen"

Hinter dem Platz erstreckt sich das historische Basarviertel Kemeralti. Leicht verliert man sich im Labyrinth der stark belebten Gassen. Ob Lebensmittel, günstige Kleider, Schuhe oder Kunsthandwerk – das Angebot an Waren ist immens. Auch für einen kleinen Imbiss zwischendurch bietet sich der Basar an.

Viele der Händler sprechen deutsch, und schneller als gedacht sitzen wir in einem Laden beim Tee und begutachten die Handtaschen in den Regalen. "Was möchten Sie - Gucci, Hermès? Ich habe alles hier. Nicht etwa aus China, das sind alles echt türkische Fälschungen", erklärt uns der Verkäufer stolz.

Im Basarviertel stehen neben der 1597 erbauten Hisar-Moschee, der größten und architektonisch bedeutendsten Moschee der Stadt, auch noch neun von ehemals 40 Synagogen. Rund um die Havra-Straße siedelten sich die ersten Juden an, die mit Beginn der Inquisition ab 1492 aus Spanien und Portugal kamen.

Über Jahrhunderte lebten sie friedlich mit den Muslimen zusammen. Inzwischen gibt es Pläne, die Synagogen im Viertel zu restaurieren - allerdings hauptsächlich für die Touristen, denn heute sind hier gerade mal 1400 Juden ansässig.

Noch im 19. Jahrhundert lebten Zehntausende Juden in der Stadt. Die Mehrheit bildeten aber Christen (Griechen und Armenier), weshalb muslimische Türken damals auch von "Gavur Izmir“ (ungläubiges Izmir) sprachen. Nachdem griechische Truppen 1919 die Stadt besetzt hatten und reihenweise muslimische Zivilisten töteten, eroberte sie die türkische Befreiungsarmee unter Atatürk 1922 zurück. Ganze Stadtviertel brannten nieder und weit über 100.000 Griechen, Armenier und Juden wurden getötet oder mussten fliehen.

Jüdisch war einst auch das Viertel rund um den imposanten Aufzug (türkisch: Asansör) im Stadtteil Karatas. 1907 spendete der Geschäftsmann Nesim Levi den Fahrstuhl, der zwei Straßen mit einem Höhenunterschied von 51 Metern miteinander verbindet. Die Fahrt empor lohnt sich: Auf der Terrasse des Aufzugsgebäudes gibt es ein Café, das einen wunderbaren Blick über die Stadt bietet.

Unter der Erde liegen noch viele antike Schätze

Der mit 186 Metern höchste Aussichtspunkt der Stadt aber ist die Kadifekale, die Samtburg. Nachdem die Lydier Smyrna (wie die Stadt früher auf griechisch hieß) zerstört hatten, ließ sie Alexander der Große 334 v. Chr. auf dem Pagus-Hügel neu errichten. Bis heute sind Reste der Mauern und Türme erhalten. Um weitere Relikte der 8500-jährigen Geschichte der Stadt freizulegen, sollen in naher Zukunft Teile des eher ärmlichen Viertels zu Füßen der Burg abgerissen werden.

Die Stadt arbeitet an einem "Archäologie- und Geschichtspark“, zu dem auch die Agora im Stadtteil Namazgah zwischen Samtburg und Basarviertel gehört. Marc Aurel hatte den Versammlungsplatz 178 n. Chr. nach einem Erdbeben wiederaufbauen lassen. Seit 30 Jahren wird hier schon gegraben, ein Ende ist nicht abzusehen.

Einige der geborgenen Skulpturen sind heute im Museum für Geschichte und Kunst ausgestellt. Das Haus zeigt auch antike Schätze aus anderen Ausgrabungsstätten Westanatoliens, darunter Ephesus und Milet.

Neben den Überresten einer Basilika und korinthischen Säulen befindet sich auf dem Gelände der Agora ein Friedhof aus dem 19. Jahrhundert. Atatürks Mutter, Zübeyde Hanim, war hier bestattet, bevor man ihr Grab nach Karsiyaka verlegte. Der Stadtteil ist vom Zentrum aus bequem mit der Fähre zu erreichen. Etwa zwei Euro kosten Hin- und Rückfahrt - inklusive Blick auf die Skyline der zweitgrößten Hafenstadt des Landes.

Die Gelegenheit, selbst ein kleines Boot zu steuern, findet man auf einem künstlich angelegten See im Kültürpark. Für Läufer gibt es eine fast zwei Kilometer lange Joggingbahn, für Mutige einen Turm, von dem man, mit einem Gummiseil gesichert, Fallschirmspringen kann. Viele Schüler begegnen uns im Park, mehrfach winken sie uns freundlich zu - fast so, als ob sie sonst keine Touristen sehen würden.

Wer den Tag bei einem guten Essen ausklingen lassen möchte, wird in Izmir leicht fündig. Allein am Kordon reiht sich ein Restaurant ans andere, alle mit Blick auf die hinter dem Meer untergehende Sonne. Ausgezeichneten Fisch tischen das "Deniz“ (Atatürk Cd. 188/B) oder das "Veli Usta“ auf (Atatürk Cd. 212/A). Auf Fleisch hat sich dagegen das "Tavaci Recep Usta“ (Atatürk Cd. 364) spezialisiert.

Für den Drink danach bietet sich das Trendviertel Alsancak an – und dort die Gassen mit den Nummern 1453 und 1448. Man muss sich dort nicht ins "Berlin's" setzen, um festzustellen, dass Izmir eine tolerante, offene Stadt ist, in der – anders als anderswo im Orient – Alkohol und Islam kein Widerspruch sind.

Die Reise wurde unterstützt von der Botschaft der Republik der Türkei.