Kanada

Auf den Spuren wilder Tiere im Algonquin Park

Der Algonquin Park ist das älteste Naturreservat in der kanadischen Provinz Ontario. Wer von Abenteuern in der Wildnis träumt, findet hier noch unberührte Natur – ideale Voraussetzungen also für Kanufahrten und Safaris zu Elchen und Wölfen, Bibern und Bären.

Bloß nicht stecken bleiben! So lautet die oberste Devise, wenn man mit Kanus auf dem Galipo River unterwegs ist. Wobei der Name des Flüsschens etwas übertrieben erscheint – der „River“, der sich im Süden des Algonquin Parks durch die sumpfige Landschaft schlängelt, ist nicht mehr als drei Meter breit. Bereits im Mai ist der Galipo zudem kaum mehr als einen halben Meter tief, und die größte Herausforderung besteht tatsächlich darin, mit den Booten im modrigen Wasser die Mitte zu halten.

Rechts und links wuchern die Gräser so wild, dass man nicht über die Böschung schauen kann. Auch in Fahrtrichtung erkennt man nur wenig – wegen der vielen Kurven. Die unberührte Landschaft, das Zwitschern und Kreischen der Vögel, der grüne Kanal – hier kommt man sich vor wie die europäischen Trapper und Waldläufer, die diese Region seit dem 17. Jahrhundert mit ihren Kanus auf der Jagd nach Tierpelzen durchkämmt haben. Allerdings interessieren sich Besucher heutzutage nicht mehr nur für Pelze, sondern für die ganzen Tiere, denen man bei dieser „nordischen Safari“ nachstellt.

„Der Algonquin Park ist einzigartig“, sagt Rick Stronks, der Chefbiologe des ältesten Naturreservats Ontarios. „Kein vergleichbar großer Park liegt nur drei Autostunden von zehn bis zwölf Millionen Menschen entfernt.“ 7600 Quadratkilometer misst Algonquin und ist damit etwa dreimal so groß wie das Saarland. Für Bewohner der Metropolen Toronto, Montréal und Ottawa ist der Park ein beliebtes Erholungsgebiet, und für Touristen ist er ein Kanada für Einsteiger.

Wer von Abenteuern in der kanadischen Wildnis träumt, findet hier noch unberührte Natur, die zum Kanu- und Mountainbikefahren, zum Wandern, Zelten oder Tierbeobachten einlädt. Im Park leben Elche, Weißwedelhirsche, Biber, Wölfe und Schwarzbären. Auch viele Wasservögel sind auf den über 2400 Seen Algonquins heimisch. Insbesondere die schwarz-weißen Eistaucher, deren heulende, wie Kinderschreie klingende Rufe durch die Täler schallen, scheinen sich im Park wohlzufühlen.

Um möglichst viele Tiere zu Gesicht zu bekommen, sollte man sich weit in das Parkinnere begeben. Vor allem vom Wasser aus kann man in den Morgenstunden ganz nah an Elche, Hirsche und Bären herankommen, die in den Uferregionen nach Nahrung suchen. Einer der typischen Wasserwege, über die es sich relativ leicht und problemlos tief in den Park eindringen lässt, ist eben jener Galipo River.

Alle paar Hundert Meter führen Trampelpfade vom Bach weg. Stammen die von Elchen oder gar von Schwarzbären? Hinter jeder Kurve könnte einer der bis zu 250 Kilo schweren Petze planschen.

Am besten gelangt man ins Reich der Vierbeiner bei einer mehrtägigen Kanu- und Portagingtour. Eine Portage ist eine Überlandstrecke, die zwei Gewässer verbindet. Nur auf diese etwas mühsame Art und Weise kann man bis ins Parkinnere gelangen, Dutzende Seen befahren und in der Wildnis zelten. Doch plötzlich geht es erst einmal nicht weiter. Aus dem Wasser ragt ein sorgfältig aus Ästen, Gräsern und getrockneter Erde zusammengesetzter Biberdamm von fast einem Meter Höhe. Um die vollgepackten Boote darüberwuchten zu können, muss man sich vor und hinter dem Stauwerk aufstellen und kräftig schieben. Etwa einmal in der Stunde versperren solche Dämme den Weg.

Als König auf dem Plumpsklo thronen

Die Sonne sinkt, ein Lagerplatz muss gesucht werden. Die Zelte dürfen nur auf ausgeschilderten Plätzen errichtet werden. Dort gibt es neben einer Feuerstelle ein diskret platziertes Plumpsklo, bestehend aus einer aufklappbaren Holzkiste. Wer die Chance hat, auf so einer Kiste thronend den Sonnenaufgang über einem unberührten See zu beobachten, kann sich schon mal für den König des Waldes halten. Man gebietet zumindest über Streifenhörnchen, schwarze Eichhörnchen und Waschbären, die sich oft in Campnähe aufhalten.

Rick Stronks ist stolz, dass das Ökosystem des Parks dank der umsichtigen Erschließung intakt ist. „Wir wollen den Park nicht umzäunen, sondern Besuchern die Möglichkeit zur Erholung bieten und gleichzeitig die Tier- und Pflanzenwelt schützen. Dass Tiere gelegentlich gestört werden, lässt sich nicht ganz vermeiden.“

Zum Glück haben die Bewohner Algonquins ein riesiges Rückzugsgebiet, in das nur wenige Besucher eindringen. Größere Ansammlungen von Menschen gibt es nur auf dem Highway 60, der einzigen Hauptstraße im Park. Von ihm aus führen Schotterwege zu Seen und Aussichtspunkten. An diesen Orten ist man nie allein. Hat man jedoch eine Portage zwischen sich und die anderen Besucher gebracht, wird ein Treffen mit einem anderen Kanuten schon zum Highlight des Tages. Natürlich kann man den Algonquin Park auch erwandern oder mit dem Mountainbike erforschen, wenngleich es nur eine Handvoll markierter Fahrradwege gibt.

Für einen Tagesausflug eignen sich die Radwege allemal, und die Chancen, auf Elche zu treffen, stehen gar nicht schlecht. Denn die meisten Wege führen an Seen und Tümpeln entlang, wo sich die Tiere gern aufhalten. Vor allem der Old Railway Bike Trail, der den Highway kreuzt, ist ideal zur Elchbeobachtung. Der Radweg, der auf der Strecke einer alten Eisenbahnlinie durch den Park führt, ist flach und schlängelt sich durch ein waldarmes Moorgebiet, in dem man eine gute Sicht hat.

Auch beim Wandern hat man in der Nähe von Gewässern die größten Chancen, Elche zu erblicken, und das nicht zuletzt, weil die Urviecher trotz ihrer imposanten Größe im dunklen Wald kaum zu erkennen sind, während sie im Schilf hervorstechen.

Schwarzbären bekommt man als Wanderer allerdings selten zu sehen. Dies liegt in erster Linie daran, dass die Bären scheuer sind als Elche und sich aus dem Staub machen, sobald sie Menschen wahrnehmen. Daraus abzuleiten, sich möglichst lautlos durch den Park zu schleichen, wäre allerdings falsch. Wer will schon einen Bären überraschen und ihn so womöglich zum Angreifen provozieren?

Selbst Besucher, die den Park nur durchfahren, haben in Algonquin durchaus eine realistische Chance, Elche oder Bären zu sehen. Und sollte man einmal eine Reihe von Autos am Straßenrand parken sehen, heißt es: „Sofort anhalten!“ Irgendwo wird ein anderer Fahrer etwas erspäht haben. Das ist dann fast wie bei einer echten Safari.