Reiseanalysen zufolge ist der klassische Studienreisende 50 Jahre alt, überdurchschnittlich gebildet und zahlungskräftig. Und wenn er eine Studienreise bucht, erwartet er "eine Gruppenreise mit begrenzter Teilnehmerzahl, festgelegtem Reisethema und Reiseverlauf sowie deutschsprachiger, fachlich qualifizierter Reiseleitung“, ganz so, wie die Arbeitsgemeinschaft Studienreisen diese Urlaubsform definierte. Das war 1983.
Doch in den letzten 30 Jahren haben sich die Urlaubserwartungen weiter entwickelt: Der Trend geht hin zu kürzeren Reisen, verbunden mit dem Wunsch, das jeweilige Land aktiv zu erkunden. "Die moderne Studienreise lebt nicht mehr von Sehenswürdigkeiten, sondern von Begegnungen“, sagt Gebeco-Geschäftsführer Ury Steinweg. Und die renommierten Veranstalter reagieren darauf mit neuen Angeboten.
Dr. Tigges, Gebeco
Der erste Studienreiseanbieter in Deutschland war Hubertus Tigges, der 1928 DR. Tigges Reisen gründete. 70 Jahre später, 1998, kam der Veranstalter unter das Dach des Kieler Unternehmens Gebeco, das es sich zur Aufgabe macht, "Begegnungen im Gastland zu fördern, um das Verständnis für andere Kulturen und Denkweisen zu fördern“, sagt Geschäftsführer Ury Steinweg.
So wird ein Teil der Dr.-Tigges-Studienreisen unter ein jährlich wechselndes Thema gestellt; 2011 lautet es "Von Magie und Medizin“. Das ist wörtlich zu verstehen, kommen doch die Reisenden auf Rundreisen etwa durch Marokko, Peru oder Indien in Kontakt mit Heilern und Wahrsagern und deren Heilmethoden.
Ein "Erlebnis-Mehrwert“, mit dem sich die Dr.-Tigges-Themenjahrreisen von den eher klassischen Gebeco-Studienreisen abheben, die vor allem durch die Mittelmeerländer sowie zu den Hochkulturen Asiens führen. Um Jüngere zu erreichen, die keine Lust auf organisierte Rundreisen haben, aber auch nicht alleine reisen möchten, führte die TUI-Tochter Gebeco 2008 mit goXplore eine Marke für Abenteuerreisen ein.
"Junge Leute wollen unter sich sein und eine tolle Zeit erleben. Und das gelingt uns, indem wir die Reisen weltweit vertreiben, Englisch die Reisesprache ist und wir konsequent das Wort Studienreise vermeiden“, sagt Ury Steinweg. So sind die Angebote nach "Classic Adventures“, "Active Adventures“, "Overland Adventures“, "Volunteer Adventures“, "Family Adventures“ und "Limited Edition“ geordnet. Allen gemeinsam ist jedoch: Die Tour führt durch ein fremdes Land, es gibt einen Reisebegleiter, der wie bei einer Studienreise die Organisation vor Ort abnimmt und für ein "Wir-Gefühl“ sorgt.
Studiosus, Marco Polo Reisen
Pionierarbeit in puncto Studienreisen leistete auch Studiosus , ursprünglich als "Reisedienst Studiosus“ gegründet. Bereits 1954 offerierte das Unternehmen eine Busfahrt von Deutschland über den Balkan bis nach Griechenland – und damit zwei Jahre vor dem ersten Mallorca-Flug von 30 Deutschen, mit dem das Pauschalreisegeschäft in Deutschland begann.
Heute ist Studiosus Marktführer für Studienreisen in Europa und organisiert auf mehr als 1000 Routen Reisen durch rund 100 Länder, ein Vorsprung, den der Veranstalter mit einer Neugestaltung seines Angebotes verteidigt.
Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch: "Unsere Gäste können seit 2010 mit 'Extratouren' ihr Reiseprogramm ergänzen oder modifizieren: Marktbesuch statt Schlossbesichtigung, Fahrradtour statt Stadtrundgang – die Wahlmöglichkeiten sind groß, und sie schaffen individuelle Freiräume während der Reise.“
Zur Studiosus-Unternehmensgruppe gehört auch der Veranstalter Marco Polo Reisen , der preiswertere Entdeckerreisen auf 200 Routen in mehr als 60 Länder bietet, die von einheimischen Scouts begleitet werden.
Und eigens für junge Reisende wurde die Marke Young Line Travel geschaffen – "für alle zwischen 20 und 35 Jahren“. Die Altersbegrenzung ist durchaus sinnvoll, denn: "Wer bei uns eine Nepal-Reise bucht, erfährt zwar auch etwas über die Kultur und besucht Klöster, aber im Vordergrund stehen Land und Leute sowie gemeinsame Abenteuer wie Rafting und Trekking“, sagt Produktleiter Holger Baldus.
Ikarus Tours
Studien-, Abenteuer-, Aktiv-, Erlebnis-, Begegnungs-, Incentive-, Expeditions- und Flusskreuzfahrten – das Programm des seit 40 Jahren bestehenden Familienunternehmens Ikarus Tours ist breit, und die Übergänge von einer zur anderen Reiseform sind fließend.
Mit zwei Ausnahmen: Expeditions- sowie Studienreisen unterscheiden sich von anderen Angeboten dadurch, "dass sie die einzigen sind, die ab/bis Deutschland von einem Reiseleiter begleitet werden. Und manchmal sogar von zwei Experten, etwa wenn es sich um archäologisch oder naturkundlich ausgerichtete Reisen handelt. Hinzu kommen Local Guides, die vor Ort die Gruppe begleiten. Freilich sind es zumeist Ältere, die mit einem solch großen Begleittross reisen“, sagt Ole Ipsen von Ikarus Tours.
Das bedeute aber nicht, dass die Studienreise keine Weiterentwicklung erfahre. "Im Gegenteil: Best Ager sind bildungs- und genusssüchtig, warum also nicht Kirchen- und Kasinobesuch miteinander verbinden?“ Eine rhetorische Frage, die Ikarus Tours schon vor drei Jahren mit dem Private-Selection-Programm beantwortet hat.
So können Studienreisende ihre Tour zu Beginn oder am Ende um einen Badeaufenthalt verlängern oder sie in Begleitung des Studienleiters individuell fortsetzen. Ipsen: "Bis hin zur logistisch aufwendigen Expedition oder Mehr-Länder-Kombinationsreise ist alles möglich.“ Derzeit umfasst das Ikarus-Reiseprogramm 160 Länder.
Meier's Weltreisen
Zwischen der ersten organisierten außereuropäischen Reise, die Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg nach Äthiopien führte (Dr. Tigges Reisen), und der ersten Studienreise-Expedition Äthiopien von Meier's Weltreisen liegen mehr als 50 Jahre. Und ein touristischer Quantensprung.
Denn ging es den Reisenden 1958 vor allem darum, die uralten Kirchen und Klöster des Landes kennenzulernen, stehen heute Begegnungen mit Einheimischen sowie kulturelle Geheimtipps oben auf der Wunschliste. Was große Ortskenntnis der Reiseführer voraussetzt. "Mein Äthiopien“ heißt deshalb auch die in der Saison 2009 erstmals angebotene Reise, mit der Meier's Weltreisen auf Anhieb eine Auszeichnung vom Reisemagazin GEO Saison erhielt.
Inzwischen gibt es vier Reisen unter dem Titel "Mein...“. Und sie zeichneten sich alle dadurch aus, dass ein Insider sein Land auch abseits der Touristenpfade präsentiere, sagt Produktleiterin Martina Beeken. So habe man für eine Mexiko-Rundreise den früheren Kulturattachée gewinnen können.
Neu eingeführt wurden auch die Segmente Traumreisen sowie "Meier's Privat“ – "das sind Studienreisen, die in kleiner Gruppe oder für Paare allein angeboten werden“ (Beeken). Und obwohl Meier's Weltreisen als Veranstalter hochwertiger Fernreisen meist von saturierten älteren Reisenden gebucht wird, "fühlen sich viele unserer Gäste so fit, um sogar in unerschlossene Regionen zu fahren. Für sie gibt es die Hautnah-Wanderreisen und die Expeditionsreisen.“
Karawane Reisen
Der Ludwigsburger Geografielehrer Kurt Albrecht organisierte 1950 für seine Abiturienten eine Abschlussfahrt nach Venedig, und um die Reise zu finanzieren, wurde sie auch anderen angeboten – Karawane Reisen war geboren. Dass angesichts dieses bildungsbürgerlichen Gründungsmythos' Studienreisen lange Zeit das Hauptgeschäft der Ludwigsburger ausmachten, verwundert nicht.
"Doch wir gehen mit der Zeit, und heute reisen die Leute selbst auf der Fernstrecke lieber individuell, ein Trend, dem wir mit einem erweiterten Programm Rechnung tragen“, sagt Steffen Albrecht, der Enkel des Firmengründers. Das Ende der Studienreise sieht er aber nicht gekommen, schon allein weil es noch immer etliche Länder gebe, die man besser mit einem Reiseleiter besuche, "etwa die mittelasiatischen Staaten entlang der Seidenstraße sowie Südamerika und große Teile Afrikas“.
Albrecht hält auch bestimmte Nischenthemen für studienreisentauglich – und fand selbst eine solche. So bietet er in Zusammenarbeit mit dem Archäologen Hery A. Lauer die Reiseserie Archäologie & Reisen an. Während bei diesen Reisen Besichtigungen von Ausgrabungsstätten und Gespräche mit den Forschern im Vordergrund stehen, gibt es in Italien und Österreich sogar die Möglichkeit des Mitgrabens – eine Kooperation mit dem Verein der Freunde der Archäologie macht es möglich.





